„Geht’s dir nicht gut?“

Wenn ich meinen Tag so vor mich hin gestalten und meine mir wichtigen Dinge erledigen kann, ohne dass ich unter Druck gerate, bin ich zufrieden. Ich bin ein eher bescheidener Mensch. Friedliebend. Wichtig ist mir auch, Gegebenheiten außer der Reihe im Vorfeld einplanen zu können – ich bin weniger der spontane Erdenbürger, der immer Lust auf action und Neues hat, ich mag keine Überraschungen. Auch keine „nett gemeinten“.

Dabei bin ich durchaus so flexibel, dass Freunde meiner Kids immer kommen können, wann sie wollen, denn sie verschwinden eh in den jeweiligen Zimmern und stellen an mich keine Ansprüche. Getränke und kleine Zwischenmahlzeiten wie Obst, Joghurts, Müslis, usw. stehen jedem zur freien Verfügung.

Wenn sich Besuch für mich ankündigt, brauche ich Zeit. Zeit, mich mental darauf vorbereiten zu können, zu überlegen, ob Kaffee und Kuchen angebracht wären, ob der Besuch bis abends zum Essen bleibt (um was sich meistens mein Mann kümmert), Zeit, meine Wohnung so in Ordnung bringen zu können, dass ich mich wohl fühle, Gäste in Empfang zu nehmen. Das ist mir besonders wichtig, denn hier liegt meistens etwas herum, gerade wenn mich mal wieder ein „Projekt“ beschäftigt, welches nicht in ein paar Stunden erledigt ist, sondern über mehrere Tage ein offensichtliches Chaos verursacht.

Würde man mich in solchen Tagen sehen, käme man ganz sicher auf den Gedanken, dass es mir nicht gut ginge. Derweil habe ich eigentlich nur einen neutralen bis konzentrierten Gesichtsausdruck, bin sehr schweigsam, denke eben viel, während ich hier und da den einen oder anderen Handgriff tätige.

Wieso aber erscheint es dann Außenstehenden so, als würde es mir schlecht gehen?

Eben genau mit dieser Frage bringt man mich in einen Zustand, der sich nicht gut anfühlt: Zuerst überrascht, dann verständnislos, schließlich sauer. „Was soll denn der Mist jetzt?“ schießt mir dabei durch den Kopf, „Lass mich doch in Ruhe!“

Sicher, meinem Gegenüber, der sich vielleicht nur Sorgen macht, sind diese Gedankengänge nicht gerecht. Für mich allerdings ist diese Frage, in einer Situation, in der ich schlichtweg beschäftigt bin, äußerst unlogisch.

Das Paradoxe ist aber: Wenn es mir wirklich schlecht geht, erkennt das keiner.

Oder traut man sich dann nicht, zu fragen, weil man dann vielleicht eine Antwort bekommt, mit der man nicht umgehen kann?

Mir geht es zwischendurch tatsächlich oft nicht gut, was an einer Autoimmunerkrankung der Schilddrüse und einer Begleiterkrankung der Augen liegt. Ich bin kein Mensch, der permanent jammert. Meine körperlichen Befindlichkeiten, und ich habe noch einige andere „Baustellen“ mehr, teile ich meist nur sehr vorsichtig und auch nur meinen engsten Familienangehörigen mit. Wer mich kennt, weiß eigentlich auch, dass ich mich dann sehr zurück ziehe oder aber etappenweise viel schlafe.

Wie es nun mal so ist, kann man solche Phasen nicht planen, und leider traf mein letzter Kraftverlust mit der Geburtstagsfeier einer langjährigen Freundin zusammen. Ich sagte erst ab, als ich merkte, es ging wirklich nichts mehr. Da hatte die Feier (eigentlich sollte es ein nettes Zusammentreffen von ein paar wenigen Leuten sein) bereits begonnen, so schrieb ich nur eine SMS mit meiner Entschuldigung, um die Gastgeberin nicht weiter zu stören.

Das ist jetzt eine Woche her.

Zurück kam nichts.

Ich bin enttäuscht, ja. Aber eigentlich nicht überrascht. Leider. So verstehe ich nicht, wie man beleidigt sein kann, wenn jemand sagt, er habe zu einem Treffen keine Zeit, oder keine Lust. Ich kenne in diesem Zusammenhang ein solches Gefühl nicht. Wenn mir jemand absagt, dann ist das für mich eine freie Entscheidung, oder es gibt einen Grund. Dazu gehört auch, keine Lust zu haben. Das steht doch jedem zu!? Warum fühle ich mich immer so elend, wenn ich mal „nein“ sage? Viel zu oft habe ich mich zu Aktionen überreden lassen, weil ich mich einfach nicht getraut habe, nicht zu wollen. Manchmal war es ja auch ganz nett, manchmal aber hätte ich mir das doch besser sparen sollen, weil ich wie erwartet danach völlig erledigt war. Jetzt wage ich es, zu sagen, wenn ich etwas nicht möchte, und nun ist man deshalb wütend auf mich? Für mich nicht nachzuvollziehen.

Ich glaube, je mehr ich auf mich achte, mein Befinden berücksichtige und nicht andauernd über meine Grenzen gehe, werde ich für viele, die mich schon länger kennen, ein unbequemer Mensch.

Von egoistisch im negativen und ausbeutenden Sinne kann bei mir wirklich nicht die Rede sein. Ich achte eher auf meine Mitmenschen als auf mich selbst.

Dass es mir oft nicht mehr so gut geht, hat mich auch meinen Traumjob gekostet. Darunter leide ich selbst am meisten. Auch, dass ich manchmal nicht so kann ich wollte, stimmt mich traurig. Aber ich muss nun einmal damit leben. Darüber sprechen kann ich mit kaum jemanden. Es scheint für die meisten Menschen unmöglich zu sein, nicht helfen, aber dennoch einfach da sein zu können. Da fragt man dann plötzlich nicht „Geht’s dir nicht gut?“

Aus Angst vor der Antwort: „Nein, tut es nicht.“

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