Rückschritte

Es gibt immer Situationen im Leben, mit denen man weniger gut zurecht kommt, oder die einen gar völlig aus der Bahn werfen.

Wie fragil das innere Selbst ist, zeigt sich meist erst dann in solchen Momenten, Wunden, die noch nicht verheilt sind, drohen wieder aufzubrechen.

So geht es gerade meiner Tochter.

Seit September ist sie in einer BvB (Berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme), und bisher läuft alles recht gut. Natürlich kommt sie an so manchen Tagen nach Hause und ist erschöpft, oder aber genervt, was ihre anfänglichen Bedenken bestätigt: Mit lauter Autisten in einem Haus, die zum Teil auffälligere Eigenschaften zeigen als sie selbst… Die Gruppe arbeitet ja u.a. an Eigen- und Fremdwahrnehmung, aber wie bei vielen anderen Dingen ist es oft schwer, es in den Alltag zu transportieren.

Und hier gibt es ein Problem: Mit einem Gruppenkollegen, der bereits sechs Jahre älter ist, verstand sich meine Tochter von Anfang an recht gut. Sie kommt eher mit Älteren gut aus, und Jungs sind wohl „pflegeleichter“ als Mädchen. So scheint es zumindest. Erst mal.

Allerdings meint nun dieser junge Mann, meine Tochter dahin gehend beeinflussen zu müssen, als dass er sich als ihr wahrer guter Freund darstellt, während die anderen der Gruppe angeblich hinter ihrem Rücken lästern. Zudem gibt es Kommunikationsprobleme, irgendwas möchte er mit ihr geklärt haben, und macht es ihr zum Vorwurf, dass sie nicht mit der Sprache heraus rückt. Auf mehrmaliges Nachfragen, um was es denn überhaupt gehe, beschimpft er sie, sie solle aufpassen, wie sie mit anderen umgeht, und wenn sie sich jetzt nicht mal ordentlich mit ihm ausspricht, könne sie einen wichtigen Menschen in ihrem Leben verlieren. Also, er hält sich selbst für wichtig, und stellt sich gleichzeitig als Beschützer dar. Meine Tochter möchte eigentlich nur ihre Ruhe, und versteht die Welt nicht mehr.

Das hat sie gestern Abend so sehr beschäftigt, dass sie mich zu einem Gespräch in ihr Zimmer bat, und mir die ganze Geschichte erzählte, sowie ihren WhatsApp-Verlauf mit dem Herren zeigte. Sofort suchte sie wieder die Schuld bei sich, möchte einerseits niemanden verletzen, würde andererseits aber am liebsten um sich schlagen. Verbal zumindest.

Und ich denke, hier liegt auch das Problem: Sie kann sich sehr gewählt ausdrücken, und wird somit von einigen Leuten nicht verstanden, die sich dann unterlegen fühlen und grob werden.

Wie geht man mit sowas um?

Meine Tochter hat in den letzten zwei Jahren enorme Fortschritte gemacht, ist wesentlich stabiler geworden, aber bei solchen Ungerechtigkeiten bricht sie wieder in sich zusammen. Die Erinnerungen an das Mobbing in der 5.-7. Klasse kommen wieder hoch.

Sicher kann ich sie bestärken, ihr Mut zusprechen, ihr signalisieren, dass ich für sie da bin… Deshalb schafft sie es ja mittlerweile, mit mir über solche Sachen zu sprechen, was ein großer Fortschritt ist, aber abnehmen kann ich ihr den Kampf nicht. Sie wird immer wieder auf Menschen treffen, mit denen sie Schwierigkeiten hat, aber ihr Selbstbewusstsein, dass sie sich nicht für alles verantwortlich fühlen braucht, ist noch sehr zerbrechlich.

Hier kommt auch immer wieder meine Angst in mir hoch, dass sie in eine depressive Phase oder in Selbstverletzung rutscht. Andererseits werde ich wütend, dass die Bereitschaft, diese BvB zu machen, um sich Chancen fürs Leben aufzubauen, durch solche Vorkommnisse zerstört wird.

Also kann ich nur dran bleiben, ihr den Rücken stärken, unterstützen wo ich kann. Und hoffen. Hoffen, dass sie sich nicht aufgibt.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s