Der Vergleich mit Hundetraining

Ich bin – vor allem bei der Diskussion rund um ABA – nun schon öfter darüber gestolpert, dass das Konditionieren von Autisten mit dem Training von Hunden (oder anderen Tieren) verglichen wird.

Ich weiß, was damit gemeint ist, dennoch ist es mir ein persönliches Anliegen, einen kleinen Einblick zu geben, weil mein Beruf, oder besser gesagt meine Berufung, gerne als „Hundetrainer“ betitelt wird. Es ist also meine Herzensangelegenheit.

Abgesehen davon, dass die Bezeichnung „Hundetrainer“ irre führend ist, denn ich trainiere nicht Hunde, sondern ich begleite Hundehalter, ist man inzwischen davon abgekommen, Hunde wie Roboter zu programmieren und sich gefügig zu machen. (Ausnahmen bestätigen auch hier leider die Regel.)

Ja, es gibt das sogenannte „Clicker-Training“. Hierbei wird erwünschtes Verhalten positiv bestärkt, sofern der Hund gelernt hat, dass das „Klick“ bedeutet „Das hast du richtig gemacht, jetzt gibt es eine Belohnung“. Dies wendet man bevorzugt dann an, wenn der Hund etwas lernen soll, was nicht in seinem natürlichen Verhaltensrepertoire verankert ist, bspw. das Anzeigen von bestimmten Gegenständen, Tricks wie Licht an und aus machen, Rolle, oder das Aufsuchen und finden von Personen, usw.

Im Alltag allerdings braucht es diese Vorgehensweise nicht wirklich. Hier wird sich eher darauf konzentriert, was die Persönlichkeit des Hundes mitbringt, wo seine Ressourcen sind, was er mir von sich aus anbieten kann, um ihm alle Freiheiten zu gewähren, die er für sein Seelenheil benötigt, und nur dort einzugreifen, wo es um seine eigene oder die Sicherheit anderer geht. Da Hunde nun mal in unserer Menschenwelt leben, müssen sie hier hin und wieder angeleitet oder eingeschränkt werden, damit nichts passiert.

Hunde untereinander sagen sich nicht, was sie zu tun haben, um sich dann einen Futterbrocken hinzuwerfen. Sie kommunizieren meist nonverbal, allein durch Wirkung und Energie, und „sagen“ sich durch Warnungen oder letztendlich durch Korrektur, was ein anderer zu lassen hat. Fertig.

Natürlich kann man nun den Umgang mit Kindern, speziell mit Autisten, nicht wirklich mit dem Umgang mit Hunden vergleichen. (Obwohl ich immer sage, Autisten und Hunde sind sich gar nicht so unähnlich.)

Was ich zum Ausdruck bringen möchte ist: Man sollte alles mit einbeziehen, was das Lebewesen umgibt, und was es zu einem Individuum macht. Bei der Arbeit mit Hundehaltern achte ich nicht nur auf den Hund, obwohl das logischerweise dazu gehört, denn ich „übersetze“ ja letztendlich, genauso wichtig ist die Stimmung und die Persönlichkeit des Menschen, die Umgebung mit all seinen Reizen, mit allen relevanten Gegebenheiten, die Gesundheit des Tieres, die Mitglieder der Familie, der Tagesablauf, der Gemütszustand und das Temperament des Menschen, uvm.

Das Ganze nennt sich dann „systemisch“. Das Zusammenleben ist wie eine Symbiose. Zum Vorteil der Gemeinschaft trägt jeder mit seinen Stärken bei, mit Berücksichtigung auf den Einzelnen, ein wunderbar abgestimmtes Leben zu führen. Inklusion also. Völlig wertfrei.

Was das mit ABA zu tun hat? Wieso mir das so wichtig ist?

Selbst mit Tieren geht man nicht so um, wie es im „Rund-um-die-Uhr“-Programm mit Autisten (und anderen Zielgruppen) geschieht. Keiner würde erwarten, dass ein Hund in der Menschenwelt völlig ohne Hilfe zurecht käme. Wie auch. Wir sprechen nun mal unterschiedliche Sprachen, haben unterschiedliche Bedürfnisse, und es kommt oft genug zu Missverständnissen. Kommunikation ist so viel mehr als nur Worte zu gebrauchen. Es gibt doch auch unter Menschen den Satz „Wir verstehen uns ohne Worte.“ Aber nein, von Autisten wird erwartet, dass sie sprechen, und nur so und weiter programmiert kommen sie durchs Leben!? Wo ist das Feingefühl für jemanden, der sich bedrängt fühlt und sich deshalb zurück zieht? Wo ist das Beachten von Signalen, die nur so nach Hilfe schreien? Warum wird hier gefordert, einfach (aber klar doch – einfach!) den Mund auf zu machen und zu äußern, wo das Problem ist? Was gibt jemandem das Recht zu sagen „Stell dich nicht so an – mach das jetzt endlich“!? Woher weiß ein Außenstehender, wie es in mir aussieht, um mich dann zu verurteilen? Wieso glaubt man mir nicht, dass ich selbst am besten weiß, was mir gut tut, oder eben nicht gut tut? Einem eingeschüchterten Hund lässt man Raum und Zeit. Ihm Gegenüber hat man Verständnis, es wird Geduld aufgebracht, oder gar akzeptiert, dass er niemals „einfach so mitläuft“, wie man es gerne hätte…

Kurz um: Ich möchte weder, dass ABA weiterhin praktiziert wird, noch dass Hunde (oder eben andere Tiere) nur als „des Menschen Untertan“ gesehen werden. Das Interessante ist hierbei, dass sofort der Tierschutz auf der Matte steht (RW), sobald ein Tier gequält, oder nur der Verdacht gemeldet wird. Äußerst verwirrend für mein Gerechtigkeitsverständnis.

(Und nochmal: Natürlich gibt es auch im Tiertraining die „schwarzen Schafe“, die u.a. Gewalt anwenden. Korrekturen an Hunden ist manchmal notwendig, sie selbst werfen auch nicht nur mit Wattebällchen, aber es dient nicht dazu, sich den Hund unterwürfig zu machen, und es handelt sich auch nicht um körperliche Züchtigung. Details würden hier jetzt aber zu weit führen. Aber das alles musst jetzt mal raus.)

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9 Antworten zu Der Vergleich mit Hundetraining

  1. Luise Kakadu schreibt:

    Ich bin mal so frei und frage hier mittendrin:
    Mehrfach habe ich bereits (HFA) und (RW) gelesen – und vielleicht kommen noch andere Bezeichnungen, die für Menschen wie mich schwer zu verstehen sind.
    Magst Du mir helfen, dich besser zu verstehen und mir das 1x ausschreiben?
    Danke.

    Ansonsten erlebe ich dich in deinem Kampf ähnlich an die Wand laufend, wie mich.
    Wie so viele Menschen, die einzig und alleine sie selbst sein wollen.
    Keine Maschine; nicht funktional; nicht „einfach für andere“ – nur sie selbst.
    Und Hilfe suchen auf ihrem Weg zu sich selbst.
    Hilfe, die sie oft garnicht brauchen würden, wäre dieses „man selbst sein können“ in unserer Gesellschaft nicht so verpöhnt und nahezu „verboten“.
    Sich selbst sein – das ist zu kompliziert und muß unterbunden werden…
    Und „Helfer“ helfen selten – oder nie? – dem Hilfesuchenden, sondern jenen, die es gerne unkompliziert haben wollen.
    Genormte Menschen….. schade.
    Ich wünsche Euch viel Kraft und Standfestigkeit.

    Gefällt 1 Person

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