Alles nur leere Worte?

Ich muss gestehen, ich bin immer noch ziemlich verwirrt, enttäuscht, wütend, ratlos…

Durch den offenen Brief an Aktion Mensch und vor allem durch deren Reaktionen darauf frage ich mich ernsthaft, ob Organisationen, die sich „Behinderten-Hilfe“ auf die Fahne schreiben, verstanden haben, worum es geht, oder ob sie nur den Schein wahren wollen, nach außen hin reine PR-Maßnahmen betreiben, und somit der wahre Austausch auf der Strecke bleibt, weil dieser nicht rentabel erscheint.

Ganz ohne Frage, dessen bin ich überzeugt, fließen viele Gelder – und mir kann keiner erzählen, dass dies nur in eine Richtung passiert. Warum sonst beharrt Aktion Mensch so sehr darauf, „alle Beteiligten an einen Tisch zu bringen… um Missverständnisse aufzuklären“, wo man sich doch vorstellen kann, dass eine Institution wie ifa-bremen rein aus finanziellen Interessen „am längeren Hebel“ (RW) sitzt!?

Warum, liebe Leute von Aktion Mensch, lasst Ihr Euch so beeinflussen von Menschen, die nicht die geringste Ahnung haben, wie man sich als Autist fühlt, wenn man so ein Programm über sich ergehen lassen musste?

Ihr sprecht von Inklusion, von Teilhabe, von Barrierefreiheit…

Teilhaben und selbstbestimmt leben heißt, das eigene Leben kontrollieren und gestalten zu können und dabei die Wahl zwischen annehmbaren Alternativen zu haben, ohne in die Abhängigkeit von Anderen zu geraten – so formuliert es die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung. Die Aktion Mensch unterstützt dabei, dass auch für Menschen mit Behinderung diese Entscheidungsfreiheit in allen Lebensbereichen mehr und mehr zur Selbstverständlichkeit wird. Entscheiden Menschen mit Behinderung selbst über ihre Lebensführung, können sie ihre Lebensqualität steigern und ihre Persönlichkeit entfalten, eben ein selbstbestimmtes Leben führen und an der Gesellschaft teilhaben.

Das widerspricht dem Konzept des „Bremer Frühtherapieprogramm Autismus“ ganz gewaltig!

Inklusion heißt wörtlich übersetzt Zugehörigkeit, also das Gegenteil von Ausgrenzung. Wenn jeder Mensch – mit oder ohne Behinderung – überall dabei sein kann, in der Schule, am Arbeitsplatz, im Wohnviertel, in der Freizeit, dann ist das gelungene Inklusion.

In einer inklusiven Gesellschaft ist es normal, verschieden zu sein. Jeder ist willkommen. Und davon profitieren wir alle: zum Beispiel durch den Abbau von Hürden, damit die Umwelt für alle zugänglich wird, aber auch durch weniger Barrieren in den Köpfen, mehr Offenheit, Toleranz und ein besseres Miteinander.

Inklusion ist ein Menschenrecht, das in der UN-Behindertenrechtskonvention festgeschrieben ist. Deutschland hat diese Vereinbarung unterzeichnet – mit der Umsetzung von Inklusion stehen wir aber noch am Anfang eines langen Prozesses. Die Aktion Mensch will diese Entwicklung unterstützen. Wir setzen uns dafür ein, dass Menschen mit und ohne Behinderung ganz selbstverständlich zusammen leben, lernen, wohnen und arbeiten: Wir fördern zum Beispiel Wohnprojekte mitten in der Gemeinde, unterstützen inklusive Freizeitprogramme oder Seminare, die mehr Selbstständigkeit und Unabhängigkeit ermöglichen. Mit Aktionen und Kampagnen tragen wir das Thema in die Öffentlichkeit.

Inklusion ist kein Expertenthema – im Gegenteil. Sie gelingt nur, wenn möglichst viele mitmachen. Jeder kann in seinem Umfeld dazu beitragen. Und je mehr wir über Inklusion wissen, desto eher schwinden Berührungsängste und Vorbehalte.

Es geht um Menschenrechte

Einen wichtigen Meilenstein bei der Umsetzung von Inklusion markiert die UN-Behindertenrechtskonvention, die in Deutschland im Jahr 2009 in Kraft trat. Damit sind die Forderungen des internationalen Übereinkommens rechtlich verankert. Das reicht allerdings nicht aus. Um Denken und Handeln zu verändern, bedarf es weitaus mehr. Es muss auch jedem bewusst sein, wie wichtig Inklusion für das gesellschaftliche Miteinander ist. Sie kann nur dann gelingen, wenn möglichst viele Menschen erkennen, dass gelebte Inklusion den Alltag bereichert – weil Unterschiede normal sind.

Was ich hier nun hervorgehoben habe, klingt alles prima, ist wünschenswert und sollte Ziel aller sein.

Aber wo deckt sich das mit Aussagen wie

“Es geht darum, dass die Kinder ihr gelerntes autistisches Verhalten vergessen und ein neues Verhalten erlernen”

“Kinder mit Autismus können nicht von sich aus lernen”

Wie kann man denn nur solch große Scheuklappen tragen, dass man nicht erkennen kann, was hier passiert? Dass dieses Therapieprogramm nur Mittel zum Zweck ist, Autisten gesellschaftsfähig zu machen, und es eben nicht darum geht, ihnen ein passendes Umfeld zu gestalten und nur dort Hilfe angeboten und geleistet wird, wo sie nötig und auch erwünscht ist?

Sorry, Aktion Mensch!

„Nichts verstanden – setzen – sechs!“

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