Kontrollverlust und Gedankenfetzen

Ich liebe Menschen und ihre Lebens-Geschichten.

Schon als Kind hing ich sprichwörtlich an den Lippen der Erwachsenen, wenn sie „von früher“ erzählten. Mein Opa, wenn er vom Krieg berichtete, oder von der wunderschönen Zeit mit seiner großen Liebe, die Berichte meiner Mutter, die ihre Mutter viel zu früh verlor, meine Tante, wie sie als junge Erwachsene mit Freunden zum Tanzen ging, und spät abends zu Fuß durch die halbe Stadt gehen musste, weil nachts damals keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr fuhren… Bereits als Kind und Teenager verschlang ich Bücher, die von Menschen berichteten, was sie erlebt hatten, Schicksalsschläge, Erfahrungsberichte, die schönen, die schockierenden, die faszinierenden, die sprachlos machenden…

Dies ist auch heute noch so, und im Zeitalter des Internets werde ich auch durch Blogs reichlich bedient. Dabei empfinde ich niemals ein Gefühl von Urteil, es fesselt mich einfach, fasziniert mich, egal um was es geht.

So freute ich mich am Samstag über mein neues Buch, als ich es in Händen halten durfte. Ein Buch einer Bloggerin, Autistin, wohl wissend, dass der Inhalt nicht die heile Welt vorgaukelt, sondern realistisch wiedergibt, wie es auf der Welt aussieht. Darum geht es mir ja schließlich.

Die ersten beiden Kapitel verschlang ich ohne Pause, wenn ich mich auch dabei ertappte, aufgrund des Gelesenen meine Hand auf den Mund gepresst zu haben. Mir entkam ein „Oh nein, shit, bitte nicht“.

Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll… Natürlich tut es mir für diesen Menschen leid, was er erleben und erdulden, ertragen musste. Aber ich zerfließe nicht in Mitleid, als dass es mich fertig machen würde, ich denke auch, dass demjenigen ja auch nicht damit geholfen wäre. Schwer zu beschreiben. Gefühle lassen sich hier nicht definieren, ich lese aus reinem Interesse an jeder einzelnen Geschichte, sauge sie auf wie ein Schwamm.

So weit, so gut.

Was aber dann ein paar Kapitel weiter passierte…

Ein Mädchen, neun Jahre…

Schule…

Das Gefühl durchbohrender Blicke, der Wunsch, unsichtbar zu sein, nicht aufzufallen, die kreisenden Gedanken, wie man sich wohl richtig verhält, die Angst, dass es genau dann schief geht…

Plötzlich verschwammen die Buchstaben vor meinen Augen, ich spürte, wie mir die Tränen in eben diese stiegen. Und genau in dem Moment, als mir dies bewusst wurde, öffneten sich die Schleusen, ich verlor völlig die Kontrolle und weinte, mein Körper bebte, ich konnte nichts mehr tun.

Was war das denn bitte!?

Ich versuchte, mich zu beruhigen, weiter zu lesen, doch es gelang mir nicht. Ich durchlebte plötzlich meine Schulzeit mit allen Gefühlen, die ich damals hatte. Ich wurde nicht mal geärgert oder gemobbt, als dass man sagen könnte, ich bin traumatisiert. Aber ich war wohl erfolgreich unauffällig, so dass ich sehr schnell wusste, (oder mir einredete ?) dass ich nicht wirklich dazu gehörte, immer außen vor war, und ich erinnerte mich wieder daran, dass ich mir dieses so oft zitierte Loch im Boden zum Verschwinden herbei wünschte.

Irgendwie bekam ich das Kapitel dann doch noch durch, legte aber schließlich das Buch beiseite. Nach diesem emotionalen Overload war ich fix und fertig, wie in mir gefangen, nahm alles nur noch schemenhaft wahr, suchte den Rückzug.

Irgendwann fand ich mich auf der Couch wieder und schlief ein.

Gestern dann las ich das Buch weiter und bis zum Ende, die Gefühle des Vortags wurden langsam wieder erträglich, aber ich spürte, wie erschöpft ich immer noch war.

Mein Mann hätte gerne mit uns allen einen Ausflug ins Kino gemacht, aber ich traute mich zu sagen, dass ich nicht in der Lage dazu sei. Er fragte, was mich denn so beschäftige, worauf ich nur „eine bestimmte Stelle in diesem Buch“ antworten konnte, auf seine Frage, was da geschrieben steht, was mich so fertig macht, brachte ich aber schon kein Wort mehr heraus. So verschoben wir also den Kinobesuch, es war für alle ok.

Heute geht es mir schon wieder besser, wenngleich ich eigentlich über mich selbst erschrocken bin. Damit hatte ich nun so gar nicht gerechnet, aber das Leben ist eben nicht planbar. Umso bewusster ist mir geworden, dass es mir heute noch so geht wie damals: Ich hoffe, nicht aufzufallen, Blicke, und wenn ich sie mir nur einbilde, treffen mich tief, die Angst, mich zu blamieren ist riesig, und ich schaffe es doch immer wieder, dass ich irgendwo anstoße, mir was runter fällt, ich zu leise spreche, bestimmt auch seltsame Grimassen mache oder einfach meine Gesichtszüge nicht im Griff habe. Und bevor ich jemanden anspreche, gehe ich lieber wieder unerledigter Dinge. Einkaufen z.B. Jemanden bitten, mich an das Regal zu lassen, damit ich an die gewünschte Ware komme? Nee, lieber nicht. Dankbarerweise muss ich eigentlich nicht einkaufen gehen, da dies mein Mann übernimmt.

Nun ja, dieser Beitrag hier ist mit Sicherheit nicht der schönste oder sortierteste, ich habe ihn nicht vorher aufgesetzt, sondern gerade so fließen lassen, wie es mir aus den Fingern kam. Schreiben ist für mich ja immer ein gern gewähltes Mittel der Aufarbeitung, und ich bin dankbar um dieses Buch, welches mir eröffnet hat, dass da durchaus noch etwas in meinem Inneren schlummert, was ebenfalls an die Oberfläche gebracht werden möchte. Also gut.

😉

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4 Antworten zu Kontrollverlust und Gedankenfetzen

  1. Labbi On The Web schreibt:

    Toller Beitrag, auch wenn er vorher nicht aufgesetzt wurde, vielleicht liegt auch darin das Geheimnis. Der Text kommt sehr authentisch rüber.

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  2. perfecty me schreibt:

    Ohja ich weiß was du meinst. Es geht mir momentan auch so mit einem Buch von einer Autistin. Aber ich bekomme es nicht fertig weil ich immer längere Pausen brauche um es zu “ verdauen“.

    Gefällt 1 Person

  3. Daniel Rehbein schreibt:

    Das ist ein tolle Beschreibung, wie man ganz plötzlich von Emotionen geflashed werden kann. Es trifft mich manchmal völlig unvorbereitet. Ein zunächst völlig harmloser Text, eine sachliche Beschreibung einer gut nachvollziehbaren Situation, und auf einen Schlag erschließt sich mir plötzlich die ganze Emotionalität des beschriebenen Geschehens. Es kommt wie ein Gefühls-Tsunami, der mich überrollt, dem ich erst mal nicht entkommen kann. Ich muß umherlaufen, um mich wieder zu beruhigen.

    Zuletzt ist mir das passiert mit einem deutschsprachigen Schlager: „Berlin“ von Nik P.. Darauf bin ich eher zufällig bei Youtube gestoßen. Ich habe den Sinn des Textes nicht verstanden, deswegen habe ich dann per Google nach dem Liedtext gesucht. Und als ich den Liedtext in Ruhe durchgelesen habe, hat sich mir schlagartig der Sinn erschlossen. Und da ist das wieder mit mir passiert.

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  4. Luise Kakadu schreibt:

    Ich sehe darin Heilung.
    Ein bißchen so, wie ein bestimmter Ton ein Glas zum Zerspringen bringen kann, funktioniert das Lesen bestimmter Erlebnisse auch in der Seele.
    Als sei dort eine Art Geschwür; ein Behältnis voller Vergangenheit – das beständig drückt, schmerzt und blockiert wo man es bewußt überhaupt nicht bemerkt.
    Und das Lesen; die Schwingung und Energie dieses Geschriebenen, bringt die innere Seelenblockade zum Zerspringen und sich auflösen.

    Auch wenn dies anstrengend ist, oft schmerzhaft und heftig – so heilt es doch.
    Denn durch Bewußtwerdung kann das Gefäß nicht bestehen bleiben.
    Der Druck löst sich auf.

    Auch ich lese sehr gerne in Blogs anderer.
    Es hilft, sich selbst zu entdecken.
    Danke.

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