Ein Leben ohne Therapie?

Kurz zusammen gefasst zur Wiederholung:

Meine Tochter ist mittlerweile 16 Jahre alt, bekam ihre Diagnose „Asperger-Syndrom“ Anfang 2011, also kurz vor ihrem 12. Geburtstag.

Warum erst so spät, das fragten sich auch zu dieser Zeit die Ärzte und Psychologen, denn aus den Gutachten und Berichten voran gegangener Untersuchungen und Tests wäre dies sehr deutlich heraus zu lesen gewesen, dass man zumindest an Autismus hätte denken können.

Kann ich nicht beurteilen, dennoch war ich letztendlich diejenige, die zufällig im Internet darauf gestoßen ist und mir wurde sofort klar: Das ist es!

Auffällig war meine Tochter vom ersten Lebenstag an. Seit dem ersten Atemzug brüllte sie fast rund um die Uhr, ihre Schlafphasen dauerten maximal eine halbe Stunde. Noch im Krankenhaus „wünschten“ mir die Kinderschwestern „Viel Spaß – mit der werden Sie noch ihre Freude haben!“ Na, danke!

Der Kinderarzt sah das anfangs alles sehr locker und argumentierte, dass es Kinder gibt, die Anpassungsschwierigkeiten haben. Das Licht, die Geräusche, die Wärme oder Kälte,… Einen wirklichen Rat hatte er eigentlich nicht, außer, dass ich mir jede Ruhepause gönnen sollte, die ich bekommen kann.

Die Entwicklung meiner Tochter ging schubweise und immer sehr plötzlich voran. Wenn sie was nicht schaffte oder erreichte, schrie sie wie am Spieß, hatte sie Erfolg, war sie wieder zufrieden: Krabbeln, Stehen, Laufen, Türmchen bauen, Formen in passende Löcher stecken, egal was. Niemals bat sie um Hilfe. Sie schrie. Obwohl ihr Sprachvermögen sehr früh sehr ausgebaut war, benutzte sie es nicht zur Ziel orientierten Kommunikation. So konnte auch alles mögliche einen heftigen Wutausbruch auslösen.

Mit vier Jahren, weil sich nichts änderte, ließ ich sie in einem Kinderzentrum testen. Nach ein paar Terminen kamen wir mit „Emotions- und Sozial-Störung“ heraus, und es wurde eine analytische Spieltherapie empfohlen.

Diese reizten wir auch bis zum letzten Termin über einige Jahre hinweg aus. Die Therapeutin analysierte ihr Verhalten und brachte es mit bestimmten Auslösern in Verbindung, mir selbst taten die Elterngespräche unheimlich gut, und unser Weg aufeinander zu begann.

Mit Beginn der Schulzeit wurde es nochmal deutlich anstrengender, aber wieder schafften wir es in Zusammenarbeit, Therapeutin, Lehrerin, Eltern, heraus zu finden, was meine Tochter braucht, und wo ihre Grenzen sind, damit sie so ausgeglichen wie möglich war.

Dennoch kam hier die zweite Test-Episode, heraus kam nicht wirklich was anderes, und in der 3. und 4. Klasse besuchte meine Tochter nach der Schule eine HPT (HeilPädagogische Tagesstätte), in der sie lernte a) ihre Bedürfnisse und b) die Bedürfnisse anderer wahrzunehmen, um diese dann „unter einen Hut“ (RW) zu bringen.

Alles in Allem war das das Einzige, was wir begleitend jemals in Anspruch genommen haben. Es ging nie darum, meine Tochter anzupassen, sondern genau hinzusehen und zuzuhören. Kompromisse eingehen, die Tagesverfassung zu berücksichtigen, usw.

Es wurde quasi ein Deal: Ich versuche, alles zu berücksichtigen, was Dir wichtig ist, Du folgst bitte meinen Anweisungen, wenn sich einmal etwas wirklich nicht vermeiden lässt.

Beispiele?

Wenn sie nicht mit zu Oma und Opa wollte, blieb ich mit ihr zu Hause und mein Mann fuhr mit unserem Sohn alleine hin.

Sie erträgt die Geräusche am Esstisch nicht, also darf sie in ihrem Zimmer essen.

Wenn sie in der Schule ihre Aufgaben nicht schaffte, suchte man nach einem Zeitfenster, in dem sie sie nachholen konnte.

Klare Absprachen, an die sich jeder hält, tragen dazu bei, dass sie immer flexibler und kompromissbereiter wurde. So ließ ich sie z.B. fernsehen, kündigte aber eine Uhrzeit an, zu der ich etwas Bestimmtes sehen wollte.

Hatten wir Termine, bei denen meine Tochter mit musste, bekam sie unter Umständen am Tag danach komplett frei.

Stück für Stück wurden die Meltdowns weniger, ich kann mich heute gar nicht mehr erinnern, wann der letzte war. So freute ich mich, als ich eines Tages in ihr Zimmer ging, irgendwas wollte, sie aber völlig platt auf ihrem Bett saß (ich weiß nicht mehr, was so anstrengend war) und sie mich anschnauzte: „Raus aus meinem Zimmer, ich will jetzt nicht reden!“ Eine verbale Äußerung! Ein ausgesprochener Wunsch! Jeder andere hätte vermutlich geschimpft, mit welchem Ton dieses Kind mit seiner Mutter spricht, für mich aber war es ein so tolles Erlebnis, dass ich Tränen in den Augen hatte!

Wir lernten alle gemeinsam, dass Verhaltensweisen immer im Zusammenhang gesehen werden müssen. Irgendwas läuft schief, wenn meine Tochter überreagiert. Und inzwischen kann sie darüber reden.

Keine Therapie, kein Programm, welches ihr vorgab, wann man sich wie zu verhalten hat, hätte dies so nachhaltig (!) erreicht. Denn eines erreicht man nur im Zusammenleben, wenn man sich auf all die Zutaten des Lebens einlässt: Vertrauen! Das ist das größte Gut, was man sich allerding verdienen muss.

Wir haben noch viele schwere Zeiten hinter uns gebracht, von Mobbing in der Regelschule bis hin zu schweren Depressionen, weshalb meine Tochter in eine Klinik eigewiesen werden sollte, inkl. Medikamenten versteht sich, aber ab hier verweigerte ich alles, was nicht unmittelbar mit unserem Lebensumfeld zu tun hatte. Ich konzentrierte mich auf das Hier und Jetzt: Schulwechsel! Tagesstruktur! Vorrausschaubarkeit! Miteinbeziehen sämtlicher Stärken und Schwächen!

Das Ergebnis ist nun eine junge Dame, die ihr Leben selbst in die Hand nimmt, sich traut, auf andere Leute zuzugehen und gleichzeitig auf ihr Inneres zu hören. Weil sie vertrauen kann! Weil sie sein darf!

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