Sich selbst erfahren

 

Ich hatte überlegt, ob ich zu diesen Artikel einen Kommentar schreiben sollte, aber nun habe ich mich doch für einen eigenen Beitrag entschieden. (Danke also für den Impuls dazu! 😉 )

In den letzten 17 Jahren, seit meine Tochter auf der Welt ist, hat sich meine Aufgabe des Mutter-Seins ziemlich verändert. Mein erster Sohn, fünf Jahre älter als meine Tochter, war immer sehr leicht zufrieden zu stellen, meckerte nur ein bisschen bei Unzufriedenheit, war sehr genügsam mit Allem und ist auch heute noch ein äußerst ruhiger und höflicher Zeitgenosse, der das Motto von Balu der Bär „Probier’s mal mit Gemütlichkeit“ leibt und lebt. Ich sagte immer: „Ein perfektes *Anfänger-Kind*!“

Da ich selbst zum absoluten Gehorsam erzogen und an die Gesellschaft angepasst wurde, kam mir das im Umgang natürlich sehr gelegen. Das mag jetzt seltsam klingen, aber ich mag keine Auseinandersetzungen, bin ein sehr friedliebender und Harmonie bedürftiger Mensch, dementsprechend entspannt war und ist auch nach wie vor das Verhältnis zu meinem Sohn. Wir verstehen uns blind, sind auf einer Wellenlänge, und können uns immer gut arrangieren.

Meine Tochter machte dem Ganzen einen ordentlichen Strich durch die Rechnung. Von Anfang an zeigte sie sehr deutlich, wenn etwas nicht zu ertragen war. Wir haben so ziemlich alles an Overload-Facetten und deren Folgen durch. Näher brauche ich ja an dieser Stelle nicht darauf eingehen…

Seit ich mich mit Autismus beschäftige, habe ich auch viel über mich gelernt. So sind meine Tochter und ich gerade auf einer ähnlichen Entdeckungsreise ins Innere. Meine Tochter, weil sie jetzt in einem Alter ist, in dem es immer wichtiger wird, heraus zu finden wer man ist, und ich, weil ich erfahren darf, dass ich tatsächlich eine andere Wahrnehmung als viele andere Menschen habe, und so nach und nach kann ich das mir ständig an den Kopf geworfene „Stell dich nicht so an“ los lassen.

Die Strategien, wie man aus Overloads raus kommt, dass es nicht völlig eskaliert, sind bei uns schon relativ gut entwickelt. Parallel sind wir aber quasi in einem „Trainig“ zur Prävention, wenn man so will. Wenn wir irgendwo hin müssen, planen wir immer genügend Zeit ein. Am Ziel verharren wir dann erst einmal eine Weile und gehen eine innere Wahrnehmungsliste durch:

Was sehe ich?

Was höre ich?

Wie riecht es hier?

Wie ist das Menschenaufkommen?

Wie sind die örtlichen Gegebenheiten?

Was spüre ich?

Was macht mein Körper?

usw.

Sich von Anfang an bewusst auf diese Dinge zu konzentrieren hilft uns ein bisschen, von Reizüberflutungen nicht ganz so überrascht zu werden, wie ich es oftmals empfinde. Natürlich ist das nicht immer möglich, aber wenn, dann bin ich schon auf gewisse Dinge vorbereitet, und schaffe es dann tatsächlich, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Wenn mir dann ein bereits zuvor bemerkter Reiz zu viel wird, kommt das nicht so hart. Weiß nicht, ob man versteht, was ich meine. In diesem Verlauf oder anschließend kommen natürlich Vorkehrungen wie Pause, Rückzug, Abbruch, oder aber man kann die Reize abmildern oder entfernen. Das heißt auch nicht, dass ich danach weniger erschöpft bin. Erholung brauche ich dennoch reichlich, um mich in den Folgetagen auf meine Pflichten einlassen zu können. Aber ich merke, es macht die Situation selbst etwas erträglicher.

Meine Tochter hat es ausprobiert, als sie sich mit Freunden das erste Mal in einem Jugendclub getroffen hat. Nach dem Reinkommen erstmal orientiert, Checkliste durchgegangen, und sich Stück für Stück an die Gegebenheiten heran getastet. Zweieinhalb Stunden ging das sehr gut, dann wurde ihr die Lautstärke, die sie gleich zu Beginn sehr intensiv wahr genommen hat, zu viel und fuhr nach Hause. Fürs erste Mal also gut gelaufen. Und was noch positiv war: Sie hat es nicht wie früher als Versagen empfunden, sondern als gegebene Tatsache, dass es nun mal so ist, und hat auf sich geachtet. Im Freizeitbereich hat man so die Möglichkeit, seine Löffel gezielt einzuteilen.

Das hatte ich ab diesem Alter immer wieder übersehen, weil ich genau so dabei sein wollte und ich mich ja „nicht so anstellen“ sollte. Umso schwieriger wurde es Jahr um Jahr, das zu schaffen, was unumgänglich war, der ganz normale Alltag wurde beinahe zur unüberwindbaren Herausforderung. Wenn ich meinen Mann nicht hätte, ich weiß nicht, wo ich inzwischen wäre. Die Zeiten waren nicht immer leicht, und ich war nicht nur ein Mal kurz davor, meine Ehe hin zu schmeißen, weil es für den Lebenspartner natürlich auch extrem frustrierend ist, kaum mehr etwas zurück zu bekommen, da mir schon allein seine Anwesenheit oft zu viel war. Wie erkläre ich als erwachsene Frau, dass ich einen Horror vorm Einkaufen habe? Dass ich meine Zeiten der Ruhe oder die Beschäftigung mit meinen Interessen sehr intensiv brauche? Dass es Dinge gibt, die mich auf die Palme bringen, wenn sie nicht so sind, wie ich das gerne hätte? Dass mir oberflächliches BlaBla in irgendwelchen Gesellschaften zuwider ist und ich mich lieber tiefsinnigen Gesprächen hingebe? Dass man mir direkt sagen soll, wenn was wichtig ist, anstatt lange drum herum zu reden und erwartet, dass ich darauf reagiere? Ich habe ja immer alles ertragen und erduldet, aber dafür ist meine Kraft nun endgültig am Ende. Ich habe das Gefühl, mein ganzes Leben war ein einziger Overload, voller ständiger Erwartungen. Von außen, aber natürlich auch von mir selbst. Ein permanentes ZuViel. Wie viele Warnsignale meines Körpers habe ich missachtet!? Und man wird ja immer Reiz sensibler. Von außen ebenso wie von innen. Lautstärke – unterschwellige Übelkeit – grelles Licht – Herzrasen – Schwindel – Termine – usw. Ok, dass die Symptome nicht (nur) vom Stress kamen, sondern von einer Autoimmunerkrankung war dann schon ein Schlag. Aber so ist das eben.

In meinem Alter auf eine solche Entdeckungsreise zu gehen ist schon gewagt, weil viel Zeit vergangen ist, die auch Einiges aufwühlen kann. Aber gleichermaßen ist es auch spannend, sich selbst nochmal neu kennen zu lernen. Ich hoffe, ich kann dadurch auch meine Tochter so gut es geht begleiten.

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