Eine permanente Gratwanderung

Zu meinen Gedanken der letzten Wochen, oder besser Monate, kommen mir gerade die Artikel von butterblumenland und ergänzend von blutigerlaie sehr gelegen.

Ich kann behaupten, dass wir schon so einige Höhen und Tiefen hinter uns haben, und wenn ich mir die Entwicklung meiner Tochter so ansehe, verglichen mit der Meinen, sind mir einige Dinge klar geworden.

Wenn ich die Frage aufgreife, ob die Fähigkeit, kompensieren und sich damit anpassen zu können, Fluch oder Segen ist, muss ich für mich antworten: Das kommt darauf an.

So viele Faktoren können das Blatt wenden, Einwirkungen von außen alles verändern.

Schau ich mir mein Leben an, und berücksichtige ich meine Erkenntnis, dass ich für meine Schwächen nicht wirklich was kann, weil ich nun mal zu dem gemacht wurde, was ich heute bin, kann ich nicht gerade von Segen sprechen. Denn mir wurde keine Wahl gelassen. Mit der ständigen Bürde groß geworden, funktionieren und bitte schön nicht auffallen zu müssen, ist mir ein entscheidender Prozess verloren gegangen: Sich selbst kennen lernen, in sich hinein hören, auf sich Acht geben. Meinem ruhigen und leicht beeindruckendem Wesen ist es wohl zu verdanken, dass ich immer ein recht pflegeleichtes Kind war. Auch später noch, eigentlich bis vor wenigen Jahren, führte ich das Gelernte so selbstverständlich fort, dass nie jemand auf die Idee gekommen wäre, dass ich ein Problem hätte.

Meine Tochter hingegen ist da völlig anders gepolt. Und damit begann in mir ein Prozess der Bewusstseinserfahrung. Ich bemerkte, dass der Tellerrand, der mich umgab, so enorm hoch gezogen war, dass ich gar keine Chancen hatte, meine Bedürfnisse mit meinen Möglichkeiten abzugleichen. Erst in dem Moment, als dieser Wall um mich herum Risse bekam, gelangten Lichtstrahlen von außen in mein Inneres.

Also Eines weiß ich jetzt ganz sicher: Kompensieren kann ich. In Perfektion. 😉

Bei meiner Tochter habe ich das in diesem extremen Maße nie verlangt, weil es mir schlicht zuwider war, was ihr letztendlich ermöglichte, ihre Befindlichkeiten zu zeigen, wenn auch selten verständlich für Außenstehende, was mich mit einschließt.

Und hier setze ich an: Lerne Dich selbst kennen! Nimm Dir Zeit für Wahrnehmungen, lerne sie zu be-greifen, beachte die Zusammenhänge zwischen dem Außen und dem Innen.

Für mich als Mutter war das eine anstrengende, aber äußerst spannende und hilfreiche Erfahrung, denn meine Aufgabe war es dann schließlich, meiner Tochter bei diesem Lernen zu helfen, Verknüpfungen erklärbar zu machen, das Bewusstsein dafür auf meine Tochter zu übertragen.

Zugegebenermaßen heißt das oft „Lernen durch Versuch und Irrtum“.

Die Waage zu halten zwischen Können und Müssen, zwischen Mut zu Neuem und Vernunft des Alten, zwischen Lust auf Abenteuer und Zeit für Erholung.

Doch damit allein ist es nicht getan.

Welches Umfeld umgibt mich? Bei wem kann ich so sein, wie ich bin und es mir gut tut, bei wem braucht es ein gewisses Maß an schauspielerischem Talent, weil es entweder sozial-gesellschaftlich erwartet, oder aber das „kleiner Übel“ ist? Stimmt das Verhältnis zwischen Verpflichtungen und Freiheiten? Wo kann man evtl. etwas verändern?

Wer unsere Lebensgeschichte ein wenig kennt, weiß, welche herausragenden Entwicklungsphasen meine Tochter gemeistert hat. Dabei war aber auch immer deutlich zu erkennen, wie fragil das ganze System ist. Und dieses gilt es immer wieder zu überprüfen und anzupassen. Leider passiert es nach wie vor noch oft genug, dass man den richtigen Zeitpunkt übersieht, über seine Kräfte hinaus geht, und dann doch wieder zusammen bricht. Der Unterschied zu früher ist wohl aber der, dass wir dennoch schneller dabei sind, die Reißleine zu ziehen, und demzufolge auch der Akku schneller wieder so weit aufgeladen werden kann, dass weniger Schäden zurück bleiben.

Natürlich gibt es auch immer wieder das Problem, dass das Umfeld mehr von einem erwartet, sobald man Vieles zu leisten vermag. Kaum einer versteht, dass manche Dinge unheimlich schwer sind, die doch bereits mehrmals scheinbar ohne Probleme geklappt haben. Leider rutscht man dadurch auch manchmal in die Schiene, erst gar nicht so deutlich zu zeigen, was man drauf hat, weil man Angst davor hat, seine Leistungen immer so hoch halten zu müssen. Was ja leider oft genug passiert. Uns persönlich hilft aber meist ein mehr oder weniger offener Umgang. Reden, erklären, sich nicht verstecken. Angemessen natürlich, alle Individuen berücksichtigend, Kompromisse erarbeiten.

Zusammenfassend kann ich für uns sagen, dass meine Tochter und ich fast gleichzeitig mit dem Sich-Kennenlernen angefangen haben, mit dem Unterschied, dass meine Tochter nun damit und daran wachsen kann, und ich mich zuvor beinahe komplett erneuern muss, da sich ja das vorherige Leben nicht einfach so auslöschen lässt. Erfahrungen prägen einen z.T. sehr massiv. Ist ja schon harte Arbeit, die negativen Erlebnisse in den vergleichsweise wenigen Lebensjahren meiner Tochter aufzuarbeiten.

Aber sie schafft das. Und unterm Strich wird das Ausbalancieren leichter, weil bewusster:

Anpassen ja, verbiegen vielleicht mal kurzfristig, aber Selbstaufgabe definitiv nein.

So kann aus der Fähigkeit der Kompensation durchaus ein Segen werden. Nicht immer. Nein. Von einfach möchte ich auf gar keinen Fall reden. Und ich spreche auch sicher nicht davon, dass das jeder schaffen und doch einfach (haha, „einfach“) so handhaben soll.

Dies war und ist unser Weg. Unsere Erfahrungen. Wenn sich jemand davon was für sein Leben mitnehmen kann, freue ich mich natürlich sehr.

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