Lernen, mit Kritik umzugehen

Seit Montag letzter Woche ist meine Tochter im Praktikum.

Die Arbeit selbst gefällt ihr richtig gut, sie ist sich nun 100%ig sicher, dass das genau der Job ist, den sie machen möchte.

Allerdings gibt es ein Problem: Die Chefin ist sehr impulsiv und äußert Kritiken nach Empfinden meiner Tochter immer sehr laut und streng, „flippt schnell aus“, wie sie es beschreibt, teilweise bei Sachen, die meine Tochter noch gar nicht wissen kann, weil es ihr ja schließlich noch nie jemand professionell gezeigt hat. Alles, was sie bisher gelernt hat, hat sie sich übers Internet und „Versuch und Irrtum“ selbst beigebracht.

Sicher ist es wichtig, zu unterscheiden, ob man als Person angegriffen wird (wie es in der BvB leider der Fall ist), oder ob es um die Sache an sich geht, wie jetzt bei der Chefin. Meiner Tochter ist dies auch bewusst, sie macht eben genau diese Lernerfahrung, dass es da einen Unterschied gibt. Gestern jedoch konnte sie sich bei einem „Anschiss“ das Weinen nicht verkneifen. Sie wollte sich noch für den Fehler entschuldigen, und besonders erklären, dass sie sich das leider so angewöhnt hat, was bei der Chefin als Widersprechen aufgefasst wurde. So war das aber nicht gemeint. Ein Kommunikationsproblem also.

Später war es dann auch wieder gut, die Chefin ließ meine Tochter erstmal allein, sich beruhigen, meine Tochter arbeitete weiter und das war dann auch alles in Ordnung. Aber wie lernt man, mit solch heftiger Kritik umzugehen? Selbst, wenn man verstanden hat, dass es nur der Verbesserung und dem Lernen dient?

Ich hatte meiner Tochter zwar angeboten, dass wir uns mal gemeinsam zu einem Gespräch zusammen setzen, aber sie zögert noch. Eigentlich möchte sie so nicht dort weiter arbeiten. Allerdings fände ich es unfair, jetzt alles hin zu schmeißen, ohne der Chefin die Chance gegeben zu haben, sich dessen überhaupt bewusst zu werden.

Ach, erwachsen werden ist echt nicht leicht…

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2 Antworten zu Lernen, mit Kritik umzugehen

  1. Daniel Rehbein schreibt:

    Diese Chefin ist ein Glücksfall! Führt bloß kein Gespräch mit dem Ziel, das Verhalten der Chefin zu ändern. Sie müsste sich ja verstellen, und das würde das Verhältnis bloß verkomplizieren.

    Es gibt Chefs, die sind sehr aufbrausend, und die brüllen mindestens einmal am Tag das gesamte Büro zusammen. Das ist zu Anfang erst mal sehr gewöhnungsbedürftig, vor allem dann, wenn man angebrüllt wird wegen Dingen, die man nicht besser wissen konnte. Auf Dauer kann man mit solchen Chefs aber wesentlich besser klarkommen und mit den stillen und ruhigen. Die stillen und ruhigen Chefs merken sich das Fehlverhalten ihrer Untergebenen, und irgendwann bekommt man plötzlich zu einer völlig unpassenden Gelegenheit eine Art Sündenregister präsentiert, gegen das man keine Chance mehr hat. Bei einem Chef, der sehr aufbrausend ist, weiß man dagegen direkt, woran man ist. Man kann direkt reagieren, man erfahrt direkt, was dem Chef wichtig ist und was nicht.

    Bei einem stillen und ruhigen Chef kann man nur raten und vermuten, was ihm wichtig ist und was nicht. Bei einem Choleriker ist die Lautstärke eine direktes Indiz für die Wichtigkeit eines Kritikpunktes, man bekommt quasi eine Priorisierung der Kritikpunkte unmittelbar geliefert.

    Meine Erfahrung ist, daß man bei Chefs, die sehr aufbrausend und direkt sind, als Mitarbeiter auch sehr direkt sein kann. Man darf dem Chef auch widersprechen, wenn man anderer Meinung ist. Das wird sicherlich nicht gleich der Fall sein, wenn man erst zwei Wochen in dem Betrieb ist, aber später wird es durchaus auch vorkommen, daß es gute Gründe gibt, warum das kritisierte Verhalten kein Fehler ist, sondern in der einzelnen Situation genau richtig und angemessen. Wenn man sich darin sicher ist, dann kann man den aufbrausenden Chef durchaus ruhig und sachlich widersprechen.

    Ja, widersprechen! Aber nicht entschuldigen! Wenn es sachliche Gründe gibt, warum das kritisierte Verhalten doch richtig ist, dann kann man widersprechen. Wenn das kritisierte Verhalten tatsächlich falsch war, dann entschuldigt man sich nicht, sondern man ändert es. Denn eine Entschuldigung ist immer in die Vergangenheit gewandt. Der Chef will keine Gründe für einen Fehler hören, er will, daß der Fehler zukünftig nicht mehr passiert. Es geht um die Zukunft, nicht um die Vergangenheit! Das ist ein ganz wichtiger Punkt: Die Perspektive geht immer in die Zukunft, es wird nicht die Vergangenheit erklärt! Es ist völlig egal, ob man etwas nicht besser wissen konnte, ob es der Chef falsch erklärt hat, oder was es sonst noch an Entschuldigungen geben kann. Denn es geht eigentlich gar nicht um die Kritik, sondern um das Verhalten in der Zukunft.

    Der aufbrausende cholerische Chef hat doch seinen eigenen Wutausbruch ohnehin nach spätestens zehn Minuten wieder vergessen. Da sind Rechtfertigungen und Entschuldigungen völlig kontraproduktiv. Wenn man verstanden hat, was er will, dann macht man das so. Wenn man nicht verstanden hat, was er will, dann kann man Fragen dazu stellen. Sachliche inhaltliche Fragen dazu, wie man es in Zukunft besser machen soll.

    Ein cholerischer Chef unterscheidet nicht zwischen einem Mitarbeiter, der gerade erst angefangen hat, und einem Mitarbeiter, der schon viele Jahre dabei ist. Für denselben Fehler gibt es denselben Wutausbruch – auch wenn der neue Mitarbeiter es noch gar nicht besser wissen konnte, während der andere es durchaus hätte besser wissen müssen. Deswegen darf man sich nicht angegriffen fühlen, sondern sollte die Kritik als (lediglich unschön ausgedrückte) Handlungsanweisung sehen.

    Und noch etwas: Es passiert irgendwann auch mal, daß man Fehler macht, die Außenwirkung haben. Also Fehler, die dazu führen, daß Kunden oder Mitarbeiter anderer Abteilungen sich beschweren. Nach meiner Erfahrung sind die Chefs, die im Innenverhältnis gegenüber ihren Mitarbeitern sehr aufbrausend sind, diejenigen, die sich gegenüber Außenstehenden hinter ihre Mitarbeiter stellen. Die stillen und leisen, die neigen meiner Erfahrung nach eher zum Taktieren, die schieben gerne die Schuld auf Untergebene ab.

    Deshalb: Wenn klar ist, daß der Chef einen nicht persönlich meint, sondern wenn er einfach eine aufbrausende und cholerische Natur hat, dann ist das ein Glücksfall. Man braucht sicherlich seine Zeit, sich an dieses Verhalten zu gewöhnen, aber dann kann man damit sehr gut zurechtkommen. Dann sind solche Menschen, von denen man sagt „sie tragen ihr Herz auf der Zunge“ das beste, was einem passieren kann.

    Gefällt 1 Person

    • sinnesstille schreibt:

      Danke Dir, das hast Du sehr schön geschrieben. Ich versuche dies, meiner Tochter zu vermitteln, für ein so junges Mädel ist das natürlich noch schwer zu ertragen und zu verstehen. Deine Worte werde ich beim nächsten Mal mit ins Gespräch verpacken.

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