Stärken – Schwächen – Mensch?

 

Als Allererstes möchte ich mich für diesen Artikel bedanken, der meine derzeitigen Gedanken unterstützt, gerade weil wir es so hautnah erleben müssen, was es heißt, nur von der defizitären Seite betrachtet und dementsprechend behandelt zu werden. (Ich möchte auch betonen, dass ich den Artikel nicht kritisiere, sondern nur ergänzen möchte.)

Für mich ist es unerträglich, und gleichermaßen unfassbar, wie man permanent und beinahe ausschließlich auf den Schwächen eines Menschen herum hacken kann, und evtl. Stärken nicht beachtet oder gar abwertet, als seien diese nichts wert. Wehe, man würde dies bei Nicht-Autisten tun! Dann spricht  man von „übler Nachrede“ oder „Verleumdung“. (So geschehen in der Einrichtung, in der meine Tochter ihre BvB absolviert.) Aber als Autist darf man sich nicht wehren. Man hat dankbar zu sein, dass man trotz seiner Defizite überhaupt ein Recht hat zu atmen. Das mag jetzt völlig überspitzt klingen, aber im Moment bin ich diesbezüglich äußerst dünnhäutig.

Nun gibt es also einige Berichte zu lesen, oder auch Leute zu hören, die auf die Stärken von Autisten hinweisen, und wie man sie sich gesellschaftlich zunutze machen kann.

Aber ist das wirklich Inklusion? Muss man sich als Autist quasi hinstellen und sagen:

„Ich habe zwar Probleme mit sozialer Interaktion und tu‘ mir schwer, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen, aber dafür bin ich ein Mathe-Genie (hier kann man ein beliebiges „Super-Talent“ einsetzen).“

So gehe ich also noch einen Schritt weiter: Kein Mensch hat nur und ausschließlich Schwächen, jeder hat irgendwo eine angenehme und positive Eigenschaft, aber man sollte es  nicht nötig haben müssen, es gegeneinander aufzurechnen, weil  man sonst „nicht mitspielen“ darf.

Betont ein Blinder permanent, dass er ein äußerst sensibles Gehör hat? Brüstet sich ein Rollstuhlfahrer immer damit, dass er studiert hat? Gibt ein Mitarbeiter einer Behindertenwerkstatt ständig damit an, dass er wunderschön zeichnen kann?

Nein. Wieso auch!? Für einen selbst ist dies eine normale, selbstverständliche Eigenart, die nicht wieder und wieder betont werden muss. Es ist natürlich schön, wenn man für etwas gelobt oder bewundert wird. Aber nur darüber identifiziert werden? Das wird dem Menschen auch nicht gerecht.

Begabungen und Talente gibt es überall, und mögen sie nur klitzeklein sein. Manche werden bemerkt, andere bleiben im Stillen verborgen. So lange man nur selbst mit sich im Reinen ist und glückliche Momente erfahren darf.

Und das finde ich bedeutsam wichtig: Jeder für sich sollte sich erlauben dürfen, mit sich selbst zufrieden zu sein, ohne verpflichtet zu werden, etwas Außerordentliches mitzubringen. Denn was macht man als Autist, wenn man kein IT-Spezialist ist, sich keine Daten aus den letzten drei Jahrhunderten merken oder jeden Ton auf dem Klavier am Gehör erkennen kann?

Freilich, meine Tochter gehört zu den kreativen Köpfen, sie schneidert unglaublich gern und legt Wert auf ein perfektes Ergebnis, sieht Details, die andere  nicht bemerken… Aber ich bin mir sicher, es gibt genügend Nicht-Autisten, die dies auch können. Wieso also etwas Besonderes daraus machen? Nur, damit die persönlichen Probleme in den Hintergrund gedrängt werden? Sie will nichts „Besonderes“ sein. Sie möchte leben.

Ich wünsche mir eigentlich nur eins:

Dass ein Mensch in erster Linie als genau das gesehen wird. Mensch sein bedeutet dazu gehören, und es sollte keine Rolle spielen, was man kann oder nicht, wie man aussieht, wie man orientiert ist in jeglicher Hinsicht, usw. Lasst uns gemeinsam die Defizite wahr nehmen, aber nicht in den Vordergrund drängen, lasst uns an den Stärken Freude finden… und wenn es nur ein zauberhaftes Lächeln sein mag. Jeder Mensch ist einzigartig, und ich finde die Feinheiten immer wieder faszinierend… (Das ist eines meiner Spezialinteressen. 😉 )

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3 Antworten zu Stärken – Schwächen – Mensch?

  1. perfecty me schreibt:

    Da gebe ich dir Recht. Allerdings bleibt es nicht aus das man immer an die Schwächen erinnern muss. Dass ist mir wirklich zuwider . Ich mag es nicht , aber es wird immerzu vergessen. Manches geht einfach nicht undd manches kann man auch nicht , so sehr man es versucht.

    Gefällt mir

    • sinnesstille schreibt:

      Natürlich darf man die Schwächen nicht unter den Teppich kehren (RW), und ich bin sogar für einen offenen Umgang damit, denn sie gehören dazu. Aber ich finde es bedauerlich, wenn man sich genötigt fühlt, im gleichen Atemzug auf irgendeine Stärke hinweisen zu müssen, weil man sonst gesellschaftlich „unten durch“ ist. Wir sind doch hier in keinem Wettbewerb!?
      Ich habe z.B. keinen Führerschein. Dadurch bin ich hin und wieder auf einen Fahrer angewiesen, bin nicht so frei mobil. So ist das – Punkt. (Und ja, selbst da wird man heutzutage schräg angeschaut.)
      Eine solche Anerkennung ohne Einschränkung ist vielleicht (noch) Träumerei, mag sein. Aber das ist das, was ich denke.

      Gefällt 1 Person

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