Selbst ist die Frau

Der schwere Schritt in die Berufswelt

Ich hatte hier schon ein wenig über die aktuelle Situation meiner Tochter erzählt, dass sie z.Zt. eine BvB macht, und wir an unsere Grenzen stoßen, weil wir gefühlt wieder einmal nicht ernst genommen werden und weniger Einsatz der eigentlich Zuständigen Leute bekommen als erhofft.

Durch diese Rezension des Buches „Hochfunktionale Autisten im Beruf“ aufmerksam geworden, habe ich es  mir besorgt, in der Hoffnung, hilfreiche Tipps zu bekommen. Und ja, es hat für mehr Selbstvertrauen gesorgt, ich kann meine Tochter nun mutiger unterstützen.

So haben meine Tochter und ich uns dazu entschlossen, das Heft selbst in die Hand zu nehmen (RW), und ein paar unverbindliche Anfragen bzgl. eines Praktikums an verschiedenen Schneidereien verschickt. Es waren genau sechs. Innerhalb von 48 Stunden kamen immerhin vier Antworten, und davon eine Einladung, sich schriftlich zu bewerben, um dann einen Probearbeitstag zu vereinbaren.

Mir wurde sehr mulmig, denn ich hatte Angst, dass die Job-Coachin – offiziell heißt es „Berufsbegleiterin“ – sich übergangen fühlt, und in mir kroch das Gefühl nach oben, etwas Verbotenes getan zu haben. Aber was soll man machen, wenn sie ihren Job nicht zufriedenstellend macht!?

Parallel wurden wir Eltern zu einem Gespräch eingeladen, um zu beraten, wie es mit unserer Tochter weiter gehen soll, da sie ja „auf dem 1. Arbeitsmarkt nicht bestehen wird“. (Nochmal zusammengefasst: Sie hatte bisher gar nicht recht die Möglichket, Erfahrungen zu machen, aber es scheint wohl trotzdem „in Stein gemeißelt“.)

Der Zufall aber wollte es, dass das Gespräch aufgrund Krankheit abgesagt wurde, während meine Tochter diese Woche alles telefonisch (! – Dieser Mut, absolut beeindruckend!) geklärt hat: Zusage für das Praktikum von der Schneiderei erhalten – ich hatte mich dazu direkt an die Leitung der BvB-Einrichtung gewandt, eine wirklich tolle und nette Frau, die sehr positiv und motivierend reagiert hat – Probearbeitstag vereinbart – alles geklärt.

Leider hatten diese aufregenden Tage zur Folge, dass meine Tochter vorgestern und heute nicht in den Unterricht konnte. Wie sagt sie selbst: „Meine Löffel sind aufgebraucht. Nix geht mehr.“ Heute wird sie gar nicht wach, hat nachts nicht gut geschlafen. An solchen Tagen dränge ich sie schon seit Jahren nicht mehr (zum Ärger der Lehrer usw.), sie soll sich erholen und Kräfte sammeln.

Und hier liegt das Problem: Sie kann so viel, wenn sie wirklich will, und sich ernst genommen fühlt, traut sich Dinge, die sie zwar anstrengen, aber sie erntet damit auch Erfolg, und mittlerweile traut sie sich sogar, stolz auf sich zu sein. Ganz vorsichtig. Oder Hilfe anzunehmen. Für sie ist das ein Meilenstein.

In der BvB-Einrichtung aber ist sie unterfordert, sie sieht in vielen Lehr-Inhalten den Sinn nicht, ebenso wenig wie die permanenten Wiederholungen von Dingen, die sie bereits kann. So kommt es ihrerseits zur Verweigerung der Mitarbeit (vor allem Gruppenarbeiten und „so tun als ob“-Situationen), was andererseits als Unfähigkeit ausgelegt wird. Und egal was ich versuche zu erklären, es kommt nicht an. So frage ich mich, ob die „Fachkräfte“ wissen, mit welchem Klientel sie da zusammen arbeiten.

Kommenden Montag wird das Gespräch mit uns Eltern nachgeholt.

Ich habe Schiss. Ich mag so etwas  nicht. Alles klingt nach Rechtfertigung und / oder Entschuldigung. Mein Ziel ist es aber eigentlich nur, meine Tochter dahingehend zu unterstützen, Erfahrungen machen zu können, um sich selbst, inkl. ihrer Stärken aber auch Grenzen, kennen zu lernen, um dann Entscheidungen zu treffen.

Sollte es tatsächlich nicht klappen, eine Vollzeit-Ausbildung zu stemmen, in einem Betrieb auf dem 1. Arbeitsmarkt, dann bleibt die Alternative bfz (Berufsbildungszentrum), also der geschütztere Rahmen, ja immer noch.

Aber ist es so verkehrt, es wenigstens versuchen zu wollen? Sie hat ja noch ein halbes Jahr, bis sie eine Ausbildung gefunden haben sollte – möchte.

Mach ich mir was vor? Bin ich unrealistisch? Setze ich meine Tochter unter Druck, ohne es zu merken?

Soll ich sagen: Ja, Sie haben Recht – meine Tochter schafft das nicht?

Nun ist es so wie es ist, das selbstständig und selbstbestimmt 😉 auserwählte Praktikum ist organisiert, am Montag werden wir sehen, wie die Job-Coachin und die Gruppenleiterin dazu stehen, und ab Mitte März geht alles seinen Gang.

Zuvor nächste Woche noch der Probearbeitstag und das damit verbundene Kennenlernen, was sicher aufregend wird, aber meine Tochter ist sehr glücklich, dass das klappt. Alles andere wird sich zeigen, auch wie die Chefin und die Arbeitskollegen dort mit ihr umgehen werden und können. Meine Tochter geht sehr offen damit um, Autistin zu sein, aber die betont es nicht permanent. In ihren Bewerbungsunterlagen ist heraus zu lesen, wo genau sie ihr BvB macht, also wird es auch nicht verheimlicht.

Falls Ihr Meinungen dazu habt, würde ich mich freuen, wenn Ihr kommentieren würdet.

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3 Antworten zu Selbst ist die Frau

  1. perfecty me schreibt:

    Ich wünsch Euch sehr viel Glück und Erfolg. Das kommt bald auch auf uns zu und sie sehen alle meinen Sohn schon in der Behindertenwerkstatt. Wäre schön zu lesen wie der Probearbeits Tag verlaufen ist. Toi toi toi

    Gefällt mir

  2. Pingback: Ein schöner Tag | sinnesstille

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