„Sei doch einfach du selbst“ oder „Bleib, wie du bist“

Kommentare wie diese begegnen mir immer wieder mal, sei es als gut gemeinter Ratschlag, wenn ich gerade nicht weiß, wie ich mich verhalten soll, oder als Satz auf einer Geburtstagskarte oder ähnlichem.

Und schon denke ich wieder darüber nach, was damit gemeint ist, und dass mich solche Aussagen vor beinahe unüberwindbare Hürden stellen.

Für mich widersprechen sich diese beiden Aufforderungen.

„Sei einfach du selbst“ – nun, wer bin ich denn?

Was hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin?

Meine ersten sechs Lebensjahre verbrachte ich mit meiner „Happy Family“ in einem Haus mit Garten am Rande der Stadt; Vater, Mutter, (Halb-)Bruder und ich, das heiß ersehnte Mädchen. Dass ich ein Wunschkind meiner Eltern war, wurde mir immer wieder gesagt. Warum, das weiß ich bis heute nicht.

Ich lernte relativ früh, dass der Tag eigentlich aus allen möglichen Regeln bestand, welche ich seltenst infrage stellte:

Man gibt brav die Hand beim Begrüßen und Verabschieden, man sieht sein Gegenüber an, wenn man mit ihm spricht, sagt artig „bitte“ und „danke“, sitzt still und gerade bei Tisch, man nimmt sich nichts ohne zu fragen und räumt danach auch alles sofort wieder an seinen Platz. Bekannten und Verwandten gegenüber ist man immer höflich und tut, was sie von einem erwarten: auf den Schoß von Opa, Oma, Onkel, Tante setzen z.B., wenn mal wieder Fotos gemacht wurden, den Teller leer essen, sich hübsch anziehen… Man kommt, sobald man gerufen wird, denn man lässt niemanden warten, und man verlässt den Raum, wenn dies verlangt wird.

Auch im Kindergarten wurde dies alles so gehandhabt. Ich kam in eine Gruppe, die damals ganz neu und bis dahin nicht üblich, die Kleinen ab drei Jahren aufnahm. Alles war angeleitet und durchgeplant. Und im Grunde dachte ich immer, das würde schon alles richtig so sein.

Was aber, wenn ich nicht wollte? Aus welchem Grund auch immer?

– ansehen – Hand geben – aufräumen – Schoß sitzen – mitgehen – still sitzen –

Dann dauerte das Ganze halt länger, es wurde mit Nachdruck deutlich gemacht, dass darüber nicht diskutiert wird. Nicht wollen? Gibt’s nicht! „Du wirst schon sehen, was du davon hast!“

Es fielen dann auch solch furchtbaren Sätze wie „Du bist heute aber ein böses Kind“, oder „So ist die Susi aber gar nicht lieb“. Ich habe eine absolute Abneigung gegen diesen Kosenamen! Mein Vater gebrauchte ihn auch immer dann, wenn ich z.B. auf mein Zimmer gehen musste, weil meine Eltern etwas zu besprechen hatten. „Das ist nix für Susis Ohre“, hieß es dann immer.

Ich war also permanent damit beschäftigt, es meinen Eltern, vor allem meinem Vater, Recht zu machen. Vorzeigbar sein. Damit man stolz auf mich ist. Für ein bisschen Liebe und Aufmerksamkeit. Aber die kam nicht. Zumindest nicht dann, wenn ich sie wollte oder brauchte. Sie kam dann, wenn wir Besuch hatten oder wir unter Leuten waren. Umso mehr Mühe gab ich mir wiederum.

Natürlich wurde ich auch für angemessenes Verhalten belohnt: Hatte ich brav aufgegessen, durfte ich in den Garten zum Spielen. Habe ich das Fotografieren über mich ergehen lassen, bekam ich einen Keks.

Aber dieses „setz dich da auf den Schoß“ war vor allem bei meinem Opa und einem bestimmten Onkel eine Qual. Unangenehm und unheimlich fand ich sie. Also rutschte ich natürlich immer wieder von deren Beine runter, machte ein Hohlkreuz, wenn man mich wieder darauf platzierte. Schließlich hielt man mich so lange fest, egal wie sehr ich mich sträubte, bis ich aufgab und endlich ruhig saß. Diese Verzögerungen verärgerten alle, mir aber tat der ganze Körper weh, meine Haut brannte wie Feuer, jedes Wort dröhnte in meinem Kopf.

Also zog ich mich immer öfter in „meine Käseglocke“, wie ich es nenne, zurück.

Ich genoss es, für mich zu sein, wenn ich es wollte.

Das ist aber nicht das Selbe, wie allein gelassen zu werden.

Ich erinnerte mich an einen Abend, als ich ins Bett geschickt wurde, ich aber meiner Mutter nochmal unbedingt „gute Nacht“ sagen wollte. Ich rief sie. Mehrmals. Sie kam nicht. Ich rief lauter, immer wieder, weinte schon dabei. Aus dem Bett traute ich mich natürlich nicht. Also blieb mir nur das Rufen. Doch sie kam nicht. Mein Vater ließ sie nicht. Ich hatte eine unbändige Angst, einen so großen Fehler gemacht zu haben, den ich nie wieder gut machen könnte. Warum nur kam niemand? Irgendwann schlief ich vor Erschöpfung ein.

Sonntagsspaziergänge: Die Söckchen kratzten, die Bluse kniff, der Rock war hässlich, die Schuhe zu klein, und der Weg immer viel zu lang. Ich wagte aber nicht, irgendwas zu sagen. Ich wollte schließlich keinen Ärger machen, und als Belohnung das Eis bekommen, welches mir versprochen wurde.

Mein Anker war zu dieser Zeit mein Bruder, neun Jahre älter als ich.

Manchmal schlich er sich abends in mein Zimmer und setzte sich an mein Bett, bis ich, seine Hand haltend, einschlief. Konnte ich nicht mehr laufen, nahm er mich ab und zu auf seine Schultern. Das fanden wir beide lustig und machte uns Spaß. Im Nachhinein erfuhr ich, dass er dafür dann immer Prügel bezogen hat.

Überhaupt war das der Unterschied, der zwischen uns gemacht wurde:

Ich wurde zu dem gemacht, was als brav und angenehm empfunden wurde, mir wurde immer gesagt, wie ich zu funktionieren hatte, und ich wagte es nicht, irgendwelche Regeln infrage zu stellen. Niemals. Niemandem gegenüber. Wenn ich etwas als ungerecht empfand, muss es meine Schuld gewesen sein. Die Erwachsenen haben immer Recht.

Mein Bruder hingegen rebellierte. Zugegebenermaßen oft übertrieben, je älter er wurde, aber dementsprechend wurde er auch bestraft.

Anfangs hatten wir also uns, gaben uns Nähe und Sicherheit. Mit der Zeit aber wurde unser Miteinander immer seltener, was einfach dem Altersunterschied verschuldet war.

Relativ früh in meiner Kindheit wurde auch mein Musiktalent bemerkt, welches man fördern musste. So kam ich in die musikalische Früherziehung, bekam Geigenunterricht, Rhythmus und Tanz… Üben, Auftritte, Unterricht… Das machte mir sogar Spaß. Aber natürlich hätte ich auch gerne mal was anderes gemacht, als ein und das selbe Lied zum zwanzigsten Mal wiederholen, weil schon wieder ein Fehler dabei war. Half nix. Wenn ich es konnte, durfte ich ja spielen gehen. Das war schon okay.

Aber das Familienidyll bröckelte.

Nach vielen Umzügen innerhalb weniger Jahre, die mich jedes Mal wieder in ein tiefes Loch stürzten, und nach einem heftigen Wutausbruch unseres Vaters, den mein Bruder ertragen musste, war auf einmal nichts mehr wie es war.

Was war passiert?

Ich erwachte.

Ich war acht Jahre alt und es kam mir vor, als würde ich meine Umwelt nach langer Zeit wieder das erste Mal wahrnehmen. Und ich wusste nicht, was ich tun sollte.

Mein Bruder kam zu seiner Oma. Eine Katastrophe.

Meine Mutter musste arbeiten gehen.

Morgens war ich also allein.

Weckerklingeln, anziehen, zur Schule.

Ein Ort des Grauens. Ich fühlte mich so hilflos. Aber ich hatte ja gelernt: Bloß nicht auffallen, nur keinen Ärger machen, nichts sagen, niemanden verärgern.

Ich verstummte. Ich weinte viel.

Nur die Musik begleitete mich weiterhin. Flöte brachte ich mir selbst bei, ich ging in einen kleinen Kinderchor, und lernte Akkordeon.

Zu Hause genoss ich es, in meinem Zimmer ganze Playmobil-Landschaften nach- und aufzubauen. Dort war ich in meiner Welt. Sicher.

Auch draußen war ich lieber allein, streifte durch den nahe gelegenen Wald oder powerte mich mit Rollschuhen und Fahrrad aus.

Mit anderen Kindern zusammen fühlte ich mich meist unwohl, schließlich war keiner dabei, der mich anleitete, was ich wann und wie zu tun hatte. Was ist richtig? Was soll ich sagen? Wieso tun sich aber die anderen damit so leicht?

Also ließ man mich irgendwann links liegen, bezog mich nicht mehr ins Spiel mit ein.

Mist! Doch etwas falsch gemacht? Nur was?

Nun war aber auch niemand mehr da, der mir durch Konsequenzen die Fehler austrieb!

Also begann ich selbst damit, mich zu bestrafen, wenn ich es für nötig erachtete.

„Du bist ein böses Kind“ – das bekam dann eben nichts zu essen. Schulbrotzeit und Mittagessen, welches ich mir irgendwann selbst zubereiten oder warm machen konnte, versteckte ich im Müll. Immer dann, wenn ich was falsch gemacht hatte. Ganz bestimmt gab es da was: In der Schule bekam ich den Mund nicht auf, oder ich hatte mir nicht genug Mühe gegeben, vielleicht hab ich jemanden verärgert…

So begann mit etwa zwölf Jahren meine Essstörung, aber das ist eine andere Geschichte.

Mittlerweile bin ich Ende dreißig, habe selbst drei Kinder, einiges an Erfahrungen gesammelt, doch verstehen, wie das Leben so läuft, kann ich im Grunde bis heute nicht.

Mit meinem Vater habe ich seit langem keinen Kontakt mehr, meine Mutter ist verstorben.

Wie oft aber musste ich mir anhören, dass ich total unselbstständig und ja so wenig belastbar sei. Ich mache mir viel zu viele Gedanken und Sorgen, ob ich denn nicht mal locker sein könne.

„Sei doch einfach du selbst!“ schallt es dann wieder durch mein Ohr.

Natürlich hilft es mir, mein Leben zu verarbeiten, in dem ich alles noch einmal durchgehe und hinterfrage. Ich beginne ganz langsam, mich selbst kennen zu lernen. Jetzt allerdings muss ich es selbst heraus finden, weil mich nun mal niemand mehr führt. Schließlich bin ich eine erwachsene Frau.

Was will ICH?

Was darf ich, was kann ich?

Ist das richtig so?

Bin ich ein liebenswerter Mensch? Daran zweifle ich am meisten.

Dinge, die mir von Kindheit an immer und immer wieder vorgebetet wurden, damit ich funktioniere, sind für mich alles andere als selbstverständlich.

Das macht mich in vielen Situationen unsicher bis hin zu handlungsunfähig.

Also ist es auch für mich nicht unbedingt erstrebenswert, so zu bleiben wie ich bin.

Mein „Werden“ wird noch eine ganze Zeit lang dauern.

Menschen, die mir wichtig geworden sind, machen mir Mut und unterstützen mich dabei.

Manches wird mir vermutlich nie gelingen, und in meinem Alltag gibt es noch genug Grenzen, an die ich stoße, die mich auch nach wie vor unter „meine Käseglocke“ treiben.

Abschließend denke ich mir, ich bin auf einem guten Weg. Heute ist heute.

Und ich sage mir, „Gott sei Dank geht man heut zu tage nicht mehr so mit Kindern um, vor allem mit sehr schüchternen oder sehr sensiblen, man darf Kinder nicht über die Maßen zu Sachen zwingen, die ihnen unangenehm sind…“

Ich gehe ganz anders mit meinen Kindern um, ich berücksichtige Menschen immer in ihren Stärken und auch mit ihren Schwächen, bin eigentlich ein positiv denkender Mensch… „Die Würde des Menschen ist unantastbar!“

Und dann lese ich was von ABA…

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s