Keine Chance…

… wegen Fördermaßnahmen.

Nein, das soll hier wirklich „wegen“ heißen, nicht „trotz“.

Mir platzt gleich der Kragen.

Da hofft man, dass sein Kind mit Hilfe einer BvB (Berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme) extra für Autisten einen Ausbildungsplatz bekommt, vorzugsweise auf dem sogenannten 1. Arbeitsmarkt, und dann wird das vereitelt?

Meine Tochter hat ein durchaus ernst zu nehmendes Ziel:

Sie will Maßschneiderin werden. Das ist schon seit langem ihr Hobby, sie hat sich bereits viel selbst beigebracht, und möchte das zum Beruf machen.

Dazu gäbe es die Möglichkeit, im Zuge der BvB, verschiedene Praktika zu machen, um sich auszuprobieren.

Aktuell läuft gerade die zweite Praktikumsphase, die Erste war bereits im November/ Dezember.

In der BvB ist es so geregelt, dass es Job-Coaches gibt, die die Teilnehmer an Betriebe heran führen, sich um Praktika bemühen, Bewerbungen schreiben, sie bei Vorstellungsgesprächen begleiten, als Ansprechpartner für Teilnehmer und Arbeitgeber bereit stehen.

So weit die Theorie und das Angebot.

Ich hatte eine Liste der Schneiderinnung weiter gegeben, auf der viele Schneiderei-Betriebe aufgegliedert sind, die man nach Praktika fragen könnte.

Was ist bisher passiert?

Meine Tochter hatte einen Probetag in einer Integrationsfirma, hat ihr nicht gefallen. Ein Vorstellungsgespräch, bei dem der dortige Chef sagte, in der nächsten Praktikumshase (also in der jetzigen), wäre ein Praktikum möglich. Ein einwöchiges Praktikum hatte sie noch in einer kleinen Änderungsschneiderei, so gesehen ihr Erstes, was anstrengend war, aber ihr sehr gut gefallen hat, und letzte Woche machte sie ein Praktikum in einem BBW (Berufsbildungswerk) als Feintäschnerin. Das fand sie richtig gut, aber ist halt keine Schneiderei.

Und sonst?

Da heißt es jetzt, den Herren, bei dem das Vorstellungsgespräch war, würde man nicht mehr erreichen. Das kann doch nicht deren Ernst sein. Das kann ich nicht glauben! Von den anderen Schneiderei-Betrieben kein Wort. Hat man dort überhaupt angefragt? Ich befürchte nicht.

Eigeninitiative ist anscheinend nicht erwünscht, denn mir wurde gesagt, bekannte Betriebe solle ich an die Job-Coaches weiter reichen, damit der Kontakt ausschließlich zwischen denen und den Arbeitgebern statt findet.

Diese Woche hat meine Tochter keinen Praktikumsplatz, heißt, sie soll in den Ersatzunterricht, wo alle übrig gebliebenen Teilnehmer in eine Gruppe zusammen geworfen werden. Mal abgesehen davon, dass das furchtbar für meine Tochter ist, ist es zudem noch total demotivierend.

Es passiert – nichts.

Nächste Woche hat sie ein Praktikum in einer anderen BvB-Einrichtung.

Merkt Ihr was?

Heute hatte ich dann noch zwei Telefonate mit der Seminarleiterin, die dem Ganzen die Krone aufsetzte:

Einen Ausbildungsplatz auf dem 1. Arbeitsmarkt wird meine Tochter nicht bewältigen, sie sieht die Notwenigkeit eines beschützten Rahmens, also I-Firma oder Werkstätte.

Hat man das überhaupt schon mal versucht? Wie kommen die auf die Idee?

Naja, weil meine Tochter sich im Unterricht ausklinkt, nicht mitmacht, verweigert, ganz deutlich zeigt, dass sie keine Lust hat. Deshalb sehe die Seminarleiterin auch keine Chance, dass meine Tochter in einer üblichen Berufsschule zurecht kommen würde.

Und dann der Obergipfel:

Ob meine Tochter in einer Therapie sei.

Ich war eh schon auf 180, antwortete deshalb nur mit „nein“.

Naja, sie bräuchte das, denn sie müsse lernen, sich einzuordnen, an Gruppenaktivitäten teilzunehmen, sich ihre Verweigerungshaltung abzugewöhnen…

Das alles unterstreicht das Gespräch mit einer Dame aus dem Arbeitsamt, die immer sehr auffällig betonte, wie sehr sie I-Firmen und Werkstätten finanziell unterstützen würden, nicht zu vergessen, dass auch die Frage kam, ob meine Tochter dafür auch in ein betreutes Wohnen in eine andere Stadt ziehen würde. Bitte??? Zu der Zeit hatte sie in ihrem Leben noch nicht ein Praktikum als Schneiderin. Aber man spricht sofort von Werkstätte und betreutes Wohnen!?

Merkt Ihr hier auch was?

Ich bin so wütend, so enttäuscht! Das hätte ich so nicht erwartet.

Was bleibt uns jetzt?

Selbstständig nach Praktika und letztendlich nach einer Ausbildung zu suchen, auf die Gefahr hin, dass meine Tochter aus der BvB fliegt. Sei’s drum. Gibt halt wieder Ämter-Rennerei. Aber ich lass mein Kind doch nicht von vornherein in diese Schiene pressen!

Vielleicht gibt es diesen einen Arbeitgeber, der meiner Tochter eine Chance auf ein selbstbestimmtes Arbeitsleben gibt.

Es ist einfach nur traurig!

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Keine Chance…

  1. butterblumenland schreibt:

    Ach Mensch, das tut mir leid. Für deine Tochter und für dich. Leider kann ich dir da auch keinen Rat geben, das Verhalten des Amtes ist einfach mies.

    Gefällt mir

    • sinnesstille schreibt:

      Danke Dir!
      Ich bin noch am Überlegen, wie ich genau vorgehe.
      So nebenbei bleibe ich immer an den Fetzen des Teilhaberechts hängen:
      „Chancengleichheit und Diskriminierungsverbot“
      „Entscheidungen im Zusammenhang mit der Beschäftigung“
      „Zugang zum ersten Arbeitsmarkt“
      Ich finde es halt traurig, dass keine Hinweise gegeben werden, dass es eventuelle Hilfen am ersten Arbeitsmarkt geben könnte.
      Wir werden sehen, wie weit wir auf welchem Weg kommen.

      Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Selbst ist die Frau | sinnesstille

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s