Erwartungshaltungen

Ich übe mich gerade darin, die Erwartungen anderer Leute mir gegenüber nicht mehr (!) zu meinen eigenen zu machen. Und in dieser Phase merke ich, dass dies wohl die härteste Prüfung für mich ist.

Aufgewachsen mit dem Bewusstsein, dass es offensichtlich eine unsichtbare Messlatte gibt, die jeder zu erreichen vermag, gab ich mir Zeit meines Lebens Mühe, mithalten zu können. Dass andere Menschen weniger Schwierigkeiten damit haben, war mir schließlich nie bewusst. Unterstrichen mit Aussagen wie „Streng dich halt mehr an“, oder „Hab dich nicht so, andere können das doch auch“, arbeitete und arbeitete ich stets an meiner Anpassungsfähigkeit.

„Nicht wollen“ stand überhaupt nicht zur Debatte. Nun gehöre ich zu dem Menschenschlag, der andere nicht enttäuschen oder belasten möchte, negativ – oder überhaupt – aufzufallen ist für mich fast unerträglich. So habe ich es ja auch beigebracht bekommen.

Menschen, die mich kennen lernen, behaupten von mir, ich sei so ein angenehmes, höfliches, rücksichtsvolles Wesen. Das war schon immer so, allerdings verstand ich nie, wieso man dies immer betonen musste, da das doch schließlich „normal“ ist. Bekommen das nicht alle Kinder so beigebracht?

Wenn ich früher andere Kinder sah, die rebellierten, im Supermarkt tobten, oder ihre Eltern mit Schreien und „nicht folgsam sein“ an den Rand ihrer Belastbarkeit brachten, schämte ich mich schon beinahe, denn so etwas gehört sich doch schließlich nicht!

So ließ ich mich immer, je nach Alter, von anderen mitziehen, mit dem Glauben, dass dies halt alles so sein müsse. Ausflüge, Partys, Discobesuche, „Sachen“ die man mal so „ausprobiert“… Ich war dabei. Obgleich ich bei Vielem ein Unwohlsein oder gar Abneigung verspürte, redete ich mir selbst zu „Stell dich doch nicht so an!“

Als ich meinen ersten Sohn bekam, gab ich ihm natürlich meine anerzogenen Werte weiter. Grundsätzlich ja nichts Falsches, denn für mich ist die Grundlage einer guten Beziehung zwischen zwei Menschen eine ausgewogene Mischung aus Respekt und Vertrauen – beides muss man sich verdienen. Und mein Sohn machte es mir leicht. Er war von Anfang ein solch genügsames Kerlchen, war auch immer gern gesehen, jeder hatte ihn lieb. Das ist übrigens bis heute so. 😉

Doch fünf Jahre später kam meine Tochter. Kurz und knapp: Sie warf meine erlernten Einstellungen über Benimmregeln komplett über den Haufen. Vom ersten Atemzug an zeigte sie, wenn für sie etwas unerträglich war. Egal, um was es sich handelt, sie rebelliert. Und ich muss zugeben: Ich brauchte sehr lange, dies zu akzeptieren. Natürlich hätte ich es wie mein Vater bei meinem Bruder mit harten Strafen und körperlicher Züchtigung versuchen können, aber dies stand selbstverständlich außer Frage. Wenn man als kleines Mädchen mitbekommt, wie der große, übermächtige, geliebte (ja, ich liebte ihn dennoch) Vater versuchte, mit allen Mitteln Herr über den großen Bruder zu werden… Nein, hier gibt es keine Gewalt.

Später kam der Druck auf uns Eltern, da ja unsere Tochter ganz offensichtlich ein Problem habe, dem Ganzen auf den Grund zu gehen, um solch inakzeptablen Verhaltensweisen schließlich abzustellen.

Mit der Diagnose Autismus aber kam alles anders, als vom Umfeld erhofft. Und das habe ich meiner Tochter zu verdanken. Ich fing an, für sie zu kämpfen, nicht gegen sie. Ich lernte sie im Hinblick auf ihrer Wahrnehmung noch einmal neu kennen, was ihr wiederum die Möglichkeit gab, sich selbst neu zu betrachten. Das Interessante dabei war, dass mir Vieles gar nicht so außergewöhnlich erschien. In den letzten Jahren wurde uns ja immer vorgehalten, wie „falsch“ dieses Kind sei. Aber ich beobachtete, und das fasziniert mich nun selbst am allermeisten, dass es Menschen gibt, die meine Tochter, gerade weil sie so ist wie sie ist, sehr gern haben. Mir geht das Herz auf, wenn ich sie heute inmitten ihrer lieb gewonnenen Freunde und Bekannten sehe!

Und in diesem Zusammenhang überprüfte ich mich selbst. (Nicht im Alleingang, denn über die Jahre hinweg sah ich selbst auch einige Praxen von Psychologen und Therapeuten von innen, allerdings nie wirklich lange.)

Und jetzt kommt’s:

Ich begann, mich selbst zu verändern. Ich machte immer öfter eine Reise in mein eigenes Ich, entdeckte im Zusammenhang mit meinem bisherigen Leben so viele unerkannte Gefühle, dass ich meiner Grenzen auch immer deutlicher bewusst werde. Ich testete aus und horchte in mich hinein, was sich gut anfühlt und was nicht. Ich fing an, mich nicht mehr zu allem zu zwingen, auch ganz vorsichtig zu äußern, dass mir etwas unangenehm oder für mich sogar belastend ist.

Doch damit verbunden versteht mein Umfeld die Welt nicht mehr.

„Das hat dir doch früher auch nichts ausgemacht“, „Was ist denn mit dir los?“, „Wieso meldest du dich nicht mehr so oft?“, „Jetzt wirst du aber komisch – liegt wohl am Alter“, uvm.

Und wieder stelle ich mich selbst in Frage.

Darf ich das? Einfach so sagen „Ich kann nicht“ oder sogar „Ich möchte nicht“?

Es fällt mir schwer. Aber meine an mich selbst gerichtete Antwort „Ja, ich darf!“ wird Stückchen für Stückchen lauter. Es blieb zwar nicht aus, dass sich ehemalige Kontakte aufgelöst haben oder einfach eingeschlafen sind, aber ich gebe mir nicht mehr die Schuld dafür. Ich habe vor ein paar Jahren einen neuen Weg beschritten, der so viele Überraschungen in meinem Inneren bereit hält, die ich gerne entdecken würde. Ich kann nicht mehr umdrehen. Wer weiß, wieviel Zeit ich noch habe.

Nach wie vor bin ich sehr gerne für andere Menschen da, nach wie vor will ich niemanden verletzen, verärgern, oder belasten. Mein Gerechtigkeitssinn ist äußerst ausgeprägt. Das gehört, denke ich, zu meiner Persönlichkeit. Es wird mir nie egal werden, wie ich nach außen hin wirke und was andere über mich denken könnten. Aber langsam, ganz langsam, lege ich den Mantel der Erwartungen ab, der mir von außen aufgezwungen wurde, und frage mich nun, was ich selbst von mir erwarte. Ohne Zwang. Sondern weil ich es wirklich will.

Meinen mittlerweile großen Kindern gebe ich auch nach wie vor diese mir wichtigen Werte mit auf den Weg: Respekt, Höflichkeit, Aufrichtigkeit, Hilfsbereitschaft, Rücksicht… Nun aber erweitert durch: Achtung und Respekt für sich selbst. Und diese Bausteine lassen sich sehr gut miteinander in Einklang bringen, ohne dass jemand zu Schaden kommt.

In diesem Sinne: Euch allen einen friedvollen Ostersonntag!

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4 Antworten zu Erwartungshaltungen

  1. Forscher schreibt:

    Das kann ich gut nachvollziehen. Ich habe ähnliche Erfahrungen gemacht. Inzwischen versuche ich z.B. wirklich zu vermeiden, mehr als einen Termin auf einen Tag zu legen. Beim zweiten Termin bin ich oft zu erschöpft und überreizt und halte dann nicht mehr lange durch. Lieber einen Termin absagen, und das, was man sonst vorhat, voll auskosten/nutzen. Oder eben nur den Einkauf und sonst nichts mehr machen. Früher dachte ich, ich könnte alles in den Tag packen wie die anderen auch.

    Ebenso sage ich manchmal Nein, weil ich z.B. diese Schreibphasen am PC brauche, um das Chaos im Kopf zu sortieren. Schreiben ist dann wichtiger als Rausgehen. Nach Tagen ohne Gelegenheit zu schreiben geht mir das sehr ab. Das macht mich ebenso unrund wie tagelang nicht wandern können.

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    • sinnesstille schreibt:

      Das mit den “öffentlichen” Terminen hab ich mittlerweile ganz gut im Griff. U.a. musste ich leider deshalb meinen Job aufgeben, denn als Selbstständige verdient man nun mal nur das, was man auch erarbeitet hat. Und von einem zum nächsten Termin zu hetzen, wobei ich ein großes Problem mit Zuspätkommen habe, hat mich regelrecht krank gemacht. Dazu meine Kinder, meine eigenen Arzttermine… Da schaffe ich es inzwischen recht gut, großzüge Ruhepausen einzulegen, wenn es möglich ist.
      Im Privaten kämpfe ich mit mir. Freunde können ja nichts dafür, wenn mein Tag anstrengend war, und ich deshalb ein vereinbartes Treffen lieber absage. Früher bin ich halt doch mit gegangen, aber ich trau mich nun doch immer öfter, Treffen eher unverbindlich auszumachen. Trotzdem kommt dann wieder mein kleines Ich, welches andere Menschen enttäuscht, und Angst hat, nicht mehr lieb gehabt zu werden. Also genau das Gegenteil von dem, was ich meinen Kindern immer versuche zu vermitteln: Ich hab dich lieb, egal was passiert!
      Nein, das ist echt schwierig für mich.

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      • Forscher schreibt:

        Verbindliche Treffen sind mir für mich derzeit auch das Schwierigste. Das einzige, was mir nie etwas ausmacht, ist, sich zum Wandern verabreden. Aber alles andere, was oft wo stattfindet, wo es laut und unruhig ist, pack ich je nach Anfahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nicht mehr.

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  2. Leon Maus schreibt:

    Danke für deinen Text. Ich bin mal kurz weg – nachdenken.

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