Aufruf, vor allem an erwachsene Autisten

In den letzten Tagen kamen mir viele Gedanken zum Thema „Autisten im Beruf“.

Meine Tochter befindet sich gerade im Übertritt Richtung Beruf mit Hilfe einer Berufsbegleiterin, die ein Infoschreiben an Betriebe weiter gibt, welches ich furchtbar finde. Viel zu sehr werden die Defizite von Autisten in den Vordergrung gestellt, um dann am Ende, in einem Nebensatz, die besonderen Begabungen von Autisten zu erwähnen.

Vieles habe ich anderenorts gelesen, und letztendlich hat mich meine Unzufriedenheit angespornt, meine Gedanken aufzuschreiben, mit der Idee, potentiellen Arbeitgebern eine andere Sichtweise zu vermitteln.

Meine Bitte an Euch, wenn Ihr wollt:

Was haltet Ihr von dem Text?

Würdet Ihr diesen Text als Information für Arbeitgeber geben, wenn es um Outing geht, oder als Hilfestellung, wenn man von Anfang an offen mit Autismus umgeht?

Verbesserungsvorschläge?

Kompletter Blödsinn?

Danke für Eure Meinungen!

 

Wenn Autisten eine Chance bekommen – Ein Dankeschön an Arbeitgeber

In der Gesellschaft ist Autismus nicht allzu bekannt, obwohl die Meisten schon einmal irgndwas davon gehört haben.

Aber genau dieses „irgendwas“ ist das Problem:

Es stellt ein falsches Bild dar, welches von Medien ebenso wie von manchen Ärzten, Psychologen, Therapeuten, Forschern, usw. verbreitet wird.

Formulierungen wie „XY hat Autismus“ oder gar „leidet an Autismus“ führen in die Irre und sind weder sinnvoll noch korrekt.

Auch „erkrankt“ man nicht an Autismus, was eine oft versprochene „Heilung“ ausschließt, selbst die Bezeichnung „Autismus-Spektrum-Störung“, die man weg therapieren kann, trifft es nicht.

Verständlich, dass potentielle Arbeitgeber davor zurück schrecken, Autisten in ihrem Betrieb einzustellen, wodurch allerdings viel Potential verloren geht, und zudem Autisten unzufrieden und unglücklich macht.

Also zum Verständnis: Man IST Autist.

Und alle Autisten sind so unterschiedlich wie alle anderen – Frauen, Männer – Menschen – auch. So ist auch dieser Text zu verstehen: Alles kann, nichts muss.

Aber was ist denn nun das Problem?

Warum gibt es oft solche Schwierigkeiten für Autisten, gerade in der Berufswelt, Fuß zu fassen?

Mir gefiel die Aussage „Wir Autisten haben ein anderes Betriebssystem“ von Anfang an sehr gut. Anders. Nicht gestört oder kaputt.

Das Gehirn verarbeitet und gebraucht Informationen auf eine andere Art und Weise.

Außenreize werden z.B. häufig alle gleich intensiv wahr genommen, und Unwichtiges wird nicht automatisch ausgeblendet.

Das intuitive Verstehen und Handeln findet bei den meisten Autisten kaum bis gar nicht statt. Informationen werden eher aktiv im Denkprozess verarbeitet und nach Sinn und Logik abgespeichert, sofern sie verstanden worden sind.

Daher kommt es, dass wegen der daraus folgenden Verhaltensweisen oft Missverständnisse entstehen.

Der Klassiker: Blickkontakt.

Nicht nur, dass dieser als Höflichkeit etwa bei Begrüßung angesehen ist, werden auch durch Mimik nonverbale Signale erkannt und in die Kommunikation eingebaut. Intuitiv.

Als Autist kann man Mimik und auch Gestik schwer lesen, manchmal verwirrt das sogar eher, man bevorzugt das gesprochene Wort und die somit verbundene Weitergabe von informativen Inhalten.

Smalltalk, Ironie und Witz werden oft nicht verstanden oder wörtlich genommen.

Daraus ergibt sich auch meist, dass ein anderes soziales Miteinader gepflegt wird. Kann der 1:1-Austausch sehr intensiv und durchaus gepflegt auf hohem Niveau stattfinden, so wird es in der Gruppe schwierig. Zu viele Menschen und zu viele Nebengespäche aus verschiedenen Richtungen bedeutet große Anstrengung, sich auf sein Gegenüber zu konzentrieren. Deshalb wird an Gruppenaktivitäten nicht so gerne teilgenommen, und auch Menschenmassen lieber vermieden.

Womit wir wieder bei den Außenreizen und der Reizüberflutung wären.

Ein paar Dinge aus dem Alltag, die man als Autist tagtäglich so mitnimmt (kann bei allen unterschiedlich sein):

– Unterschiedliche Lichtquellen (bunt, grell, flackernd, dunkel – hell,…)

– Muster/ Reflektionen (Streifen und Rillen von Rolltreppen z.B. werden oft als „KO-Muster“ bezeichnet, Fenster, Spiegel, Windrädchen,…)

– Gerüche (Essen, Blumen, Benzin, Schweiß, Parfum, Alkohol,…)

– Geräusche (das Brummen einer Leuchtstoffröhre, das Pfeifen eines Geräts im Stand-By-Modus, Straßenlärm, Vogelgezwitscher,…)

– taktile Reize (Berührungen, Temperaturen, eigene Kleidung,…)

– das Innere des eigenen Körpers (Herzklopfen, Blutrauschen, Magenknurren, Schmerzen,…)

All diese Beispiele machen deutlich, dass es am Arbeitsplatz durchaus manchmal schwer werden kann.

Jedoch haben bereits einige Firmen und Arbeitgeber den Schritt auf Autisten zu gewagt und mit wenigen „Handgriffen“ die Voraussetzungen so gestaltet, dass es Autisten möglich ist, ihre teils außergewöhnlichen Leistungsfähigkeiten einsetzen zu können:

– Umgebung so reizarm wie möglich, bzw. kontrollierbar (Hintergrundmusik darf aus gemacht werden, grelle Lichter werden gegen warme ausgetauscht, Arbeitsplatz eher am Rand des Geschehens,…)

– Arbeitsplatz strukturiert gestaltet mit wenig visueller Ablenkung, Übersichtlichkeit darf selbst organisiert werden,…

– Arbeitsanweisungen werden direkt in klaren Worten und kleinschrittig formuliert, ggf. dürfen sich Notizen gemacht werden, um die Abfolge zu veranschaulichen

– ein direkter Ansprechpartner, der bei Fragen zur Verfügung steht, ggf. auch unterstützend einspringt (z.B. bei Kundenkontakt)

– wenn nötig, keine Verpflichtung zu Telefondiensten

– Ruheraum/ Rückzugsmöglichkeit für kurze Erholungspausen zwischendurch

– angepasste Arbeitszeiten so weit möglich (Arbeitsbeginn, Dauer der einzelnen Tage; manche Autisten können hoch konzentriert über acht und mehr Stunden arbeiten, am nächsten Tag aber evtl. dann weniger)

– keine Verpflichtungen zu Feierlichkeiten oder gemeinsamen Mittagspausen

Natürlich sind die Bedürfnisse eines jeden Autisten ganz individuell und auch flexibel. Auch Autisten lernen dazu, wichtig ist, dass sie Sicherheit und Vertrauen erfahren dürfen.

Die Arbeitgeber, die Autisten eingestellt haben, gewinnen meist einen besonderen Mitarbeiter, der mit Eifer seine Kompetenzen und Fähigkeiten anbietet.

Genauigkeit, höchste Konzentration, Ehrlichkeit, Loyalität, tiefe Verbundenheit, Motivation, Interesse an Weiterbildung, uvm. zeichnen Autisten aus.

Damit sei abschließend DANKE gesagt.

Danke, dass Sie einem Menschen die Möglichkeit für ein sinnerfülltes Leben bieten.

Nicht nur obwohl er Autist ist, sondern vielleicht sogar gerade weil er Autist ist!

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3 Antworten zu Aufruf, vor allem an erwachsene Autisten

  1. autcry schreibt:

    Ich finde den Text als generelle Information für Arbeitgeber so weit in Ordnung. Eventuell würde ich am Schluss noch ein bisschen ausführlicher auf die Stärken eingehen, anstatt sie einfach aneinander zu reihen. Etwa so: Genauigkeit. Viele Autisten haben einen Blick für Details und bemerken Dinge, die anderen verborgen bleiben…
    Wenn ich diesen Text als Information gleich der schriftlichen Bewerbung beilegen würde, dann würde ich ihn noch ein bisschen kürzen, sodass die wesentlichen Informationen zusammengefasst auf eine DIN A4-Seite passen. In diesem Fall wäre es auch eine Überlegung, ob man die Stärken nicht an den Anfang stellen und erst dann die besonderen Bedürfnisse erwähnen sollte, auf die es Rücksicht zu nehmen gilt. Sonst wirkt es womöglich erst einmal abschreckend auf den Arbeitgeber. Ich persönlich würde es in etwa so formulieren:

    Ich bin Autistin. Autismus ist keine Krankheit und ich leide auch nicht darunter. Es handelt sich hierbei um eine andere Art der Informationsverarbeitung, die vor allem mit speziellen Stärken verbunden ist. Im Einzelnen sind dies: Eine hohe Konzentrationsfähigkeit. Wenn mich ein Thema richtig interessiert, kann ich mich stundenlang darin vertiefen… (Und so weiter, für jede einzelne Stärke eine kleine Erläuterung)

    Aber wie gesagt, den Text finde ich ansonsten gut, die wesentlichen Punkte sind alle drin. Auch die Danksagung am Schluss finde ich klasse, gerade wenn dieser Text zum Outing im Betrieb verwendet wird, weil es auch Anerkennung gegenüber dem Arbeitgeber ausdrückt und er dann vielleicht gar nicht erst über die Besonderheiten des Autisten, auf die er Rücksicht nehmen soll, stöhnen wird.

    Gefällt 1 Person

  2. Forscher schreibt:

    Ich finde den Text auch gut, aber ich würde wirklich nur die Schwierigkeiten erwähnen, die bei einem persönlich auftreten, sonst fühlt sich der potentielle Arbeitgeber erschlagen von Dingen, die er beachten muss, die aber mitunter gar nicht notwendig sind. Wenn z.B. die Möglichkeit gegeben ist, von zuhause oder von einem Einzelbüro aus zu arbeiten, entfallen schon mal zahlreiche Ablenkungsreize, die man eben in einem Großraumbüro trifft. Das Telefonieren lässt sich üben, dafür gibt es Kurse (auch Rhetorik/Präsentationskurse sind eine Überlegung wert).

    Insgesamt ist es ein bisschen zu lang geraten. Ob man die positiven Punkte an den Anfang oder Schluss stellt, ist Geschmackssache, denn was zuletzt positiv gesagt wird, kann auch das sein, was der Leser dann mitnimmt, „was hängenbleibt“.

    Ehrlichkeit ist ein zweischneidiges Schwert. Aufrichtigkeit ist vielleicht eine Spur positiver formuliert nach dem Motto „wenn Du meine ungeschönte Kritik haben willst, bitte sehr“, weil die wenigsten Arbeitgeber damit umgehen können, wenn jemand *frei Schnauze* redet.

    Sonst Zustimmung zu autcry.

    Gefällt 1 Person

  3. sinnesstille schreibt:

    Vielen Dank Euch schon mal für Euer Feedback!

    Vielleicht nochmal kurz zur Erklärung, wie es zu dem Text im Allgemeinen kam:
    Das Info-Blatt, welches von der BvB-Einrichtung an Arbeitgeber wegen der Praktika der Teilnehmer heraus gegeben wird, ist zwei Seiten lang und strotzt vor Klischees und Defiziten. Das habe ich aufgegriffen und meine Gedanken dazu formuliert.

    Ich gebe Euch Recht: Für einen persönlich beschränkt man sich besser auf das, was auf einen selbst tatsächlich zutrifft. Dann wird das auch wesentlich kürzer.
    Aber irgendwie dachte ich, muss ich dem Zettel entgegen wirken. Der lässt einen schon zusammen zucken.

    Das Wort „Ehrlichkeit“ durch „Aufrichtigkeit“ zu ersetzen gefällt mir sehr gut, danke dafür!

    Bitte gerne weiter Meinungen dazu, ich freu mich, dass Ihr mir helft.

    Gefällt 1 Person

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