Offener Brief an Herrn Hüppe CDU/CSU

innerwelt

Sehr geehrter Herr Hüppe,

auf Facebook hatte ich die Diskussion über das „Fachgespräch der AG Gesundheit der CDU/CSU Bundestagsfraktion zum Thema *Autismusversorgung stärken*“ mitbekommen.
Dort hatten sie dazu aufgerufen, Ihnen Alternativen zur ABA/AVT Therapie zuzusenden.

Zunächst begrüße ich die Möglichkeit, diesbezüglich schriftlich mit Ihnen in Kontakt treten zu können, da mir als Autistin direkte Kommunikation schwer fällt. Die schriftliche Kommunikation wird daher von vielen AutistInnen bevorzugt und da liegt nachweislich eine unsere Stärken. Nur wenige können, mit gewissen Einschränkungen, mehr leisten. Soweit ich weiß, hatte ein Mitstreiter von mir auch seine Gesprächsbereitschaft signalisiert, wurde aber wieder ausgeladen. Schade, denn er hätte sehr viel zu diesem Thema aussagen können.

Bevor ich jedoch Ihrer Bitte nachkomme, möchte ich Ihnen kurz erklären, warum die Gemüter mancher AutistInnen speziell zu diesem Thema so hochkochen.
Das ist notwendig, damit Sie auch alles weitere verstehen können.

Auch ich kenne das Programm das speziell Autismus…

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Wunschdenken: Erdlöcher und Blitzeinschlag zum Mitnehmen

Ich bin ja wirklich ein äußerst friedliebender Mensch. Wirklich! Ich wünsche selten jemandem was Schlechtes, selbst wenn ich denjenigen nicht mag, der ist mir im besten Fall einfach egal. Wenn ich mich richtig ärgere, dann kommt schon mal ein dahin gedachter Spruch, ganz harmlos. Ehrlich! Und ich hab dann auch sofort ein schlechtes Gewissen und entschuldige mich im Geiste für diese Gedanken. Aber gestern…

Aber halt! Von Anfang an:

Ich war am Abend mal wieder mit meinem Mann im Kino. Schon als wir ankamen, war der Raum vor dem Tresen voll. Ich drehte ab und verkroch mich mit einem „Nee“ in die Ecke, was meinem Mann signalisierte, dass er die reservierten Karten allein holen sollte. Als er sie hatte, gingen wir raus eine rauchen, um dann etwas später wieder rein zu gehen. Es war etwas weniger los, da Viele bereits in einem der Kinosäle verschwunden waren, also stellten wir uns gemeinsam an, um Getränke und Knabbereien zu holen. Wir bekamen unsere Sachen, ich fragte meinen Mann, ob ich ihm was abnehmen könne, woraufhin er mir zwei Flaschen hin hielt, ich griff nach der einen, aber er ließ die andere los. Klatsch!

Erdloch, wo bist du, wenn man dich braucht!?

Während ich gewissenhaft die Scherben aufsammelte – geholfen hatte natürlich keiner – und mein Mann ein neues Bier kaufte, hörte ich hinter mir schon so was wie „Schuhe aus Stoff — Das stinkt —“. Mein Herz raste, wir hielten ja eh schon alles auf, es war mir unsagbar peinlich, und als wir uns umdrehten, sagte ich natürlich ganz beschämt „Sorry, tut mir leid“ zu der Dame, die direkt hinter uns stand, und offensichtlich ein paar Spritzer abbekommen hatte.

Was kam als Antwort? Ein total pampiges „Ähä“ (irgendwie kann man das nicht schreiben, aber vielleicht wisst Ihr, was ich meine). Und diese Art macht mich so richtig aggro! Ich antwortete: „WAS? Kann doch mal passieren!?“ und ging so schnell wie möglich weg, obwohl ich am liebsten ausgeholt hätte… Nein, so was mach ich nicht. Aber dieses Gefühl in mir… „Noch ein falscher Ton und ich…“ Boah, ey! Was ist bloß los mit den Menschen? Und so beschränkte ich mich auf ein gedachtes „Der Blitz soll dich treffen und dein Hirn einschalten!“

Wir also in den Kinosaal, perfekter Platz, denn neben und hinter uns war niemand mehr, ich wie immer brav das Handy auf lautlos gestellt… Was ich allerdings nicht bedachte war:

Mein Medikamenten-Alarm. So fing es Punkt halb acht an, aus meiner Jackentasche zu klimpern… „Shit — ah — hier — aus! — Ah, nein, Mist! Ich hab auf die Schlummerfunktion getippt! Mist! Mist! Mist!“ Und während mein Herz beinahe aus der Brust sprang, so sehr wie es klopfte, ich den Alarm komplett ausmachte, wünschte ich mir das zweite, noch viel größere Erdloch, in dem ich verschwinden konnte, und am besten nie wieder raus kommen möchte!

Das ist alles so grausam! Unter diesen Gefühlen habe ich schon in meiner Kindheit sehr gelitten. Einerseits diese leicht hervor zu bringenden Aggressionen, wenn mich jemand reizt, die ich aber zu schlucken lernen musste, andererseits diese unbändige Angst vor Fehlern, vor Peinlichkeiten, vor Blamagen…

Naja, unterm Strich war der Film klasse, wir fuhren wieder nach Hause, und beim Kochen entspannte ich mich dann langsam wieder.

Diese Situationen hallen allerdings in meinem Kopf immer so lange nach. Immer und immer wieder sehe ich mich darin in Dauerschleife. Meist hält das ein paar Tage. Da beneide ich manchmal die Gelassenheit anderer Menschen, die das mit einem Schulterzucken von sich abschütteln und darüber lachen können.

 

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Aufregen und Fremdschämen

 

Es ist nun schon die zweite Woche in Folge, in der unsere Mülltonnen bereits seit Samstag proppevoll ist. Die Müllabfuhr kommt donnerstags, bzw. freitags, wenn in der Woche ein Feiertag ist.

Ich weiß, ich bin übertrieben geprägt von „so etwas tut man nicht“, was mir mein Leben sehr unsicher und eingeschränkt gestaltet hat, obwohl mir andererseits Regeln auch ein gewisses Maß an Sicherheit vermitteln.

Das jetzt ist für mich aber die absolute Hölle! Da ist irgendjemand von unseren insgesamt 16 Parteien so kackdreist und haut alles Mögliche und Riesige in die Mülltonne, ohne Rücksicht auf was auch immer.

Wohin jetzt mit unserem Abfall!? Bis Freitag!! Auf dem Balkon stapeln, bis es durch die Sonneneinstrahlung bestialisch anfängt zu stinken? Einfach neben die Mülltonnen stellen, damit wir innerhalb kürzester Zeit sämtliche Viecher da haben?

Ich frage mich, wieso wir uns die Mühe machen, Müll zu trennen und zum Wertstoffhof zu fahren, ich meine Kinder zu Höflichkeit, Recht und Ordnung erziehe (ohne dass sie so reglementiert und unsichtbar leben müssen wie ich, versteht sich), immer Rücksicht nehme und generell ungern auffalle…

Diese Gedankenlosigkeit, oder gar der gleichgültige Egoismus anderer Leute macht mich rasend und beschämt zugleich. „So etwas macht man doch nicht!“

Und jedes Mal, wenn ich mit dem Hund raus gehe, sehe ich aus dem Augenwinkel diese überquellende Mülltonne und bekomme Tränen in die Augen. Vor Wut, vor peinlichem Berührtsein, und vor Unsicherheit. Denn: Wohin jetzt mit meinem Abfall? Oben drauf? Das hält nicht mehr.

Verzweifelte Grüße…

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Mal wieder da

 

Da sitze ich nun, und starre auf den Bildschirm.

So Vieles geht mir durch den Kopf, so lange habe ich nichts mehr geschrieben, und doch möchte alles raus.

Zuerst einmal ein kurzes Update bzgl. meiner Panikattacken:

Vier Wochen ist es nun her, dass ich das Buch las und mich darauf einließ. Ich denke, das ist hier das Stichwort – sich einlassen. Ich dachte mir „Was habe ich schon zu verlieren!?“ Skeptisch darf man natürlich sein, aber sollte sich dennoch Offenheit bewahren. Nun, was soll ich sagen? Innerhalb dieser letzten vier Wochen hatte ich noch vier oder fünf Anflüge von Panik. Aber wirklich nur Anflüge. Ich merke das insofern, als dass in absoluter Ruhe mein Puls anfängt zu rasen, mein Herzschlag stärker wird, sich mir die Kehle zuschnürt, ich anfange zu zittern und meine Kopfhaut kribbelt. Meine neue Reaktion darauf: „Hallo Körper! Schön, dass du funktionierst. Ich weiß jetzt, dass ich im Notfall zuschlagen oder fliehen könnte (denn dafür sind diese Körperfunktionen gedacht), sollte sich mal ein Löwe in den dritten Stock verirren oder ein Dinosaurier aus dem Gebüsch springen.“ Darüber muss ich dann so schmunzeln, dass die Symptome innerhalb weniger Minuten nachlassen und gänzlich verschwinden. Das ist mein gut funktionierendes Notfallprogramm. Klingt witzig? Soll es auch. Denn das Gehirn ist Meister der Manipulation.

Nicht vergessen darf ich aber das Gut-zu-mir-sein. Ich habe Pläne. Ich richte meine Wohnung mit Gebrauchsgegenständen und Alltagshelferlein ein, die mir Freude machen. So habe ich mir z.B. kürzlich solche Müsli-Schüttdosen gekauft. Und wenn ich nun den Schrank öffne und sie sehe, erfreue ich mich an diesem ordentlichen farbenfrohen Anblick.

Ich habe mir mal wieder Kerzen und Dekosand für meine großen Gläser gekauft. Zuvor muss ich aber hier ausmisten und somit die Oberflächen frei räumen, und das spornt mich unheimlich an. Ich freue mich auf das Endergebnis!

Meine Tochter

Was hat sie sich entwickelt! Der absolute Brüller!

Vor zweieinhalb Monaten ist sie 18 geworden. Seit dem ist Einiges passiert. Sie möchte es im September doch tatsächlich nochmal mit dem BVJ-Textiltechnik versuchen.

In den letzten Wochen und Monaten hat sie drei Cosplays genäht, welche sie bzw. ihre Freundin nun am vergangenen Wochenende an einer dreitägigen Veranstaltung getragen hat. Massig viele Leute – und sie hat sich sogar getraut, einen dreiminütigen Auftritt bei einem Wettbewerb aufzuführen. Ich war so was von stolz! Das kann ich Euch gar nicht sagen!

Und sie hat wieder ganz liebe Leute kennen gelernt, mit denen sie Kontaktdaten ausgetauscht hat.

Ihr tut das immer wieder so gut, so angenommen zu werden wie sie ist – klar, wer genießt das nicht. Aber nach ihrer Geschichte aus der Vergangenheit hat das nochmal eine ganz andere Bedeutung.

Auf diesen Cosplay-Treffen sind eh so viele außergewöhnliche Menschen, ein ganz spezielles Völkchen, dort fühlt sie sich einfach wohl, das ist ihre Welt.

Ihr seht, es geht uns wirklich gut, wir sind auf einem guten Weg, und lassen uns auch von dunklen Wolken nicht demotivieren.

Euch allen einen schönen Tag!

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Heute schweigen wir!

innerwelt

Am heutigen Weltautismustag schweigen wir Autist*innen und Eltern autistischer Kinder, denn auch heute wird uns die Stimme genommen. Organisationen wie Autism Speaksund nichtbehinderte Menschen, die für uns sprechen, sind am Weltautismustag besonders laut.

Oft vermitteln diese zudem ein Bild von Autismus, das weit entfernt von jenem ist, das Autist*innen von ihrem Autismus haben. Autismus wird als schweres Schicksal für die Familien dargestellt und eine möglichst vollständige „Heilung“ als das Ziel angesehen.

Fragt man Autist*innen, haben diese hingegen oft eine ganz andere Sichtweise. Sie wünschen sich zuallererst einmal Akzeptanz; und als Förderung dann Hilfen, um in der nicht-autistischen Welt zurechtzukommen.

Die für das Verständnis existentiell wichtige Innensicht können nur Autist*innen selbst vermitteln. Nonverbale Autist*innen und auch Kinder können oft nicht für sich selbst sprechen. Umso wichtiger ist es, dass andere Autist*innen, die dazu in der Lage sind, gehört werden.

Dabei gilt immer: Kennt man einen autistischen Menschen, dann kennt man…

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Zielgleich – Zieldifferent – Binnendifferenzierung – Nachteilsausgleich

Autismus - Keep calm and carry on

Zur Begriffsklärung von
Zielgleich und Zieldifferent
Binnendifferenzierung
Nachteilsausgleich bitte den Links folgen.

Manche Nachteilsausgleiche benötigt der behinderte Mensch ein Leben lang.

So benötigt z.B. ein Gehörloser einen Gebärdendolmetscher um mit Menschen, die die Gebärdensprache nicht beherrschen, sprechen zu können.
Oder ein Blinder benötigt ein Lesegerät um Bücher, die nicht in Braille erhältlich sind, lesen zu können.
Es geht also darum, Barrieren zu beseitigen, damit echte Teilhabe möglich ist.

Bei Autisten gestaltet es sich etwas schwieriger.
Da die behindernden Barrieren bei jedem Autisten anders sein können.
Der Bundesverband Autismus Deutschland hat hier Leitlinien zur inklusiven Beschulung von Schülern mit Autismus-Spektrum-Störungen (Stand Februar 2013) wichtige Dinge zum Nachteilsausgleich zusammengefasst.

Nachteilsausgleich in der Schule
Der Nachteilsausgleich ist eine überwiegend pädagogische Fragestellung und nur in geringerem Maße einer juristischen Bewertung zugänglich.
Gesetzliche Grundlagen:
Art. 3 Abs. 3 Satz 2 des Grundgesetzes: „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ Eine allgemeine Regelung zum Nachteilsausgleich enthält…

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Muskelkater im Kopf

 

Hier und hier habe ich bereits davon erzählt, dass mich Panikattacken in meinem Leben begleiten.

Ich möchte Euch nun auf eine Reise mitnehmen. Eine Reise, die ich neu angetreten bin, und die mich hoffentlich an mein heiß ersehntes Ziel bringt:

Panikattacken und andere Angststörungen loswerden!

Zuvor muss ich ein wenig ausholen:

Nach meiner letzten Attacke bemühte ich mal wieder Tante Google, denn ich hatte die Faxen so dicke, ich wollte einfach nicht mehr. Dabei stieß ich auf Klaus Bernhardt, einem Heilpraktiker und Therapeuten in Berlin. Bevor jetzt jemand „Buh, Werbung!“ schreit – ich erwähne diesen Mann gerne namentlich, aber mein Hauptanliegen ist es, zu berichten.

Zugegebenermaßen war ich skeptisch. Eine Therapieform, neu, einzigartig, noch nicht weit verbreitet, usw. Jeder, der mich hier ein wenig verfolgt hat weiß, dass ich mich durchaus mit solchen Angeboten auseinander setze und nicht alles für wahr halte, was man so verspricht. Gerade wir Autisten müssen uns oft Empfehlungen gegenüber stellen, und ist die Not auch groß genug, werden wir auch immer wieder Lösungsvorschläge ausprobieren, so lange sie uns irgendwie plausibel erscheinen.

Die Website von Herrn Bernhardt beinhaltet u.a. einen kostenlosen Podcast, den ich mir von vorne bis hinten anhörte. Was währenddessen passierte, fand ich schon äußerst faszinierend: Ich empfand eine Art Leichtigkeit und Hoffnung. Ich bestellte das Buch, welches eine „völlig neue Art der Angsttherapie vorstellt“. Mit Übungen und Techniken, mit denen es angeblich schon mehrere Patienten geschafft habe, den Kreislauf der Angst dauerhaft zu entfliehen. Innerhalb weniger Wochen!

Naja, ich weiß ja nicht. Wenn das wirklich funktioniert, dann lauf ich meinetwegen zu Fuß nach Berlin und überreiche diesem Herrn einen Präsentkorb!

Ich wagte es sogar, ihm per E-Mail ein paar Zeilen zu schreiben, denn mich interessierte auch, ob er Erfahrungen mit Autisten habe, und ob diese Methode bei denen ebenso greift. Und er antwortete! Das fand ich schon erstaunlich und zeigte mir, dass es ihm wohl nicht ausschließlich ums Geld verdienen geht. Ich finde seine Art des Schreibens sehr angenehm.

Gestern kam sein Buch und ich las es in einem Rutsch durch. Alles ist sehr gut erklärt und logisch aufgebaut, was meinem Denken durchaus entgegen kommt, und ich spürte, wie sich mein Kopf seltsam anfühlte. Als würde sich ein Band um die Stirn immer enger ziehen. Wenige Seiten weiter las ich dann: „Zwei von zehn [Patienten] empfinden für einige Tage [beim Durchführen der Übungen, die er im Buch beschreibt] einen leichten Druck im Kopf, der aber völlig harmlos ist und auch bald wieder verschwindet.“ Und ich musste schmunzeln. Denn auch das ist nachvollziehbar erläutert, und mein steigender Puls, während ich den Druck verspürte, ließ recht schnell wieder nach. Ich bin recht empfindsam, was meine Körperfunktionen angeht, und ich merkte: Da passiert was.

Jetzt aber fange ich wirklich an.

Was macht mir Angst?

Veränderungen. Kontrollverlust, Orientierungsverlust. Angst, sich zu blamieren, dumm da zu stehen, sich lächerlich zu machen, nicht ernst genommen zu werden. Erwartungen nicht erfüllen zu können. Fehler zu machen. Überhaupt Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Nur um ein paar Beispiele zu nennen.

Bis hierher weiß ich, weil ich mich lange damit beschäftigt habe, dass es ein Teil meiner Erziehung ist, aber vermutlich auch die autistische Wahrnehmung und Verarbeitung. Damit kann ich mal besser und mal schlechter umgehen. Manchmal ärgert mich diese Einschränkung, manchmal ist sie mir nicht wichtig.

Was ist denn eingeschränkt?

Einkaufen gehen. Ich mag es nicht, Leute ansprechen zu müssen, weil ich etwas nicht finde, oder weil ich bitte mal vorbei möchte. In Geschäften ist zudem die Flut an sämtlichen Reizen enorm, welche sich auf allen Sinneskanälen austoben.

Irgendwo hin fahren, wo ich noch nie war. Finde ich überhaupt hin? Wie sieht es dort vor Ort aus? Wie werden die Leute dort sein?

Telefonieren. Kann ich das ausdrücken was ich möchte, so dass man mich richtig versteht? Lässt man mich auch aussprechen, oder verliere ich wegen Unterbrechung den Faden?

Viele Ängste beruhen auch auf negativen Erfahrungen. Dass man mir nicht wohl gesonnen ist, mich ausnutzt, mich zu Sachen zwingt, die ich nicht möchte, von mir Dinge erwartet, die ich eigentlich nur schwer zu leisten imstande bin, aber bei all dem bin ich immer allein, auch, weil ich mir einrede, ich müsse das alles schaffen. Dieses ständige Gedankenkreisen macht einen beinahe wahnsinnig.

Meine wirklichen Angstattacken sind dabei aber nicht wirklich als solche zu spüren. Ich fühle mich unwohl, ja, ich bin nervös oder unsicher, ja, aber das ist doch irgendwie was anderes. Dachte ich.

Meine erste Attacke hatte ich etwa mit 14 Jahren. Seit dem bekomme ich in unregelmäßigen Abständen Migräne-Aura, ohne Kopfschmerz, was angeblich recht selten ist. Es fängt an mit Sehstörungen, Kribbeln und Taubheitsgefühl im Gesicht, was sich über den Kopf zieht, Taubheits- und Lähmungserscheinungen in Arm und Bein, alles immer einseitig, bis hin zu Wortfindungsstörungen. Viele neurologische Untersuchungen wurden gemacht, ich war mehrmals im Kernspintomographen (glücklicherweise habe ich keine Platzangst!), „Verdacht auf“-Diagnosen wurden mir an den Kopf geknallt, bis ich eines Tages in die Klinik gefahren wurde, und mir dort ein Neurologe sagte, was das wirklich sei. Da war ich 22 und zum zweiten Mal schwanger.

Bei mir auch sehr ausgeprägt ist eine Zahnarztphobie. Nicht nur, dass man in meiner Kinderzeit nicht so feinfühlig war wir heutzutage, und ich dort auch immer wieder hörte, ich solle mich nicht so anstellen, fühle ich mich so dermaßen ausgeliefert, dass mein Adrenalin alles dafür tut, dass Betäubungsmittel maximal 10 Minuten wirken. Und irgendwann kann man halt nicht mehr nachspritzen. Außerdem fühlt sich die Betäubung so an wie das Gefühl während der Migräne-Aura, und schon bin ich in einem Kreislauf der Auslieferung, die mir von vorn herein schon so Angst macht.

Der nächste große Schritt in Angst und Panik kam mit den Symptomen meiner Autoimmunerkrankung. Ständig hoher Ruhepuls, Schweißausbrüche, Schlafstörungen, Doppelsichtigkeit, Unruhe,… Ich schob das ewig lange auf den Stress. Aber nein, bei einer OP-Vorbereitung, weil ich nun endlich meine Zähne in Angriff nehmen wollte, und das eben nur mit Vollnarkose geht, kam heraus: Überfunktion der Schilddrüse, Antikörper, die sowohl dort als auch an den Augen angreifen. Einstellung auf Medikamente, alle paar Wochen zur Blutkontrolle, Ultraschall wegen Knoten, furchtbar langwierige Augenuntersuchungen, und die Aussage: Kann man nur unterdrücken und muss lernen, damit zu leben. Alles klar. Ok, mittlerweile gelingt mir das ganz gut, inzwischen bin ich sogar medikamentenfrei, und hoffe, dass alles lange so bleibt. Die Augen frustrieren mich schon, denn wirklich stoppen kann man die fortschreitenden Einschränkungen nicht, aber die Schübe halten sich in Grenzen. Davon lasse ich mich nicht beeinflussen. Dachte ich.

Was ich völlig unterschätzt hatte war, dass ich immer feinfühliger wurde für meine Körperempfindungen. Egal, was mein Körper machte, hatte ich Sorge, dass die Antikörper wieder aktiv sind. Das führte zu Magenschmerzen und seltsamen Kloßgefühlen im Hals. Die Angst, dass etwas nicht stimmt, nahm zu. Eine Magenspiegelung brachte keinen Befund, auch sonst ist alles in Ordnung.

Aber ganz schleichend baute meine Kraft immer weiter ab, und das In-mich-hinein-fühlen wurde stärker.

Geholfen hat mir dann das Antidepressivum, welches ich von meiner Psychiaterin bekam, und mit dem wohl viele Autisten gute Erfahrungen gemacht hatten. Ich wurde ruhiger.

Und dann kam die erste wirklich heftige Panikattacke (ich hätte ja nicht gedacht, dass es da noch Steigerungen geben könnte). Und alles, was mir im Alltag bis dahin als Unruhezustand auffiel, wurde Angst. Ich war bei einer Autismustherapeutin, die sich um Angststörungen kümmert, mein Hausarzt empfahl mir mentales Training, aber ich konnte mich mit all dem nicht anfreunden. Ich wurde immer hoffnungsloser. Und die Angstattacken wurden häufiger, die Angst wurde zur Panik.

Ich habe zwei Langzeit-EKGs hinter mir, mein Herz wurde geschallt und abgehört… Alles in Ordnung.

Und nun sitze ich hier, das Buch von Herrn Bernhardt neben mir, lächle ein wenig in mich hinein und denke: Auf geht’s! Wirklich! Bereits jetzt fühle ich mich besser, und ich habe mit den Übungen noch nicht mal angefangen. (Kurz angerissen: Es geht darum, das negativ programmierte Gehirn wieder umzuprogrammieren, die Negativ-Spirale zu durchbrechen, und den Fokus auf die Angst auslösenden Dinge zu verlieren.)

Wie das Ganze funktioniert, weiß ich jetzt natürlich noch nicht. Aber ich weiß, dass viele Menschen ähnliche Probleme haben, weshalb ich mich dazu entschieden habe, meinen Weg zu dokumentieren. Vielleicht begleitet Ihr mich dabei.

Und wer weiß, vielleicht kann ich auch meiner Tochter etwas davon mitgeben. Aber das wird dann ein anderes Thema.

Fortsetzung folgt… Wenn Ihr mögt.

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Dieser Schatten, der sich nicht überwinden lässt

 

Ich hab ein echtes Problem!

Mein Jüngster möchte den Quali machen, für den Fall der Fälle, dass er jetzt die 9. Klasse Realschule nicht schafft, weil es ziemlich wackelt. (Noch so ein Kind, welches sich fragt, wofür es den ganzen Mist braucht.) Dazu muss ich ihn an der Mittelschule anmelden, in der externe Schüler mit eingeplant werden können.

Nun ist das aber ausgerechnet die Schule, in der meine Tochter zweieinhalb Jahre lang die Hölle auf Erden erleben musste, und ich bring es nicht fertig, mit meinem Sohn dort hin zu gehen. Persönliches Erscheinen ist aber notwendig.

Im Grunde sollte man sich doch denken: Das war damals meine Tochter, jetzt ist es mein Sohn, und er muss dort ja auch nur für die Prüfungen hin! Aber dennoch habe ich eine solch dicke fette schwere Blockade, mit dieser Schule in Kontakt zu treten, dass mir alles weh tut.

Alles, was wir damals erlebt haben, kommt in Bildern wieder hoch. Die Gespräche, der Zustand meiner Tochter zu dieser Zeit, das Gefühl, wie wir dort behandelt worden sind… Und ich könnte einfach nur heulen.

All das hat nichts mit meinem Sohn zu tun. Und diese Schule ist auch wirklich gut mit all ihren Konzepten. Es ist jetzt auch schon fünf Jahre her. Aber ich kann nicht so tun, als wäre das alles wirklich vorbei.

Es hat auch bei mir ein Trauma hinterlassen. Und das schockiert mich am meisten, wie tief so etwas sitzen kann, und wie sehr einen das einschränkt. Ich habe die Verantwortung, meinem Sohn die Möglichkeit zum Quali zu schaffen. Ich frage mich nur, wie ich jemals wieder einen Fuß in dieses Gebäude setzten soll. Und so langsam wird es knapp.

😦

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Nachtrag zu gestern

 

So eben hat mich die Kardiologin angerufen, das Langzeit-EKG ist absolut frei von Hinweisen Richtung Herzprobleme. Habe sie auch nach den Ultraschalluntersuchungen gefragt, da sei ebenfalls nichts zu sehen gewesen, und sie hat mich lange angeschaut, auf das eine oder andere Knöpfchen gedrückt, wieder geschaut…

Das Einzige, was ihr auffällt, ist der Puls morgens nach dem Aufstehen, da bin ich quasi auf 180. Das deckt sich auch mit meinen bewussten Beobachtungen der letzten Tage: Aufstehen, Kaffee, kleine Runde mit dem Hund, Kaffee.

Die Idee, den Kaffee mal weg zu lassen, fand sie gut, fragte mich auch, wie es mir denn mittlerweile gehe, ich solle noch einmal mit meiner Psychiaterin sprechen, aber jetzt so Medikamente verschreiben würde sie nicht, sondern auf die Ursachen schauen. Und so verabschiedeten wir uns wieder.

Wie es mir heute geht?

Seit ein paar Stunden höre ich mir einen Podcast an, den ein Therapeut aus Berlin kostenlos zur Verfügung stellt. Was soll ich sagen: Es ist unfassbar, was das, was er da sagt, in mir auslöst. Ich bin voller Hoffnung, habe mir sein Buch bestellt.

Wenn DAS tatsächlich hilft, marschiere ich meinetwegen zu Fuß nach Berlin und überreiche ihm einen Präsentkorb. 😉

 

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Was da passiert, gefällt mir gar nicht

 

Hier hatte ich vor kurzem erst dazu geschrieben – jetzt spitzt sich das alles richtig zu.

Am Montag gegen halb neun bekam ich eine Panikattacke, die sich gewaschen hatte (RW). Ich war zuvor noch mit dem Hund draußen, und nach meinem zweiten Kaffee legte ich mich wieder auf die Couch, weil ich nicht gut geschlafen hatte. Während ich mich ein bisschen vom TV berieseln ließ, ging es los. Aus dem Nichts heraus schlug mein Herz, als würde es durch die Rippen brechen wollen, meine Hals- und sonstigen Hauptarterien drohten zu platzen und fühlten sich heiß an, mir wurde ganz anders. Die Atmung wurde flach, alles fing an zu kribbeln. Ich stand auf und ging meine Runden durch die Wohnung, Adrenalin ablaufen. Ich spulte mein Programm ab. Aber es half nichts. Nicht diesmal.

Ich schrieb eine kurze WhatsApp an meinen Mann „Anrufen!“, was er zehn Minuten später auch tat. Inzwischen hatte sich pure Todesangst in meinen Kopf gesetzt. Das Telefonat dauerte nicht lange. Mein Mann machte sich sofort auf den Weg. Und es wurde schlimmer. Und schlimmer.

Ich rief bei meinem Hausarzt an, der war nicht da und ist auch noch nächste Woche im Urlaub, ich rief bei meiner Psychiaterin an, ein Termin wäre erst Mitte März verfügbar, mit Beiden machte ich einen Termin aus. Seltsam, dass ich in einem solchen Zustand telefonieren konnte, was mir sonst so gut wie unmöglich ist. Vielleicht treibt einen diese Angst dazu, denken ist da eh nicht mehr.

Ich setzte sogar noch Einen drauf: Ich wählte den Notruf. Dort wurde ich alles Mögliche gefragt, auch, wie hoch mein Blutdruck denn sei, der sich so extrem anfühlte, doch ich besitze kein Blutdruckmessgerät. Ich bekam eine Telefonnummer des ärztlichen Notdienstes. Aha. Auch dort rief ich an. Und schimpfte mit der Bandansage „Wenn… dann drücken Sie die …“ – Leck mich!

Eine WhatsApp meines Mannes mit der Angabe, er sei in fünf Minuten da, holte mich wieder etwas in die Realität zurück, ich zog mich an und ging runter. Falls es mich dort umwirft, wird er mich schon finden. Oder ein Nachbar.

So fuhr mich mein Mann zu der Kardiologin, die mich bei meinem ersten Besuch bat, das nächste Mal im Akutfall gleich zu kommen, damit man mich direkt ans EKG hängt. Als ich in die Praxis kam (ich hatte auch dort schnell angerufen) und kurz am Tresen warten musste, führte man mich gleich in den Behandlungsraum, legte mich auf die Liege, während ich mich oben rum auszog… Mir war alles völlig egal. Ich zitterte nur noch, mir war eiskalt.

Anschließend nahm ich im Wartezimmer Platz bis mich die Ärztin holte. Dort schaute sie abwechselnd mich und die Auswertung des EKGs an. Nichts. Sie sah, dass es mir schlecht ging, mir liefen die Tränen runter. Zwar war ich wohl nicht mehr ganz so blass wie zu Anfang, aber offensichtlich war die Ärztin weit weg von der Meinung, ich würde simulieren.

Sie sagte, dass sie mir vorsichtshalber ein Langzeit-EKG für drei Tage anbringen möchte, dazu muss ich alles dokumentieren, aber so wie das aussieht bleibt sie bei ihrer ersten Meinung, dass das psychosomatisch sei. Dachte ich mir schon. Der Verstand weiß es besser. Und wir hatten beim letzten Mal auch schon darüber gesprochen.

Aber sie gab mir den Rat mit auf den Weg: Sollte es schlimmer bzw. nicht besser werden, und mich weiterhin so sehr belasten, müsste ich mit meiner Psychiaterin über weitere Schritte oder gar eine Einweisung sprechen, da bei solchen Panik-Patienten früher oder später das Suizidrisiko steigt.

Das haute mich dann schon ziemlich um.

Ich? Niemals.

Aber ja, doch, so wie es mir die letzten Tage ging, ich die Nachwirkungen und die Verzweiflung realisierte, kann ich mir vorstellen wie es dazu kommt, dass manche Menschen nicht mehr können.

Nein, keine Angst, ich spring nicht gleich von der Brücke. (Hab ich schon mal erwähnt, dass ich ein feiger Mensch bin!?)

Und ich frage mich in Dauerschleife: Warum?

Nur, weil ich es geschafft habe, meine Kraftreserven einzuteilen? Oder weil ich jetzt das Bisschen Behördenkram für meine Tochter erledigen muss? Oder mir mein Jüngster derzeit etwas Sorgen macht? Hm, ja da mag was dran sein. Ich hab ein Problem mit Kontrollverlust. Das wird mir gerade sehr bewusst. Was ja schon mal hilft.

Ich bekam von meiner besten Freundin noch eine Adresse von ihrer Therapeutin von früher, die arbeitet auf unterschiedlichen Ebenen, auch über Hypnose, usw. Natürlich keine Kassenleistung, aber mein Mann meinte „Völlig egal.“ Hingehen kann ich ja mal.

Eigentlich wollte ich eine andere Augenarzt-Praxis bzw. Klinik testen, da ich mit meiner jetzigen nicht glücklich bin. Mein letzter Entzündungsschub (bei dieser Autoimmunerkrankung üblich) habe ich wieder ordentlich Sehfähigkeit eingebüßt. Aber ich merke, dass ich keine Kraft habe, mich auf Neues einzulassen. Zumindest in meinem momentanen Zustand nicht. So muss ich wieder abwägen, was ich zuerst in Angriff nehme, was das kleinste Übel mit dem größten Nutzen ist. Und das sind dann so Momente, in denen ich mich richtig allein fühle. Mag nicht mehr. Kann nicht mehr. Kann aber auf der anderen Seite auf die Frage meines Mannes „Soll ich mit dem Hund gehen“ auch nicht jedes Mal „Ja“ sagen. Ich schäme mich so. Ist das nicht völlig bescheuert? Wie gelingt anderen das bloß!? 😦

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