Meine Familie hat’s schon nicht leicht

 

(Bitte überlegt Euch, ob Ihr das lesen wollt – es geht u.a. um Gewalterfahrungen)

Zur Zeit wage ich mich wieder ans Aufarbeiten.

Meine Wahrnehmung wird wieder klarer, was ich tatsächlich auf die Tabletten schiebe. Meine Gedanken sind nicht mehr so durcheinander und vernebelt, meine Aufmerksamkeit ist wieder lenkbarer, ich bin nicht mehr so fahrig und ständig auf 180 und gleichzeitig völlig erschöpft. Auch scheint mein Schlaf erholsamer zu werden, denn ich bin morgens besser drauf und es fühlt sich ausgeruhter an, wenn ich in den Tag starte. Das finde ich richtig gut, und ich bin gespannt, wie sich das weiter entwickelt. Ziel ist ja, meine Angstzustände und Panikattacken in den Griff zu bekommen.

Gestern hatte ich wieder mal ein sehr intensives Gespräch mit meinem Bruder (eigentlich Halbbruder, er hat eine andere Mutter, kam mit neun Jahren kurz nach meiner Geburt zu uns).

Bei mir immer wieder Thema: Geräusche-Trigger. Manche kennen das von Gerüchen, die sie an bestimmte Situationen oder Erlebnisse erinnern, bei mir sind es eben Geräusche. Und ich bin ohnehin sehr Außenreiz empfindlich.

Eines, bei dem ich immer noch ganz automatisch den Kopf einziehe, ist das Öffnen und Schließen unserer Wohnungstür, wenn jemand von uns rein kommt. Bei meinem großen Sohn überhaupt nicht, aber der ist auch sehr ruhig, sehr gemütlich, Hektik kommt in seinem Leben nicht vor. Bei meinem Mann sieht das schon anders aus. Wenn er rein kommt, geht er erstmal durch den Flur, guckt ins Wohnzimmer oder in die Küche, wo ich gerade bin, um Hallo zu sagen, geht dann wieder zurück zur Garderobe um sich Schuhe und Jacke auszuziehen. Und ich hasse das! Kann er das nicht umgekehrt machen? Ich hatte ihn schon öfter darum gebeten, eigentlich eher aus dem Grund, weil es mir logischer erscheint, sich zuerst der Schuhe und Jacke zu entledigen, bevor man durch die halbe Wohnung latscht, aber es ist ihm halt wichtiger, mich zu begrüßen. Er denkt sich ja auch nichts dabei, ist nett gemeint.

Oder aber mein Jüngster: Er stürmt oft rein, macht die Wohnungstür recht schwungvoll zu, weil er dringend pinkeln muss. Verständlich… Aber für mich die Hölle. Und ich habe das lange nicht realisiert. Es fühlte sich nur grausam und bedrückend an.

Und nun kommen die Bilder dazu: Unser Vater. Wenn dem mal wieder eine Laus über die Leber gelaufen war, oder er meinte, mein Bruder hätte mal wieder Scheiße gebaut, oder aus einem völlig unersichtlichen Grund, betrat er mit einer übermächtigen Energie die Wohnung, zog Schuhe und Jacke aus (noch ein Geräusch, was mich nervös macht: Jackenreißverschlüsse, und Menschen hinter mir), und rauschte wie eine Dampfwalze geradeaus durch ins Zimmer meines Bruders, wenn ich im Weg stand, schubste er mich halt auf die Seite, schloss die Tür, und es ging los. Prügel, Schreien, Rumpeln…

Ich kann mich nicht so genau erinnern, wo meine Mutter immer währenddessen war. Ich weiß nur, ich hielt die Luft an, somit auch die Zeit, und irgendwann war es vorbei. Heute weiß ich, dass meine Mutter es nicht gewagt hat, dazwischen zu gehen. Was hätte sie diesem Mann auch entgegenzusetzen gehabt. Sie selbst hatte zuvor eine furchtbare Ehe hinter sich.

Meine Erinnerungen, die jetzt als solche immer deutlicher erkennbar werden, hatte ich früher für Träume oder Fantasien gehalten. Ich kann es auch noch nicht wirklich unterscheiden, welche Bilder der Wahrheit entsprechen, aber in Gesprächen mit meinem Bruder frage ich ihn einfach. So wurde mir nun auch bewusst, dass mein Bruder nicht der Einzige war, der von unserem Vater was abbekommen hat. Der Spruch „Ich leg dich übers Knie“ war nicht immer nur ein Spruch, er wurde auch hin und wieder in die Tat umgesetzt.

Ich konnte das nur nie mit meinen damaligen Gefühlen meinem Vater gegenüber vereinbaren. Ich war doch immer seine Prinzessin, er war doch immer mein Held, ich gab mir doch auch immer so viel Mühe, ihm zu gefallen, ihm zu genügen, wollte, dass er stolz auf mich ist und mich liebt. Das hat er sicher auch, aber meist nur dann gezeigt, wenn er vor Leuten mit mir angeben konnte. Ansonsten war ich ihm wohl eher lästig.

Das alles hörte dann auf, als es so richtig eskalierte, und mein Bruder sich ein Mal dagegen stellte. Ich hing an seiner Türklinke (die Tür zu öffnen wagte ich natürlich nicht), brüllte, meine Mutter tigerte hin und her (das war sonst wirklich nie so), bis sie sich ein Herz fasste, mich auf die Seite schob, ins Zimmer meines Bruders ging und schrie. Mein Bruder war kurz davor, unseren Vater mit einem Rest Holzbalken zu erschlagen. Vater stürzte aus dem Zimmer, wobei er mich an die Wand knallte, und verließ die Wohnung, mein Bruder schrie ihm hinterher, wenn er noch ein Mal einen von uns anfassen würde, bringe er ihn um. Da war er 17.

Vater kam ab da auch nur noch, wenn er sich vorher vergewisserte, dass mein Bruder nicht da war, aber seine Anwesenheit wurde ohnehin immer seltener.

Dass ich heute so davon berichten kann, habe ich meinem Mut zu verdanken, einen ungetrübten Blick auf mein Leben zu werfen. Immer nur kleine Bilderfetzen, und es werden noch viele kommen, aber ich WILL hinsehen. Ich muss.

Und so wird eine Wohnungstür wieder zur Wohnungstür, und ein Jackenreißverschluss einfach nur ein Jackenreißverschluss.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

10 Antworten zu Meine Familie hat’s schon nicht leicht

  1. aspiemom schreibt:

    ich gestehe: ich habe eine Gänsehaut. Meine Mutter hat sich nie dagegen gestellt, sie hat mitgeprügelt.

    Ich habe überlebt, wenngleich mit großen Narben, mit Flashbacks und Triggern. Wer mir sehr geholfen hat, das ist mein 2. Mann. Ich kann mit ihm über alles reden. Mein Therapeut ist ebenfalls eine sehr große Hilfe, PTBS ist eine weitere Diagnose in meiner Liste…

    Du bist stark! Du bist mutig!!! Du gehst Dein Leben jeden Tag weiter und ‚verkrümmelst‘ Dich nicht.
    Jede von uns hat ihre Einbrüche, die aber meiner Auffassung nach vollkommen normal sind, denn sie dienen (zumindest mir) der Verarbeitung. So habe ich heute kaum noch ’schwarze Löcher‘ in meiner Erinnerung.

    Bitte mach Dir jeden Tag aufs neue bewusst, dass Du unglaublich mutig und stark bist, denn sonst wärst Du schon lange zerbrochen.

    Gefällt 2 Personen

    • sinnesstille schreibt:

      Ich danke Dir! Mutig und stark, das musste ich mir selbst erst einmal glauben. Und ich hatte oft keine Lust mehr, stark zu sein. Aber aufgeben? Nein. Da kommt dann wieder eine Phase der Wut, und dann sag‘ ich mir „Jetzt erst recht!“
      Ich wünsche auch Dir alles Liebe, mit Deinen Lieben an Deiner Seite.

      Gefällt 2 Personen

  2. JanJan schreibt:

    Es ist gut, dass du darüber sprechen kannst und schreibst, es wird dir gut tun. Ich kenne solche Vorfälle leider zur Genüge, allerdings auch mit einer Stiefmutter, die mit geprügelt hat. Die Prinzessin war ich auch nicht, sondern das Arschlochkind, es dauert lange, bis man damit umgehen kann. Mein bester Therapeut ist mein Mann, der mein Leben sehr positiv beeinflusst hat.

    Gefällt 2 Personen

  3. Luise Kakadu schreibt:

    Als ich fertig gelesen hatte, entfuhr mir ein gesprochenes „Das klingt gut“ und ein empfundenes Umarmen.
    Der Schlußsatz unter all deinem Leben gefällt mir und ich wünsche dir weiterhin ein gutes Auge, Stärke, Liebe und Verständnis aus deinem Umfeld.

    Gefällt 1 Person

  4. perfeclty me schreibt:

    Ja sowas prägt einen …auch Unbewusst ❤

    Gefällt 1 Person

  5. Daniel Rehbein schreibt:

    Der Mensch hat eine Menge Selbstschutzmechanismen, die ihn solche Situation überleben lassen – was allerdings auch dazu führt, daß sich lange nichts ändert. Mir ist mal von Frauen, die sich in Frauenhäusern engagieren, erzählt worden, daß viele der dort nach Hilfe suchenden Frauen letztlich lieber zu ihrem gewalttätigen Ehemann zurückkehren als in eine ungewisse Zukunft in Freiheit zu starten.

    Der Mensch neigt wohl generell dazu, sich mit den Umständen zu arrangieren, selbst mit schlimmen Zuständen richtet er sich irgendwie ein, weil er mit dem Vertrauten besser klarkommt als mit dem Unbekannten. Und letztlich kann der Mensch sich dann immer einreden „Das ist doch gar nicht so schlimm“ oder, wenn er von Gewalt nicht direkt betroffen ist, „Ich habe davon doch gar nichts gemerkt“.

    In Deiner Erzählung gibt es allerdings eine Besonderheit: „Vater kam ab da auch nur noch, wenn er sich vorher vergewisserte, dass mein Bruder nicht da war“.

    Spätestens damit ist doch für alle Beteiligten offensichtlich, was all‘ die Jahre passiert ist. Da kann doch niemand mehr behaupten, er hätte nichts gemerkt, oder es sei nicht schlimm gewesen. Wenn Dein Vater sich explizit danach erkundigt, ob sein eigener Sohn auch sicher abwesend ist, ist das nicht mehr glaubwürdig zu ignorieren. Auch er selbst müsste doch spätestens mit dieser Frage sich eingestehen, was er die vielen Jahre getan hat.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s