Faszination Sprache – und dennoch sprachlos

Ich weiß gar nicht, wann es bei mir angefangen hat, dass mich der Umgang mit Sprache so fasziniert. Nicht zu verwechseln mit Leuten, die eine Begabung dafür haben, mehrere Sprachen zu beherrschen! Nein, dazu gehöre ich ganz sicher nicht.

Das Spiel mit Worten und Reimen, wie facettenreich dies sein kann, wie klangvoll Sprache genutzt werden kann… DAS ist eine meiner Welten.

So habe ich zum Beispiel ein Buch meiner Mutter von Heinz Erhardt regelrecht studiert, oder Tonaufnahmen von und mit diesem Sprachkünstler verschlungen, ebenso Briefe von meinem Opa oder Filme wie „Viel Lärm um nichts“, die einen solch gewählten Ausdruck und wunderschönen Klang haben, dass ich ganz gefesselt bin.

Ich denke, das brachte mich auch selbst zum Schreiben. Gedichte, Briefe, Tagebuch… Oder in der Schule dann Erörterungen, in denen man alles akribisch durchdenken und strukturieren muss, um das Ganze schließlich mit einer seitenlangen Ausführung zu vervollständigen. Herrlich!

Aufsätze, Erlebniserzählungen, u.ä. waren dagegen nie wirklich interessant. Ich habe die Aufgaben zwar so gut ich konnte erledigt, aber Spaß daran gefunden habe ich nicht so wirklich. Ich habe auch nie gerne gelesen. Also, Romane und so was. Aussagen wie „In die Geschichte kann man sich so schön hinein versetzen“ konnte ich nie nachvollziehen. Berichte und Autobiografien können aber sehr wohl meine Begeisterung gewinnen.

Die Logik der Grammatik hatte auch immer schon etwas Anziehendes für mich. So wurde ich innerlich schon im Grundschulalter ganz kribbelig, wenn Mitschüler „dem“ und „den“ falsch einsetzten, oder, was mich heute noch fast in den Wahnsinn treibt, der unachtsame Gebrauch von „wie“ und „als“. Grausam, wenn hierbei Fehler gemacht werden.

In der 5. Klasse Gymnasium lernte ich auch Latein, wobei mir die Grammatik völlig klar und einfach erschien. (Gescheitert ist das Experiment Gymnasium an den Vokabeln, die ich mir irgendwann einfach nicht mehr merken konnte, und mir der Druck viel zu groß wurde, so dass ich auf die Realschule wechselte. Anderes Thema.)

Was aber nützt mir das im Alltag?

Freilich hörte es sich nett an, wenn es hieß, welch gewählten und erwachsenen Sprachgebrauch ich schon früh beherrschte.

Nur in Gesprächen, vor allem mit fremden Menschen, verstumme ich beinahe völlig.

Was soll ich denen erzählen?

Detaillierte Vorträge über meine Spezialinteressen möchte keiner hören, wenn nicht zufällig jemand dabei ist, der das selbe Interesse teilt. Selbst dabei merke ich, wenn ich einmal angefangen habe, dass ich für die Meisten zu verbissen an die Thematik heran gehe. Ich überfordere die Menschen dann oft, auch wenn sie aus Höflichkeit zuhören.

Das ist aber kein Gespräch.

Mir schnürt sich schon die Kehle zu, wenn mich jemand fragt, wie es mir gehe. Aus Angewohnheit sage ich meistens „Danke, gut“, egal, ob dies der Wahrheit entspricht oder nicht. Dabei hoffe ich, dass keine weiteren Fragen kommen wie „Und was machst du so?“ Ohje, da wird es schon schwieriger. Was antwortet man darauf? Auch eine mir angeeignete Standard-Antwort: „Ich wurschtel mich so durch den ganz normalen Alltag. Also nichts Besonderes.“ Die Hoffnung nach Ausbleiben weiterer Fragen und meine innere Nervosität wächst.

Fragt mich ein Fremder, was ich so mache, meint er damit meinen Beruf? Dann sage ich meist nur: „Ich bin Managerin einer fünf-köpfigen Familie.“ Klingt besser als „Hausfrau und Mutter.“ Wobei diese Antworten nicht annähernd das ausführen, was ich wirklich tue. Ich bin ja nicht nur Hausfrau und Mutter.

Aber sobald ich wirklich erklären würde, wie ich meine Tage verbringe, oder was ich beruflich mache, wäre das wieder ein Vortrag, der ja, so denke ich zumindest, nicht erwünscht ist.

Also: Was mach ich nun mit meiner Begeisterung für Sprache?

Mich weiterhin von außen begeistern und inspirieren lassen.

Schreiben. Für mich, und vielleicht für ein paar Menschen, die es lesen möchten.

Nur leider hilft mir dies alles weder bei Telefonaten, die ich führen soll (gaaanz schwieriges Thema), noch bei der „Teilhabe an der Gesellschaftlichen Kommunikation“.

Leider interessiere ich mich auch oft nicht für das Bla Bla der anderen. Ganz wenige Menschen können mich mit ihren Erzählungen begeistern. Das liegt vermutlich daran, dass ich z.B. Berichten aus Urlauben nicht viel abgewinnen kann (weil ich selbst nicht in den Urlaub fahre), oder mich auch die immer wiederkehrenden Themen über „Gott und die Welt“ langweilen.

Das ist wirklich nicht böse gemeint. Das soll andere Menschen auch nicht abwerten. Ich habe nur einfach Mühe, Gesprächen zu folgen, mit deren Inhalt ich nichts anfangen kann. Und wenn ich dann so schweigend dabei sitze, kommt die Ansage: „Erzähl du doch auch mal was!“ Na, da geht dann natürlich erst recht nichts mehr.

Fragt man mich gezielt um Rat oder Informationen, gebe ich diese lieber schriftlich weiter. Mein Perfektionismus treibt mich dabei an, alles korrekt und übersichtlich zu gestalten, so dass man sich das heraus suchen kann, was man braucht. Bei Gesprächen muss man warten, bis derjenige auf den Punkt kommt, wie es so schön heißt.

Solche Erfahrungen kenne ich von klein auf.

Das brachte mir dann auch Bezeichnungen wie „schüchtern“ und „unnahbar“ ein, weil ich den Mund nie aufgebracht habe, außer das „Grüß Gott“ und „Auf Wiedersehen“, „Danke“ und „Bitte“. Solche Höflichkeitsfloskeln halt.

Obwohl mich Menschen an sich wiederum sehr interessieren. Ich beobachte gerne und verfolge auch Gespräche, die miteinander geführt werden. Solange man mich dabei raus hält.

Bei wem es mir sehr leicht mit Gesprächen fällt, ist ein mir sehr inniger Freund, studierter Philosoph, gedanklich mit mir auf einer Wellenlänge.

Wenn wir uns unterhalten, kommt es zum Einsatz von allerhand Metaphern, ganze Sätze werden von bildhaften Synonymen ersetzt, es wird nicht einfach nur etwas gesagt um des Sagens Willen. Das Jonglieren mit Worten lässt uns zur Höchstform auflaufen, und Außenstehende kommen dabei nicht mehr mit, wie uns gesagt wurde. Wir befinden uns dann gemeinsam in einer abgeschiedenen Welt. Danach sind wir zwar völlig erschöpft, aber zufrieden und glücklich. Und um einen guten Austausch reicher.

Was ich auch sehr genieße sind letztendlich meine vertrautesten Menschen. Die erwarten erst gar nicht, dass ich etwas erzähle oder irgendwas kommentiere, wenn mir nicht danach ist. Ich darf einfach zuhören, auch mal nachfragen, oder unabhängig davon selbst etwas berichten.

Wie aber erkläre ich es weniger guten Bekannten, dass ich mir schwer tue, einfach so drauf los zu plappern? Als Begleiterin meines Mannes auf Geburtstagsfeiern seiner Freunde ist das immer der Supergau. Ich bin dann meist nur das schweigende Anhängsel. Mir ist das sehr unangenehm, weil ich immer das Gefühl habe, andere finden das seltsam.

Da kann ich also noch so sprachbegeistert sein – aus meiner sprachlosen Welt bringt mich das nicht heraus.

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4 Antworten zu Faszination Sprache – und dennoch sprachlos

  1. Luise Kakadu schreibt:

    Ich bin grad völlig fasziniert davon, dass ich dich zwar auf meinem Blog bereits öfter entdeckt hatte – aber offensichtlich selbst auf deinem noch nie groß geschaut habe….
    Nun bin ich hier.
    Lese hier deinen Text und finde es erst recht spannend, dass Du mich gefunden hast.
    Erst recht schön, dass Du mich liest.
    Ich habe eben erst hier angefangen; weiß noch kaum etwas von dir.
    Bin gespannt, was kommt.
    Und danke dir, dass Du dich sehen läßt.
    Liebe Grüße, Luise

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