Über was man als Frau nicht spricht – Aggressionen

 

„Reg‘ dich nicht so künstlich auf!“ – „Jetzt beruhig‘ dich mal wieder!“ – „Wenn du jetzt nicht aufhörst, setzt’s was!“

Kindheitserinnerungen.

Wut, Zorn, Verzweiflung – nicht erlaubt. Böse. Zumindest bei mir.

Dennoch sind sie in mir, diese Gefühle. Und aktuell, besonders schlimm vor zwei Tagen, diese untergründig, dauerhafte Aggression.

Ich lese irgend einen Beitrag, und ich könnte mich unheimlich aufregen. Ein Satz oder nur ein Wort lässt es in mir hoch kochen. Ich nehme Abstand vom www, atme durch, gehe in den Rückzug, will nur meine Ruhe. *Kommt mir nicht mit Aufmunterung oder Ablenkung, das macht es nur schlimmer. Nehmt Abstand von mir. Ist für alle Beteiligten das Gesündeste.* Kinder und Mann sind dankbar für diese Information und halten sich daran.

Aber vorgestern hatte es die ganze Welt auf mich abgesehen:

Wieso ausgerechnet bohren die genau an solchen Tagen irgendwo in unserem Haus. Und dann auch noch die Mittagsruhe ignorierend.

Draußen schneidet jemand mit diesem Ding die Rasenkanten, in einem anderen Garten werden Bäume und Sträucher zurecht gesägt…

Wieder Ruhe hier im Haus… Sind sie fertig?

Ich setz‘ mich vor den Fernseher und schau meine Lieblingsserie auf DVD weiter…

Nein, verdammt, sie sind nicht fertig. Das Bohren macht das Hören unmöglich. Innerlich raste ich aus und stelle mir vor, auf irgendwas oder irgendjemanden einzuprügeln.

Böse böse.

In diesen Zeiten empfinde ich mich innen wie außen extrem hässlich. Das kann man hier getrost wörtlich nehmen.

Meine Haut zeigt mir überdeutlich, dass ich zu dünn und keine Mitte zwanzig mehr bin.

Meine Haare scheinen genau dann ein Eigenleben zu führen.

Egal was ich anziehe, es passt nicht, ich finde mich einfach nur bäh.

Dem Spiegel habe ich den Krieg erklärt.

Kindergeschrei unten auf der Straße. Noch viel schlimmer aber: Das Echo in Form von Elterngeschrei.

Ich wollte nie so werden, so kleinlich und sich über alles aufregend.

Zur Zeit gibt es nicht einmal einen ersichtlichen Grund. Hier sind immer noch Ferien, die Kids sind selbstständig mit sich beschäftigt, ich habe keine Termine…

Oder ist es gerade das? Dieses Entspannen, nach all den Anstrengungen der letzten Zeit?

Vielleicht auch die „Ruhe vor dem Sturm“, weil nächste Woche das BVJ meiner Tochter anfängt, und wir nicht wissen, ob sie diese Schwelle übertreten können wird?

Es überkommt mich. Ich bin so extrem dünnhäutig, dass ich mich frage, ob das tatsächlich am Alter liegt, dass man immer empfindlicher wird.

Wobei das tatsächliche Alter auf dem Papier mir selbst nie was bedeutet hat. Ich fühle mich manchmal bei meinem ältesten Sohn und seinen Kumpels richtig wohl, ich geh noch total gerne weg, kann laute Musik, viele Leute, mal den einen oder anderen Drink (auch mal den einen anderen zu viel) genießen, und es geht mir gut dabei.

Dann aber holt mich die Realität wieder ein. Nicht nur, dass ich längere Erholungspausen brauche, sondern auch, dass ich mich nicht wirklich mit meinen körperlichen Befindlichkeiten anfreunden möchte, die u.a. so eine Autoimmunerkrankung mit sich bringt, mit allen Begleiterscheinungen die halt so mit dran hängen. Und ich fühle mich wie achtzig und seh‘ mich schon mit einem Bein in der Grube stehen.

Und schon werde ich wieder wütend. Wütend, dass ich nicht mehr so kann, wie ich gerne wollte, wie ich es von früher gewohnt bin…

Und dann klingelt das Telefon, eine Nummer, die ich schon öfter als „aufdringliche Werbung“ ergoogelt hatte, wird angezeigt. Ich geh‘ nicht ran, sonst würde die Person am anderen Ende einen Gehörsturz erleiden müssen.

Aggressionen – ich – das Harmonie bedürftigste Menschlein weit und breit – nein, so was gehört sich nicht. Böse böse.

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Eine Antwort zu Über was man als Frau nicht spricht – Aggressionen

  1. perfeclty me schreibt:

    Drücke dich mal Virtuell wenn du magst. Ich kenne das so gut.

    Gefällt 1 Person

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