Draußen unterwegs

Zeit. Bloß die Zeit nicht aus den Augen verlieren.

Liste. Was muss ich noch tun.

Es ist soweit – ich muss los.

Pünktlichkeit. Oberste Priorität.

Ich stehe an der Straßenbahnhaltestelle – warten – bloß nicht auffallen.

Eine Mutter mit zwei kleinen Kindern plus Kinderwagen zwängt sich an mir vorbei, völlig desinteressiert, ob sie mich streift, oder ob ihre Kinder mit ihren Rollern über fremde Füße fahren.

Einsteigen – Gott sei Dank einen freien Einzelplatz gefunden.

Gespräche der Leute, Verkehr von draußen, Geräusche der Straßenbahn… „Warum müssen Handys Tastentöne haben!?“ Alles rauscht durch meinen Kopf.

Ein Fleck auf einer Jacke, ein Schnürsenkel, der sich zu öffnen droht, seltsame Kleiderzusammenstellungen, fettige Haare… Alles springt mich förmlich an.

Huch! Aussteigen! Die Treppe runter zur U-Bahn. Menschenmassen, die von der zuvor angekommenen Bahn ausgespuckt wurden, kommen mir entgegen. Ich zwänge mich auf die Seite, während andere Leute ungeniert ihres Weges gehen, ohne darauf zu achten, dass ich nicht weiter ausweichen kann. Wut steigt in mir auf.

Ich gehe zur Mitte des Bahnsteigs, dort warten die wenigsten Menschen.

Die U-Bahn fährt ein, die Plätze sind so gut wie alle besetzt.

Ich bleibe an der Tür auf der Seite stehen, um wenigstens das Gefühl zu behalten, ich könne jeder Zeit raus.

Es riecht nach Käsesemmel, Schmatzen erreicht mein Ohr, was in mir einen unerklärbaren Ekel hervor ruft, als wenn sich ein Borstenpinsel den Weg durch meine Gehörgänge bahnt.

Zwei Jugendliche unterhalten sich per Gebärdensprache; ihnen sehe ich unauffällig und ebenso fasziniert zu.

Warum starren mich alle denn so an? Hab ich vergessen, meine Hose anzuziehen? Gedeiht ein Pickel in meinem Gesicht? Sitzt meine Jacke verkehrt herum?

Ich senke den Kopf und beobachte Schuhe. Belustigt von manchen seltsam anmutenden Modellen erreiche ich meine Haltestelle.

Von den vielen Menschen lasse ich mich zum Aufgang mitziehen. Nur niemandem hinten auf die Füße steigen! „Wieso geht die jetzt so langsam?“ „Muss der jetzt vor meiner Nase plötzlich stehen bleiben?“ Ein Mann kreuzt vor mir den Weg. Diese Rücksichtslosigkeit!

Ich habe wieder das Tageslicht erreicht. Nur noch fünf Minuten Fußweg – geradeaus – über eine Seitenstraße – weiter geradeaus – links ums Eck – Ziel erreicht. Nicht ohne weiteren Barrieren, weil ein Lieferant seine Ware vor meine Füße stellt, Touristen plötzlich vor einem Schaufenster stehen bleiben, oder eine Bettlerin beinahe an meinem Arm hängt.

Mir dröhnt der Kopf. Aber ich bin da.

Ich warte auf meine Tochter, die z.Zt. eine BvB (BerufsVorbereitende Bildungsmaßnahme) macht. Den Weg allein schafft sie noch nicht, da auch sie sonst zu sehr mit den Reizen überfordert ist. So bin ich ihr Wegweiser, so kann sie mir ohne nachzudenken hinterher gehen, sie muss nicht auf eventuelle Durchsagen oder die Stationen achten. Das ist ok so, ich nehme ihr diese Last gern, damit sie sich auf das eigentliche Programm konzentrieren kann.

Ein Jahr lang, jeden Tag zwei Mal diese Strecke hin und zwei Mal zurück. Ich bin fix und alle. Doch der Stolz, wie weit es meine Tochter mittlerweile geschafft hat, ist es mir wert.

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