So langsam komm ich wieder runter

 

Gestern war ich mit meiner Tochter zum vierten und eigentlich letzten Termin in der KJP-Praxis, in der eine aktuelle Anamnese erstellt wurde, u.a. wegen der letzten schweren elf Monate, die meine Tochter in der BvB ertragen musste.

Der Ablauf ist hier oft ähnlich: erster Termin mit einem Arzt, zur Bestandsaufnahme. Zweiter und dritter Termin bei einem Psychologen (ich berichtete hier kurz davon), mit dem meine Tochter wohl trotz meiner Abwesenheit recht gut reden konnte, der gestrige Termin fand wieder beim Arzt statt.

Nun ging es mir ja vor allem auch darum, meine Tochter die letzten zwei Wochen der BvB krank schreiben zu lassen. Sie ist einfach fertig mit der Welt, rutscht wieder in eine Depression, und die BvB ist für sie eh gelaufen, Ziel verfehlt, Ende.

Dem Psychologen konnte ich das alles recht gut vermitteln, er gab mir auch zu verstehen, dass er nur hoffen kann, mit therapeutischer Hilfe (die wir uns suchen müssen), alles so zu stabilisieren, dass meine Tochter im September mit einem BVJ beginnen kann (sie hat enorme Probleme damit, überhaupt noch ein Schulgebäude zu betreten).

Der Arzt aber hat mich gestern beinahe an den Rand eines Nervenzusammenbruchs gebracht. Er schreibt generell nicht über einen so langen Zeitraum krank (die letzten zwei Wochen hat das unser Kinderarzt übernommen, ohne mit der Wimper zu zucken), und er hält es auch nicht für gut, so lange zu Hause „rum zu sitzen“, denn „erwartungsgemäß wird der Neustart dann im September noch schwieriger“. Außerdem muss diese Zeit genutzt werden, um einen Therapie-Platz zu bekommen, zudem sollen wir über eine unterstützende Medikamentengabe nachdenken.

Meine Tochter antwortete auf seine Fragen meist mit Schulterzucken. Der Arzt allerdings bestand auf Antworten ihrerseits. Er bohrte so lange nach, bis sie wenigstens ein „Mhm“ heraus brachte.

Also nochmal zusammen gefasst: Für diese Woche hat er sie krank geschrieben. Nächsten Montag soll sie wieder hin, dann könne er sie ggf. auch die letzte (!) Woche krank schreiben. Als ob das jetzt so den riesigen Unterschied machen würde. Und mir gegenüber meinte er: „Es sollte ja kein Problem sein, zwei Therapeuten und Institute pro Tag anzurufen, um einen Termin zu bekommen.“

*Ja, klar. Und Mitte September ist meine Tochter im Schnelldurchlauf von ihren Ängsten und Nöten geheilt.* In welcher Traumwelt lebt der eigentlich?

Ach ja: Warum meine Tochter denn keine Praktika selbst machen würde, wenn das mit der BvB-Einrichtung nicht klappt? „Weil sie sich selbst keine suchen durfte!?“ „Aber sie hätte sich ja dennoch darum bemühen können, unabhängig von der BvB!“ „Aber die wenigsten Firmen und Arbeitgeber lassen sich auf private Praktika ein, aus versicherungstechnischen Gründen, und meine Tochter ist laut Vertrag ja noch bis Ende Juli an die BvB-Einrichtung gebunden!?“ Das hat er nicht verstanden, der gute Mann. Dummheit macht mich aggressiv.

Am Ende habe ich nur noch mit „Ja, können wir machen“ reagiert. *Sage ihm, was er hören will – dann bekommen wir hoffentlich das, was wir brauchen.*

Also nächsten Montag wieder da hin.

Und ich überlege mir, was ich mit dem Therapeuten-Gedöns mache. Ich hätte schon zwei Adressen; einmal eine wirklich gute Autismus-Therapeutin, und einmal eine Heilpraktikerin, die die BvB-Einrichtung und meine Tochter sogar bereits kennt. Das Problem ist nur: Wird nicht von der KK übernommen. Aber deshalb x-beliebige Therapeuten durchprobieren? Schon wieder?

Ich dreh‘ am Rad! Ich war gestern so wut-verzweifelt, dass ich fast geheult hätte, mitten im Bus unter all den Leuten, gleichzeitig aber stiegen Aggressionen in mir hoch, die ich in meinem ganzen Leben nur sehr wenige Male so verspürt hatte.

Und dann erinnere ich mich an die Aussage meiner Psychologin, bei der ich die Diagnostik hatte: „Wenn Autisten in einem solch desolaten Zustand zu  mir kommen, schreib ich die erstmal vier Wochen krank. – Geht im Privaten halt leider nicht.“

Warum nur gerät meine Tochter immer wieder an „Fachkräfte“, die mir als Mutter das Gefühl geben, sie wüssten besser Bescheid als ich?

„Erwartungsgemäß.“ – Ich erlaubte mir bei dieser Aussage zu widersprechen: „Aber erfahrungsgemäß ist dem bei meiner Tochter nicht so. Sie liegt nicht nur auf der ‚faulen Haut‘. Sie braucht dringend Erholung für Körper und Seele, dann kommt sie von sich aus wieder und beginnt motiviert von Neuem.“ Als Antwort bekam ich nur ein: „Aha, ok“, zudem einen verachtenden Blick (auffälliger ging es wirklich kaum) und er notierte sich wohl auch alles.

So, nun hab ich mir mal wieder meinen Frust von der Seele geschrieben, passt wieder. Aber wenn man bei solchen und ähnlichen Erlebnissen nicht irgendwann mal durchdreht, frag ich mich, wann dann. Wie lange soll das noch so gehen!?

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Eine Antwort zu So langsam komm ich wieder runter

  1. perfecty me schreibt:

    Oh mann solche Psychologen hatten wir schon zur Genüge. Und ich war danach immer fix und fertig. Aktuell heißt es bei meinem Sohn auch Schule hat recht, solle sich nicht anstellen. Sowas macht einen Machtlos ujnd Sauer.

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