Die Technik und andere Dinge

 

Bin zur Zeit leicht reizbar, sowohl im Negativen als auch im Positiven.

Vor ein paar Tagen fiel mir auf, dass meine „gefällt mir“-Klicks unter den Beiträgen nicht geklickt bleiben wollen, zumindest wenn ich es übers Handy mache. Klicke ich aber direkt beim Reader auf das Sternchen, bleibt es sichtbar. Sehr seltsam, und ich habe wohl öfter rumgeklickt, bis das dann so war, wie ich mir das erhofft hatte. Auch bin ich mir oft nicht sicher, ob meine Antworten in Beiträgen dort ankommen, wo sie hin sollen, weil sie entweder nicht sichtbar oder nicht freigeschaltet werden. Wenn zweiteres der Fall sein sollte, kann ich es natürlich nicht ändern, und ich weiß auch nicht, ob das dann ein Versehen oder Absicht ist.

Mich verwirrt es nur und ich frage mich gleich wieder, ob ich etwas falsch gemacht oder jemanden verletzt oder beleidigt haben könnte. Da wünschte ich mir etwas mehr Gelassenheit.

Dann scheine ich irgendwie wieder Kommunikationsprobleme zu haben. Ich stelle jemanden eine – meiner Meinung nach eindeutige – Frage, aber ich bekomme nur seltsame unpassende oder gar keine Antworten. Gerade, wenn man z.B. ein Treffen mit mehreren Leuten vereinbaren möchte, ist das Ziel klar: Kannst du dann und dann? Wenn nein, wann passt es dir besser – das stünde noch zur Auswahl.

Ich fühle mich dann oft selbst so benebelt, dass ich meinen Sohn frage, ob die Frage missverständlich gewesen sei. Aber vermutlich ist er der falsche Ansprechpartner, weil er mich immer versteht. Also frage ich eine Freundin, so als wäre es an sie gerichtet, aber auch sie beantwortet mir die Frage wie ich es von der betreffenden Person erwartet hätte. Von der kam jetzt übrigens gar nichts mehr. Also gut, dann ist sie beim Treffen eben nicht dabei.

Leider ertappe ich mich in solchen Situationen immer wieder bei sehr unhöflichen Gedanken: Dumme Menschen machen mich aggressiv. Lesen die nicht richtig? Hören die nicht richtig zu? Das kann doch nicht so schwer sein? :-/

Mir ist schon klar, dass man manchmal aneinander vorbei redet, oder die Aufmerksamkeit manchmal so eingeschränkt ist, dass man solche Vereinbarungen besser zu einem späteren Zeitpunkt machen sollte. Aber diesen Eindruck hatte ich nun eben nicht. Und dann denke ich wieder: Ich verstehe Menschen wohl doch nicht so, wie ich es mir immer einbilde.

Und mir fällt der nette Spruch wieder ein, den mir meine Mutter immer wieder sagte: Du kannst nicht von dir auf andere schließen. Jaaa, sie hatte ja recht.

Nun ist es aber gerade viel zu friedlich in meinem Inneren, als dass ich mich lange über derartige Geschehnisse aufregen würde. Ich bin momentan „sehr nah am Wasser gebaut“, will heißen, bei schönen Kleinigkeiten bin ich so gerührt, dass mir die Tränen kommen.

So hatte meine Tochter vergangenen Sonntag doch tatsächlich den Mut, zum allerersten Mal in ihrem Leben mit dem Zug zu fahren. Allein! Auslöser ist eine junge Dame, die sie bei (un-)regelmäßigen Treffen hier kennen gelernt hatte, und die Beiden sind sich gefühlsmäßig näher gekommen. Also brachte ich sie zum Zug, suchte mit ihr noch einen freien Sitzplatz und überließ sie ihrem Schicksal. Sie musste nicht umsteigen, was wir bewusst so ausgewählt hatten, sie hatte ihre Fahrstrecke mit Haltestellen und Ankunftszeit dabei, und natürlich war ich am Handy immer erreichbar. Vermutlich war ich selbst viel nervöser als sie, bis ich dann am Zielbahnhof die Nachricht bekam, dass sie angekommen war. Übernachten wollte sie beim ersten Mal noch nicht, also abends das Ganze wieder retour, mit dem bitteren Beigeschmack, dass ihr Handy keinerlei Verbindung mehr aufbauen wollte, und ich mich darauf verlassen musste, dass alles gut gehen würde. Sie kam dann auch wie erwartet spät abends nach Hause, bepackt mit Blumen und Kuchen (sie hatte an dem Tag auch noch Geburtstag) und netten Geschenken. Das Schönste für mich aber war ihr Strahlen im Gesicht. Und bums – schon wieder Tränen.

Und so geht das hin und her in meinem Inneren. Hoch und runter, es wird warm, es wird kalt… Alles in allem geht es mir aber sehr gut.

Auch morgen steht wieder ein besonderer Tag an: Mein Mann und ich werden uns eine Bilderausstellung meines guten Freundes ansehen und danach etwas Trinken gehen, gemütlich in eine Cocktailbar, da gibt es so schöne Nischen und Eckchen. Morgen sind es 21 – einundzwanzig(!) – Jahre, die wir gemeinsam durchs Leben gehen. Unglaublich! Und was wir in dieser Zeit alles erlebt, getan, geträumt und erreicht haben! Wir können wohl wirklich behaupten, dass wir das „in guten wie in schlechten Zeiten“ durchgezogen haben. (Bis wir das damals dann amtlich aufs Papier brachten, dauerte es zwar noch ein Weilchen, aber der Hochzeitstag ist uns weniger wichtig als der Tag morgen.)

Es wird mir warm ums Herz, wenn ich uns nun so sehe. Wenn ich zurück blicke, wie krieselig eng es z.T. schon war, wie nah dran ich hin und wieder an dem Zustand war, meine Sachen zu packen und gehen zu wollen… Aber wie deutlich es dann wieder wurde, dass uns etwas verbindet, das man nicht an jeder Ecke findet. Und wie schön es jetzt nach all den Jahren wird. Diese Vertrautheit, diese Verbundenheit, diese Einigkeit in unserer Einzigartigkeit. Und bums – schon wieder Tränen. 😀

Es ist grad nicht belastend, dass es draußen regnet. Oder dass mein Körper nicht mehr so mitmacht, wie ich es gerne hätte. Oder dass sich seit dem Tod meines Hundes Bekannte verabschiedet haben, weil man, zugegeben zu meiner Überraschung, offensichtlich doch nur das eine Thema als Verbindung hatte. Ich finde so viel Glück in den kleinen Dingen, die mir früher wegen der ganzen großen Dinge verborgen blieben. Ich werde ruhiger, gelassener. Und die Schwierigkeiten des Lebens dürfen sich jetzt einfach mal hinten anstellen.

Habt einen schönen Tag, und danke, dass Ihr hier seid!

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Was soll nur aus ihr werden!?

 

Heute ist wieder mal so ein Tag, an dem mir Sorgen und Ängste durch den Körper fließen. Ich mache mir Gedanken über die Zukunft meiner Tochter, und ich weiß nicht, wie ich ihr helfen kann.

Sie stand heute Früh mal wieder nicht auf, kommentierte meine Frage „Gehst du heut?“ mit einem wortlosen Nein. Einen Grund konnte sie mir nicht nennen, und irgendwie fühlte es sich patzig an. Schlechte Laune? Keine Ahnung. Irgendwas passiert? Nicht gut geschlafen? Ich weiß es nicht. Bei einer solchen Stimmung bohre ich nicht weiter nach, verlasse sofort wieder ihr Zimmer. Vielleicht findet sie im Laufe des Tages ihre Sprache wieder.

Dabei schießen mir wieder Sätze wie „Asperger ist eine leichte Form von Autismus“ durch den Kopf und ich runzle die Stirn. Völliger Quatsch. Mal abgesehen davon, dass das nach meiner Erfahrung schwankend ist, wie stark einem von seinem Autismus „Knüppel zwischen die Beine geworfen“ werden, finde ich diese Kategorien äußerst anmaßend. Das Eine ist der Blick von außen, wie scheinbar gut oder schlecht jemand zurecht kommt, das Andere die innere Wahrnehmung.

Und da sind dann noch die Erwartungen. Die von der Umwelt, und die eigenen von innen. Womit wir wieder bei meiner Tochter wären.

Sie macht zwar gerade ihr BVJ, was so gestaltet ist, dass sie gut mitkommt, aber eine Regelmäßigkeit hat sich bisher noch nie wirklich eingestellt. Es vergeht kaum eine Woche, in der sie nicht an mindestens einem Tag zu Hause bleibt. Deshalb wird sie auch, zumindest in nächster Zeit, keine Vollzeitstelle bedienen und sich ihren eigenen Lebensunterhalt bestreiten können. Sie wird wohl immer irgendwie auf Finanzielle Unterstützung angewiesen sein, sich immer wieder mit Anträgen und Behörden herumschlagen müssen… Das macht mich traurig. Denn rein theoretisch hätte sie die Fähigkeiten dazu. Sie ist intelligent, wissbegierig, lernfähig, interessiert, und was sie in ihren eigenen vier Wänden zu leisten in der Lage ist, was einmal als nettes Hobby begann und inzwischen kleine Aufträge mit sich bringt, lässt uns immer wieder staunen.

Wie frustrierend das aber auf der anderen Seite ist, dass schon ein Wunder geschehen muss, dass sie ihr Talent beruflich ausleben und damit Geld verdienen kann, mag sich kaum jemand vorstellen.

Die Maßschneiderei ist an sich schon ein sehr ausgedünntes Gebiet. Vieles wird inzwischen ins Ausland verlegt, und die Betriebe hier leisten sich kaum noch Auszubildende, kommen gerade selbst so über die Runden. Wer wäre da schon bereit, sich auf einen Teilzeit-Azubi einzulassen? Und wie soll das mit der Berufsschule gehen, da doch meine Tochter kein Schulgebäude mehr betritt, wo die Klassen 25-Mann stark sind, wo es keine Sonderregelungen mehr gibt, so wie das jetzt der Fall ist. Hausbeschulung wäre ideal. Nur zu den Prüfungen in der Schule erscheinen müssen wäre top.

Auf dem Papier spricht man von Inklusion, die sich hauptsächlich auf die Schulen für Kinder bezieht, aber in der Arbeitswelt? Natürlich gibt es auch hier Ideen und Vorschläge. Aber eben auch nur auf dem Papier. In der Realität sieht die Sache völlig anders aus. Oft so realitätsfern, dass es mich schüttelt.

Der Vorschlag, meine Tochter solle in einem BBW (Berufsbildungswerk) eine Ausbildung als Änderungsschneiderin machen, vergisst zwei wesentliche Aspekte: Das gibt es hier nicht in unserer Stadt („Da muss sie halt dann in einem Internat wohnen“), und auch dort gibt es vorgeschriebene Arbeits- und Berufsschulzeiten, die nicht so variabel sind, als dass sich meine Tochter dort nach ihren Möglichkeiten entwickeln könnte. Es gibt überall ein gewisses Maß an „Vogel, friss oder stirb“. Keine Chance. Das schafft meine Tochter nicht. Sie will auch gar nicht weg von hier. So weit ist sie noch nicht.

So bin ich wieder einmal am Suchen und Telefonieren, frage mich durch sämtliche Stellen und bekomme immer nur die Antwort: „Da können wir dann leider auch nichts tun.“

Diese Mischung aus Wut und Trauer kommt wieder hoch. Und eben auch Angst und Sorge. Was soll aus meinem Kind einmal werden? Wie wird sie ihr Leben stemmen, wenn ich mal nicht mehr bin? Da kann sie noch so motiviert sein, einmal eine eigene Wohnung zu beziehen, ihr Geld verdienen, womit sie sich ihre Träume erfüllen kann, aber im Endeffekt wird sie immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück geholt, an Tagen wie heute.

Dann kam mir meine Erinnerung an mich selbst. Was habe ich in meinem Leben schon alles erreicht? Was ist aus mir geworden?

Ich bekam mit nicht ganz 18 meinen ersten Sohn, wodurch ich auch keinen Schulabschluss habe. Ich wohnte damals noch bei meiner Mutter, zeitweise verbrachten wir auch viel Zeit bei den Eltern des Kidsvaters, der selbst noch in der Ausbildung war. Mein damaliger „beinahe-Schwiegervater“ wollte nicht, dass ich das Kind bekomme. „Was habt ihr dem schon zu bieten? Was soll aus dem denn mal werden?“ Ich war froh, als wir dann als kleine Familie endlich unsere eigene Wohnung bezogen. Dass das der Anfang vom Ende der Beziehung war, merkte ich dann recht schnell. Aber so ist das nun mal. Wir konnten dennoch alles gut regeln, und es dauerte auch nicht lange, da war unser Sohn Opas ganzer Stolz. Was aus dem „armen Kind“ geworden ist? Ein junger Mann mit einem äußerst interessanten Job, der auf eigenen Beinen steht und sein Leben tadellos im Griff hat. *Wie konnte das nur passieren!?* (Ironie off) Also scheine ich da doch irgendwas richtig gemacht zu haben. Auch mein Jüngster bereitet sich auf seinen Realschulabschluss vor, hat Pläne für die Zukunft, und wenn er sich ein bisschen unterstützen lässt (er hat hin und wieder einen Hang zu depressiven Episoden), dann schafft er das auch. Meine Tochter hat sich mit ihren fast 19 Jahren auch unheimlich gut gemacht. Sie überrascht einen immer wieder, und ja, irgendwie wird auch sie ihr Leben meistern.

Aber was hab ich sonst in meinem Leben geschafft? Geheiratet. Wow! Böse Zungen könnten nun sagen, ich würde von meinem Mann ausgehalten. Er ist derjenige, der das Geld nach Hause bringt. (Wobei er selbst gar nichts gegen diese Rollenverteilung hat.) Ich habe nur mal kurzfristig an einer Tankstelle gearbeitet oder als Tagesmutter was dazu verdient. Mit drei Kindern aber dann aufgegeben, schließlich hatte meine Tochter von Anfang an meine volle Kraft nötig. Mit meiner Ausbildung zum „Teamtrainer Mensch & Hund“ habe ich zwar meine Leidenschaft zum Beruf gemacht, aber wirklich viel erreicht habe ich dort auch nicht. Zumindest finanziell gesehen. Ich bin keine gute Geschäftsfrau, die Kunden eine Zehnerkarte aufschwatzt, wenn ich schon sehe, dass es die vielleicht gar nicht braucht. Oder die ihre Arbeit mit den Kunden bewusst so steuert, dass diese ganz bestimmt noch oft wieder kommen müssen. Das war nie mein Ding. Ich wollte immer nur Erfolge und Glück weiter geben, mich daran erfreuen, wenn mir jemand sagte: „Danke, jetzt brauchen wir dich nicht mehr!“, um schließlich zu sehen, wie diese Menschen selbstständig ihren Weg gehen, zufrieden und gelöst. Leider konnte ich auch das irgendwann nicht mehr beruflich machen. Ehrenamtlich auf mehr oder weniger privater Ebene komme ich davon nicht los. Aber ernähren kann das auch niemanden.

Also, was habe ich aus meinem Leben gemacht? Ganz nüchtern betrachtet: Hätte ich meinen Mann nicht, wüsste ich nicht, wo ich heute wäre. Ich wäre ohne Hilfe nicht überlebensfähig.

Im Nachhinein betrachtet, so mit einem gesunden Abstand, war es sbestimmt ein Gutes, so jung Mutter zu werden. Mein Sohn war sicher nicht geplant, aber auch nicht ungewollt. Mein Unterbewusstsein hat mir damals einen Weg eröffnet, aus meiner Angst vor der Zukunft zu kommen, so kurz vor dem Schulabschluss, vor dem Ungewissen zu fliehen. Ob das so schlau war, weiß ich nicht. Wobei auch hier andere Aspekte eine Rolle spielten, denn ich sage heute: mein Sohn hat mir damals das Leben gerettet.

Aber das alles ist nur meine kleine Welt. Gesellschaftlich anerkannt war ich damit nie wirklich. Ich hätte nun Zeit, wenigstens ein bisschen arbeiten zu gehen. Aber ich weiß, dass ich dieser regelmäßigen Verpflichtung, die ich dann sehr ernst nehmen würde, nicht auf Dauer nachkommen kann. Insofern bin ich auch kein besonders gutes Vorbild für meine Tochter.

Was also soll aus ihr mal werden?

So, nun bin ich auch das mal wieder los. Zurück zu meiner eigentlichen Lebensgrundlage: Alles kommt, wie es kommt. Nichts muss, aber alles kann. Morgen ist ein neuer Tag. Lasst es Euch gut gehen!

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Das Leben genießen lernen

 

Der Artikel von souveränanders geisterte mir noch lange im Kopf umher. Und er beflügelt mich nach wie vor. Ich mag Menschen mit einer positiven Einstellung, sie wirken auf mich ansteckend.

Das ist auch der Grund, warum ich in „meinem“ Forum (ein Austausch-Forum für Eltern von Autisten) immer wieder gerne von unseren Fortschritten erzähle, oder auch interessante Artikel von Autisten verlinke. (Wenn Ihr das nicht wollt, schreibt mir das bitte.) Mut machen, unterstützen, begleiten. Das erfüllt mich.

Nun ist es aber leider so, dass die meisten Hürden nicht von einem selbst ausgehen. Gerade als Eltern autistischer Kinder läuft man immer wieder gegen Wände (RW), könnte schier verzweifeln an der Engstirnigkeit mancher Mitmenschen, man kämpft für die angeblichen Rechte und scheitert an völlig abstrusen Argumenten, warum was nicht geht. Oder weil andere meinen, besser zu wissen, was hilfreich wäre und welchen Weg man gehen müsste. Dazu wird einem Angst gemacht, weil es die Schulpflicht gibt, weil das unangebrachte Verhalten therapiert werden muss, und immer öfter sollen Kinder bereits zur Diagnostik in Kliniken stationär aufgenommen werden. Weg von der Sicherheit gebenden Umgebung, weg von den vertrauten Menschen. Warum? Das heißt, dass über die Eltern dermaßen Druck aufgebaut wird, mit Blick auf die Defizite, die behandelt werden müssen, dass sich gar kein positiver Bezug zu sich selbst einstellen kann.

Ich kenne das nur zu gut aus meiner Kindheit, in der ich gelernt habe, dass ich ohne Zustimmung oder Aufforderung nichts darf, und Verweigerung zu Konsequenzen führt. Dass das nicht förderlich für das Selbstbewusstsein ist, sollte der logische Menschenverstand begreifen. Aber in der Realität schaut das anders aus. Und so fällt man automatisch in eine Abwärtsspirale, aus der man selbst nicht mehr raus kommt. Die Spätfolgen spüre ich heute noch. Als Spätdiagnostizierte habe ich lange nicht begriffen, warum mein Leben so lief, wie es eben lief. Jetzt aber zu wissen, dass meine Art der Wahrnehmung, die mir oft abgesprochen wurde („Kann gar nicht sein“, „Stell dich nicht so an“, usw.), eine Ursache hat, die zu meiner Persönlichkeit gehört, hat die Ketten, in denen ich mich gefangen fühlte, größtenteils gesprengt. Das ist nun in meinem Alter nicht ganz einfach, aber, wie schon beschrieben, bin ich ein positiver Mensch, ich glaube an das Gute im Leben, und teile es auch voller Freude mit.

Was ich erschreckend finde, ist die mangelnde Empathie Kindern gegenüber, die eigentlich nötig wäre, dass sie sich zu selbstbewussten Menschen entwickeln könnten. Sie lernen von Anfang an, dass sie nicht genügen, nicht gut genug oder sogar falsch sind. Und das, obwohl sie bereits eine Diagnose haben! Warum arbeitet man nicht mit dem, was man hat? Mit dem, was möglich ist? Nein, da schaut man erst, was alles nicht passt, und man versucht auf Krampf, es passend zu machen. Bedauerlicherweise von der falschen Richtung aus.

Es frustriert ungemein, wenn ich in meiner „Beratungs“-Tätigkeit zwar gute Beiträge oder Ansätze leisten kann, aber es an der Umsetzung scheitert. Ich freue mich immer riesig, wenn Eltern, und ich bin ja selbst Mutter einer Autistin, verstehen lernen, die dann selbst tolle Ideen haben, ihren Kindern entgegenkommen können, es Erfolge gibt… Aber dann durch das Umfeld alles erschwert oder sogar verhindert wird. Das fängt bei verbohrten Familienmitgliedern an, geht über Lehrer, die völlig unflexibel jedwede Unterstützung von außen und Zusammenarbeit ablehnen (ich weiß, es sind nicht alle so, ich kenne auch ganz tolle Geschichten) bis hin zu Ämtern und Behörden, Ärzten und Psychologen, die alles besser wissen, entgegen des Wissens der Eltern, die doch Fachkräfte der Kinder sein sollen.

Und so soll man ein positives Lebensgefühl entwickeln? Glücklich sein, mit dem, was man hat, was man ist, was man kann?

Es gibt in meiner Autisten-Welt durchaus Hürden, die ich gerne los wäre. Beispielsweise, wenn ich meine Ängste oder den Stress außerhalb der eigenen vier Wände nicht kompensieren kann, obwohl ich mich gerne mit Leuten treffen würde. Oder meine Furcht vor Unbekanntem, obwohl ich gerne mal mit dem Zug zu weiter entfernten Freunden fahren, an Veranstaltungen teilnehmen oder spontan einen Ausflug machen würde. Also wollen, aber nicht können, da fühle ich mich schon „behindert“. Allerdings, und das vermittle ich auch gerne, kann ich mehr, je weniger ich muss. Da schaffe ich auch unangenehme Situationen zu meistern. Und meine Wahrnehmung kann ich auch dann genießen. Mir entgeht bei Gesprächen nicht viel, so stressig wie sie auch sein mögen. Ich beobachte schon von klein auf so gerne das Verhalten anderer Menschen, und entdecke schöne Kleinigkeiten. Dass das vielen Menschen verwehrt bleibt, war mir früher gar nicht bewusst. Heute finde ich das schon schade, wenn ich mich mit jemandem über etwas unterhalten möchte, und derjenige schaut mich an „Hä? Hab ich gar nicht mitbekommen.“ Seit ich weiß, dass ich anders wahrnehme, anders verarbeite, kombiniere und damit arbeite, bin ich viel zufriedener, weil die vielen Reize nicht nur negativ sind, sondern auch bewusst bereichernd sein können.

Das möchte ich auch an meine Kinder weiter geben. Nehmt Euch Zeit für das was ist. Im Außen wie im Innen. Ob angenehm oder belastend. Denn das bist Du. Gefühle gehören dazu. Die guten wie die schlechten. Schämt Euch nicht deswegen…

Ich verzettel mich…

Mein Ziel ist und bleibt es, Menschen ein gutes Gefühl für sich zu geben. Sich anzunehmen, mit allen Ecken und Kanten. Die hat jeder. Warum also verstecken? Menschen passen nur so lange nicht in die Norm, bis sie sichtbar und als selbstverständlich wahrgenommen werden. Egal wie sie aussehen, in welchem Beziehungsmodel sie leben, welche Glaubensrichtung sie vertreten… Mir ist eines wichtig: Respekt. Und der ist keine Einbahnstraße. Es ist ein Geben und Nehmen. Und auch das versuche ich zu vermitteln. Wenn ich mir dann meine Kinder ansehe, wie vertrauensvoll sie sich an mich wenden können, wie sie mit anderen Menschen umgehen, wie sie es zulassen, das Beste aus sich raus zu holen, genieße ich das Leben wirklich.

Habt alle einen schönen Tag!

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Ich bin Autistin – und stolz darauf!

Ein so schöner Text! Vielen Dank dafür!

Souverän anders

Was für ein provokanter Titel. Ich habe ihn bewusst gewählt.

Gestern Abend saßen mein Freund und ich gemeinsam vor dem Fernseher. Seit ein paar Tagen verfolgen wir die Serie „Hannibal“, in dem einer der Hauptcharaktere, Will Graham, bereits in der ersten Folge von sich erzählt, dem Autismusspektrum nahe zu stehen, genauer gesagt den Aspergern.
Wir befinden uns mitten in der ersten Staffel und ich sagte zu meinem Freund, dass mich irgendetwas störe. Ein paar Augenblicke später fiel es mir wie Schuppen von den Augen; Die Serie lässt mich Mitleid mit Will fühlen.

Er tut mir leid.

Wieso ist das so? Wieso suggerieren viele Beiträge in der Medienlandschaft, dass Autisten Menschen sind, die einem leid tun sollten.

Autismusspektrum ist Vielfalt.

Ich bin gerne Autistin. Und ich sage es aus vollem Bewusstsein. Ich bin gerne ich, mit allem was es ausmacht.

Ich schaue Menschen manchmal nicht in die Augen, das stimmt. Ist…

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Ohnmacht

Elodiylacurious

Stellt euch Mal vorm, ihr hättet eine Diagnose, die jeden Bereich eures Lebens beeinflusst. Manche stärker, andere schwächer. Aber die Auswirkungen dessen, was da mit einem Zahlen-Buchstabenkürzel aus dem ICD beschreiben wird, sind überall spürbar. Weil ihr fast überall schlicht anders seit als der gesamte Rest.

Stellt euch vor, es reicht so gut wie nie, wenn ihr diese Diagnose benennt. Die Menschen wissen nicht, wie sie mit euch umgehen sollen. Ihr werdet entweder trotzdem genauso behandelt wie jeder andere, oder wie ein rohes Ei. Entweder ihr sollt euch genauso verhalten, als wärt ihr genauso wie der Rest der Menschheit, oder ihr seid angeblich komplett unfähig. Egal, welche Leistungen ihr bisher erbracht habt. Scheinbar einfache Dinge könnt ihr nicht, also könnt ihr auch den gesamten Rest nicht. Nur, was für andere leicht ist, ist für euch verdammt schwer. Umgekehrt sind aber Dinge, die für andere schwer sind, für euch sehr leicht…

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Traurig, weil man glücklich ist

Lange ist es her, dass ich hier geschrieben habe.

Ich hoffe, Ihr seid alle gut im Jahr 2018 angekommen, und ich wünsche jedem Einzelnen alles erdenklich Gute!

Nun weiß ich nicht so recht, wie ich anfangen, den roten Faden aufnehmen soll.

Bei uns läuft es im Großen und Ganzen richtig gut: Meine Tochter meistert ihr BVJ nach ihren(!) Möglichkeiten ganz hervorragend. Kurz vor Weihnachten war sie zwar so durch, dass sie wieder einen ziemlich üblen Tick entwickelte, der schon beinahe Tourette-Ausmaße annahm, aber wenn die Lehrer merkten, es wurde zu massiv, sagten sie ihr, sie solle doch nach Hause gehen, es wäre alles gut. Auch gibt es keinerlei Vorwürfe, wenn sie mal ein – zwei Tage daheim bleibt. Sie ist im Grunde eine Einzelschülerin in dieser (wenn auch kleinen) Chaos-Klasse, sie bekommt zusätzlich anspruchsvollere Aufgaben, die ihrem Können gerecht werden, sie muss an keinen Massenveranstaltungen teilnehmen… Dennoch strengt sie das alles ziemlich an. Lernen, mit unangenehmen Menschen zurecht zu kommen, das nicht zu nah an sich ran zu lassen, und nebenbei seinen Job machen. Die Lehrer jedenfalls sind nach wie vor begeistert von ihr, und wie damals die „Fachkräfte“ im BvB auf die Idee kamen, meine Tochter in eine WfbM stecken zu wollen, ist ihnen ein absolutes Rätsel. Nun strecken wir gemeinsam unsere Fühler aus, um zu schauen, wie es nach dem BVJ für meine Tochter weiter gehen kann. Denn in einem Punkt sind wir uns alle einig: Eine Vollzeit-Ausbildung inkl. Regelberufsschule, oder eine andere Art von 40-Stunden-Woche kann sie nicht stemmen. Es wäre nur äußerst bedauerlich, wenn nach dem BVJ nichts mehr käme, es sei vergeudetes Talent, also schaut man nach Beziehungen innerhalb der Branche, und sucht nach Möglichkeiten, die für meine Tochter infrage kämen.

Auch das mit der Taxibeförderung hat deutlich zu unser aller Entspannung beigetragen. Die Stammfahrerin ist ein wahrer Engel, sie hat überhaupt keine Probleme damit, mal etwas warten zu müssen, wenn meine Tochter dank der Anziehungskraft des Bettes und der Müdigkeit nicht pünktlich unten steht. Auch gibt sie immer Bescheid, wenn sie selbst mal ausfällt, damit sich meine Tochter darauf einstellen kann, von jemand anderem gefahren zu werden.

Und so heimlich, still und leise wird sie mit zwischenmenschlichen Gefühlen konfrontiert. Sie lernt Zuneigung kennen, die ihr jemand entgegen bringt. Sie lernt, in sich hinein zu fühlen, was da passiert, was der Unterschied zwischen „ganz nett finden“ und „vielleicht ein bisschen mehr“ ist. Ich finde das richtig aufregend, und ich freue mich so sehr, dass meine Tochter da so offen mit mir sprechen kann. Bin gespannt, wie das weiter geht.

Und als ob das ansteckend wäre, erzählt so ganz nebenbei der „Kurze“ (inzwischen 17 Jahre alt und mir deutlich über den Kopf gewachsen 😉 ), dass er sich „verguckt“ hat, und nicht so recht weiß, wie er’s anstellen soll.

Hach ja, so viel Liebe in unserem Haus! Ja, ich würde sogar behaupten, auch mein Mann und ich kommen uns nach all den Jahren voll von Stress, Kampf und Erschöpfung (was nichts mit unserer Ehe zu tun hatte) wieder langsam näher. Wir finden wieder Zeit, uns wahrzunehmen, uns zuzuhören, uns Zeit zu schenken.

Alles ist grad so… schön. ❤ (Solche Dinge wie meine Gesund-Krankheiten, das SVV meiner Tochter und die AlltagsDingsBumse lass ich mal außen vor, da sie zwar Aufmerksamkeit benötigen, aber bei weitem nicht mehr so belasten.)

Hier komme ich aber nun an einen Punkt, an dem ich die Welt nicht mehr verstehe: Erzählt man von guten Zeiten, von freudigen Ereignissen, von schönen und erfolgreichen Dingen, scheint man keine Aufmerksamkeit mehr zu erregen. Man bekommt so ein lapidares „Mhm, freut mich“, um dann im selben Atemzug mit anderer Menschen Leid vollgekotzt zu werden. Nicht, dass ich das nicht ernst nehmen würde. Jedem geht es mal schlecht und soll all den Mist los werden können, um sich leichter zu fühlen. Dafür bin ich auch immer gerne da. Aber muss man das Gute deshalb so missachten und mit Füßen treten? Keinem Aufreger, keiner Hetze, keiner Katastrophe wird so wenig Beachtung geschenkt wie Freude und Glück.

Ich fühle mich selten so einsam wie in guten Zeiten. Ich möchte der Welt mitteilen, wie schön das Leben sein kann. Ich möchte doch auch immer wieder Mut machen, welche Hürden man überschreiten und welch undurchdringliche Dunkelheit man erleuchten kann. Ich platze beinahe, dieses ganze und viele Wunderbare möchte aus mir ausbrechen.

Aber es verhallt in der Leere. Und ich bin in einer Emotions-Overload-Depression. Keine Lust mehr, etwas zu erzählen. Auch keine Lust mehr, etwas zu hören. Trotz verschließt mir die Ohren und Augen. Obwohl ich kein „Wie du mir, so ich dir“-Mensch bin. Werde traurig und verschließe mich.

Wie heißt es: Glück und Liebe ist das Einzige, was sich verdoppelt, wenn man es teilt.

Ich schenke es doch so gern weiter – aber es gibt wohl kaum noch Zeit und Raum dafür.

Vielleicht möchte es hier von Euch jemand aufnehmen und damit ein bisschen Licht ins Dunkle bringen. Möge es Euch gut tun!

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Ich darf auch mal was Gutes erleben

 

Wie hier irgendwo kurz angeschnitten, haben wir für meine Tochter einen Antrag auf Taxibeförderung gestellt.

Ich hab tolle Neuigkeiten:
Die Taxibeförderung zur Berufsschule ist genehmigt!
Ich bin soooo glücklich!
Die Rechnung läuft automatisch zwischen Taxi e.G. und Schulreferat, ich brauch nichts tun, außer ggf. abmelden bei Krankheit o.ä.
Das Ganze läuft schon ab morgen, mein Mann oder ich dürfen anfangs mitfahren, es wird geschaut, ob ein Stammfahrer zu finden ist (diejenigen, die die Schülerfahrten haben, sind halt schon alle besetzt, weil das Jahr schon angefangen hat), wenn was ist, kann ich mich jeder Zeit melden. Sehr nette Frau!
Die Heimfahrt ist gesperrt, aber nicht abgemeldet, weil die Genehmigung vorliegt, und falls meine Tochter ein Taxi für die Heimfahrt braucht, weil es ihr z.B. nicht gut geht, wird sofort eins losgeschickt.
Bin gespannt, was sie nachher sagt, wenn ich ihr davon berichte.

Wie das alles jetzt läuft, endlich, nach 18 Jahren (ok, nicht ganz, aber gefühlt definitiv), die Schule, der SBA, das Taxi… Ich kann’s gar nicht glauben. Was für eine Entlastung nach all den Jahren! Und wieder ein weiterer Schritt zur Selbstständigkeit meiner Tochter. Abnabeln vom Elternhaus ist so wichtig, auch zu erleben, dass es auch von anderen Stellen Hilfen gibt. Ich freue mich so!

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2. Fachtag Autismus Rosenheim – mein persönlicher Eindruck

 

Allgemein

Im Großen und Ganzen war ich positiv überrascht, was dort auf die Beine gestellt wurde. Die Räumlichkeiten waren angenehm überschaubar, so dass ich mich dort frei zu bewegen traute, sei es, um eine rauchen zu gehen, oder, trotz genereller Abneigung, die Toiletten zu benutzen.

Die Abläufe waren im Vorfeld nachvollziehbar aufgelistet, auch wenn es bei solchen Veranstaltungen immer mal zu Zeitverschiebungen kommen kann, womit ich innerhalb eines solchen Rahmens wenig Probleme habe.

Der Vortragsraum selbst war sehr kühl, weshalb einige Leute dort fröstelten, und natürlich war das Stimmenwirrwarr in den Pausen ziemlich kopfdröhnend, aber man konnte sich innerhalb des Gebäudes in stillere Ecken zurückziehen.

Vom Buffet, welches von Ehrenamtlichen hergerichtet wurde, nahm ich erstmal keinen Gebrauch, da ich mir vorsorglich immer selbst etwas mitnehme, ist Essen ja bei mir immer so ein Thema.

Das Licht war für mich schwierig, da ich von der Spiegelung in den Lampenschirmen über uns ziemlich beeinträchtigt wurde, aber dank aufmerksamer, hilfsbereiter Menschen wurde das zwischendurch immer wieder geregelt. Als Veranstalter denkt man sicher nicht an alles, ich will da ja mal nicht so sein. Ggf. könnte man zu Beginn einer solche Veranstaltung klären, ob es machbare Veränderungswünsche gibt, dann gibt es vielleicht weniger Hemmungen, diese zu erbitten.

Samstag

Fr. Dr. Christine Preißmann

erzählte von sich, von den Herausforderungen aber auch Ressourcen von Autisten, von sinnvollen Hilfen. Ihre angenehm ruhige Art ließ diesen Autismus-Fachtag wertvoll beginnen. Ich finde es schon erstaunlich, was sie für sich in ihrem Leben erreicht hat.

Hr. Dr. Peter Schmidt

ist ein sehr Energie geladener Mann. Zugegeben manchmal überraschend laut, aber ich mag seine Art des Erzählens und seinen Humor. Ich finde es wichtig, auch mal lachen zu können, wenn auch erst im Nachhinein, aber seine Anekdoten aus seinem Leben waren schon sehr lebendig und nachvollziehbar.

Denise Linke

erfreute mich mit ihrem warmen, offenen Wesen, wie sie von sich und ihrer Schulzeit erzählte. Ohne große Schnörkel gab es ernste, aber auch Mut machende Einsichten, wie Inklusion scheitern, aber eben auch funktionieren kann. Für Eltern bestimmt wichtig, solche Erfahrungen zu hören.

Marlies Hübner und Misha Vèrolet

Hier sammelte ich noch einmal meine Aufmerksamkeitsreserven zusammen, denn ich freute mich darauf, die Beiden mal „live und in Farbe“ zu sehen. Sie stellten u.a. ihr Projekt „Autismus-FAQ“ vor, bei dem die häufig gestellten Fragen rund um Autismus so wohl kurz und knapp als auch in ausführlicher Form beantwortet und nach und nach erweitert werden sollen. Eine hilfreiche Idee für alle Interessierte, und sicher die bessere Wahl neben Google & Co. Es war spannend, ihren Ausführungen und Ideen zu folgen, denn ich bin der Meinung, dass solche Beiträge, gerade von Autisten selbst, helfen können, den Blickwinkel zu verändern. Klar, man könnte und sollte noch so viel mehr, aber jeder hat nun mal beschränkte Ressourcen, und selbst als Autist dreht sich die Welt nicht ausschließlich um Autismus.

Alles in Allem wurde meine Vorfreude mehr als befriedigt, all diese Referenten, die ich aus den Medien kannte und gerne verfolge, persönlich zu sehen und ihnen zuzuhören.

Danke für Euer Engagement!

Sonntag

Prof. Dr. Georg Theunissen

Ganz ehrlich: Dieser Start in den zweiten Tag war für mich beinahe der Supergau. Nicht wegen seines Inhalts. Ich halte den Herrn fachlich für äußerst kompetent, er zeigt Wege raus aus der defizitären Sicht hin zu einem bitter nötigen Perspektivwechsel. Seinen Ansichten hinkt leider die breite Praxis äußerst schleppend hinterher, so dass jetzt Vieles noch gar nicht umgesetzt wird, werden kann, aber man wagt zu hoffen, dass sich etwas tut.

Mein Problem war die Einstellung des Headsets. Anfangs schwer zu verstehen, weil etwas nuschelig, wurde es immer lauter. Mein Kopf wurde immer tauber, mein Körper immer unruhiger, beinahe schon Fluchtgedanken. Aber ich wollte seinen Vortrag hören, deshalb blieb ich. Mich wunderte, dass niemand etwas sagte – ich war dazu schon längst nicht mehr in der Lage, selbst wenn ich es überhaupt könnte. Mein „Fingernägel-in-den-Handballen“-Skill bewahrte mich davor, auszurasten oder zusammenzubrechen, ich beobachtete die Regentropfen, um mich besser auf die Worte konzentrieren zu können, was mir sehr schwer fiel. Das Ende kam keine Minute zu früh und ich verließ sofort das Haus, ging eine Runde um den Parkplatz und fand mit Hilfe des Kälteschmerzes wieder auf die Erde zurück. So fertig war ich nicht mal am Ende des Samstags.

Prof. Dr. Ludger Tebartz van Elst

Ein, wie ich finde, sehr sympathischer Mann. Ihm hörte ich gerne zu, und auch hier zeigte sich inhaltlich, dass der Grundstein für einen Perspektivwechsel gelegt ist. Auch die Frage „Was ist eigentlich normal…“ führt in eine andere Richtung. Was als problematisch gilt, heißt nicht immer, dass es problematisch ist. Vieles liegt im Auge des Betrachters, und schließlich auch am Betrachten der Ursachen. Ich hoffe sehr, dass man diesen Weg weiter verfolgt und in die Masse der Fachkräfte streut. Es gibt noch viel zu tun.

Anschließende Podiumsdiskussion mit den beiden Herren und Fr. Dr. Maria Paas. Diskutieren kann man viel. Vermutlich kann man damit selbst ganze Tage füllen, aber die Zeit war natürlich beschränkt.

Den letzten Teil des Autismus-Fachtag-Wochenendes bestritt Hr. Dr. Leonhard Schilbach, Forschungsgruppenleiter des Max-Planck-Instituts und Leiter der Ambulanz und Tagklinik für Störungen der sozialen Interaktion. (Vor einiger Zeit gab mir hierzu meine Psychiaterin einen Flyer mit, vielleicht hätte meine Tochter Interesse daran, an ihren Fähigkeiten bzgl. Arbeitsreife zu arbeiten.) Die vielen fachlichen Inhalte lasse ich an dieser Stelle weg, wer möchte, kann sich das auf deren Seite ansehen. Eine persönliche Meinung kann ich dazu nicht abgeben, weil man von außen nicht beurteilen kann. Klar ist aber, dass es ohne Forschung nun mal nicht geht, und in Verbindung mit den Angeboten könnte das ja eine gute Anlaufstelle sein.

Fazit: Ich bin sehr glücklich, teilgenommen zu haben. Dass ich jetzt ein paar Tage Erholung brauche, war mir vorher schon bewusst, aber es hat sich gelohnt. Außerdem gab mir dieser Schritt erneut Aufschwung für meine Pläne, wieder mehr zu tun, mein Ziel zu verfolgen, und vielleicht den einen oder anderen sinnvollen Beitrag zu leisten.

Danke sagen möchte ich meinen Begleiterinnen, die mich mit hin- und zurück genommen, mir einen Schlafplatz geboten und mich vor Ort hilfreich unterstützt haben! Ganz allein hätte ich das so nicht geschafft.

 

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Viel hinter mir, viel vor mir…

 

Es ist ein ständiges Auf und Ab, und da mag noch so viel geschafft sein, irgendwas kommt immer.

Meine Tochter schlägt sich nach wie vor wacker in ihrem BVJ, Ausfälle zwischendurch werden ohne Weiteres hingenommen. So hat sie seit Tagen ziemliche Kopfschmerzen, heute blieb sie zu Hause. Ich stehe dann immer in der Zwickmühle: Soll ich sie schlafen lassen, was in meinen Augen immer das Beste ist, und offensichtlich braucht sie das dann auch, oder zu meinem Arzt begleiten, den sie aber noch nicht kennt, weil sie bisher immer nur beim Kinderarzt war, aber der hat nun ausgedient. Letztendlich kann sie selbst entscheiden, und tut dies auch. Trotzdem setzt es mich unter Stress, weil ich einen Termin ausmachen muss, erklären muss, dass sie lange Wartezeiten schlecht aushält, dort hinfahren muss… muss… muss… muss…

Damit komme ich zum Nächsten: Der SBA meiner Tochter ist immer noch nicht da. Bekomme telefonisch aber auch keine Antwort, was denn nun los ist, aber so langsam sollten die doch mal in die Gänge kommen. Wieder Stress. Und wieder etwas, dem ich hinterherlaufen muss. Das alles zehrt so schon an meinen Kräften, aber das war natürlich noch nicht alles. Müssen.

Seit kurzem weiß ich, dass mein Morbus Basedow wieder aktiv ist. Die Antikörper tummeln sich wie wild und treiben die Schilddrüse in die Überfunktion, dass mir ganz schlecht wird. Blöderweise kollidieren diese Symptome dann mit meiner Panik, und das verträgt sich so gar nicht. Ich kann es nicht unterscheiden. Und diesmal fühlt es sich auch nicht so an, als würden die Medikamente das tun, was sie sollen. Morgens ohne Betablocker geht gar nicht, denn beim Aufstehen bin ich schon auf 180. Im wahrsten Sinne des Wortes. Nur muss ich bei Medikamenten immer mit der Dosierung aufpassen, denn entweder, sie wirken gar nicht, oder mir reicht eine Kinder-Dosis. Viertelt mal eine Minitablette. Ganz tolle Angelegenheit. Morgen muss ich wieder zur Blutkontrolle, aber ich habe mich schon entschieden, ich lass mir das Ding raus nehmen. Ich mag und ich kann nicht mehr. Vor allem, weil die Augen ja mitbetroffen sind. Ich hoffe, dass sich dann alles beruhigt. Nächstes Jahr. Irgendwann.

Ach so, ja: Für meine Tochter liegt noch ein Antrag auf Taxibeförderung in die Berufsschule vor. Das U-Bahn-Fahren im Berufsverkehr wurde immer mehr zur Belastung, für uns beide, so dass das BVJ zu scheitern drohte. Mit Hilfe unserer Psychiaterin, die eine deftige Stellungnahme geschrieben hat, warum eine Taxibeförderung notwendig ist, hoffe ich auf Genehmigung, aber nun heißt es wieder warten. Wie ich dieses Wort hasse. Warten. Es lähmt. Und die Leute haben ja immer so viel Zeit! Ich wüsste nicht, was ich ohne meinen Mann tun würde, der unsere Tochter nun jeden Morgen mit dem Auto in die Schule fährt, dort das Auto abstellt, weil es unmöglich ist, mit dem Auto vernünftig zur Arbeit zu kommen, abends wieder zum Auto fährt und damit dann nach Hause. Ich bin natürlich mehr als dankbar und froh, aber eigentlich ist es echt traurig. Mal sehen, wie lange das dauert, bis über den Antrag entschieden wird. Und wie es dann weiter geht.

Aber es gibt auch Freude und Vorfreude in meinem Leben. Letzte Woche waren mein Mann und ich bei meiner besten Freundin mit Familie und haben dort drei schöne Tage verbracht. Wir verstehen uns untereinander so gut, sind uns in vielen Dingen so ähnlich, haben den selben Humor, dass es manchmal schon fast unheimlich ist. Und obwohl ich dort auch einen halben Tag unbrauchbar war, weil mich der Betablocker niedergestreckt hat, fühlte ich mich dort gut aufgehoben. Kein Stress, kein Druck.

Und dann ist da das kommende Wochenende. Ich wage es auf den Autismustag bzw. -tage. Ich bin neugierig, möchte das mal gerne miterleben. Und ich habe so nette Leute gefunden – das Internet macht’s möglich – dass ich mit dem Auto mitgenommen werde, und bei jemandem übernachten darf. Diese Menschen sind es, welche mir ein angenehmes Gefühl in einem Forum geben. Ich war schon in mehreren, aber nie lange. Außer in diesem. Es ist anders. Wir sind eine große Familie, ich möchte sie nicht mehr missen.

Natürlich bin ich etwas aufgeregt. Allein in die Fremde, übernachten (mit schlafen habe ich glücklicherweise keine großen Probleme) in einer Familie, in der auch alle ihre Abläufe haben, die Fahrt, was ja nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen gehört… Aber ich wage es. Weil ich es möchte. Weil ICH es möchte. Bin sehr gespannt!

Dass ich meine tägliche Hausarbeit immer nur häppchenweise je nach Kraftreserven erledigen kann, habe ich mittlerweile angenommen, wenngleich es mir schwer fällt, es wirklich dauerhaft zu akzeptieren. Wenn man Möbel gerückt, schwere Dinge geschleppt und Wohnungen renoviert hat, ist es ziemlich hart, all das nicht mehr zu können. Die Muskulatur hat sehr stark abgebaut, gerade die Beine bieten für die Antikörper Angriffsfläche, was sich in Rücken und Gelenken bemerkbar macht. Nicht mehr zu  können, obwohl man es früher mit Leichtigkeit schaffte, macht mich sehr traurig. Denn ich hätte so viele Ideen, die umgesetzt werden möchten, aber… soll wohl nicht mehr sein.

Vielleicht ist es aber nun genau das kommende Wochenende, welches mir wieder innere Kraft bringt. Ich möchte hier wieder mehr schreiben, wieder mehr teilhaben, kommunizieren, Ich möchte weiter machen in meiner Berater- und Begleiter-Tätigkeit zum Thema Autismus, ich möchte etwas Sinnvolles tun und etwas auf dieser Welt hinterlassen, das anderen Menschen hilfreich ist. Dann bin ich glücklich.

Habt eine schöne Zeit!

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Abschied

 

Ich liege im Bett und lausche nach dem Getippel – aber es kommt nicht.

Ich taste mich nachts durch Dunkle, um nicht über meinen Fellfreund zu stolpern – aber da liegt nichts.

Ich erschrecke, weil das Gitter zur Küche weg ist – aber das braucht es nicht mehr.

Ich liege auf der Couch und warte auf die sanfte Wärme auf meinen Beinen – aber es bleibt kalt.

Am Freitag haben wir uns für immer von meinem Hund verabschiedet.

Nach langer Krankheit durfte er die Augen schließen und den Kampf aufgeben.

Er fehlt. Dennoch tröstet der Gedanke, ihm diesen letzten Dienst erwiesen zu haben, ihn loszulassen, bevor er seine Würde verliert. Etwas, was in der Menschenwelt meist nicht möglich ist.

Und er hatte es mir deutlich gezeigt. Dieser Blick, dieses „Das geht jetzt nicht mehr“.

Als ich morgens mit unserer Tierärztin telefoniert hatte, legte ich mich mit meinem Hund auf die Couch, strich ihm sanft über sein knochiges Gesicht und sagte: „Ich habe verstanden, jetzt ist es gut.“ Er schnaufte tief durch und wurde ganz ruhig. Wir teilten mein Salamibrot-Frühstück (eigentlich durfte er so gut wie nichts mehr fressen, da sein Darm nichts mehr vertrug, aber da war es schließlich auch schon egal), ich bürstete ihm sein stuppiges Fell, wir atmeten zusammen.

Mittags dann fuhr uns mein Mann in die Praxis, die Tierärztin kam extra an ihrem „Zu-Hause-Büro-Tag“, zu einer Uhrzeit, zu der die Praxis eigentlich geschlossen ist, damit wir ganz in Ruhe diesen Weg gehen konnten.

Mein Hund freute sich wie immer, sie zu sehen, er durfte seiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen, in dem er der Arzthelferin jede Menge Leckerlies aus der Hand fraß (denn auch das war schließlich eh schon egal), wir saßen auf dem Boden um ihn herum, und so wurde er schlafen gelegt.

Die Sonne schien durchs Fenster, während die Mittel diesen ausgemergelten Körper runterfuhren, ganz sachte, während der Geist sich schon verabschiedet hatte.

Zeit. Ruhe. Austausch von schönen Erinnerungen begleitete diese Szene.

Und das Wissen, das einzig Richtige getan zu haben.

Wie ferngesteuert vergingen die nächsten Stunden, schlafen konnte ich kaum. Es war so still.

Am nächsten Tag begann der innere Druck richtig weh zu tun. So genehmigte ich mir abends zum Essen eine halbe Flasche Wein, hörte passende Musik, und ich konnte endlich mal ein bisschen heulen.

Er fehlt. Aber es war richtig.

Ich weiß nicht, wie ich solche Gefühle beschreiben kann. Trauer erschließt sich mir nicht so wirklich. Oder besser gesagt, erscheint mir dieses Wort viel zu gering, als dass es ausdrücken würde, was in mir tatsächlich passiert. Es ist auch nicht nur ein „ich bin traurig“. Ich bin auch wütend. Und erleichtert. Und leer. Und erfreut. Und dankbar. Und verzweifelt. Und glücklich.

Wir hatten eine schöne Zeit. Viel zu kurz, und auch oft schwer, aber dennoch sehr erhellend.

Bye bye, Baby! Du bleibst unvergessen!

DSCI0066

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