Zulassen

 

 

Welch seltsames Wort, wenn man eigentlich über „sich öffnen“ schreiben möchte.

In der Bedeutungsübersicht steht:

1. nichts unternehmen, um etwas Bestimmtes zu verhindern; geschehen lassen; dulden; tolerieren“

Das hat für mich etwas von unfreiwilliger Passivität. „Dulden – tolerieren – ausgeliefert sein?“ Das hatte ich in meinem Leben mehr als genug! Somit sind diese Wörter in erster Linie negativ behaftet.

Aber ich wäre ja nicht ich, wenn ich mich damit zufrieden geben würde. Wörter sind Wörter. Es wird doch möglich sein, die Wirkung zu verändern!?

2. jemandem zu etwas Zugang gewähren; […]

3. die Möglichkeit zu etwas geben; ermöglichen, gestatten“

Das klingt schon sanfter, und vor allem nach einer bewussten Entscheidung.

Gefühle – Wahrnehmungen – Empfindungen

Bereits als Kinder werden wir ab einem gewissen Alter schon ziemlich manipuliert. „Ab einem gewissen Alter“ deshalb, weil wir – mit etwas Glück – in den ersten Lebenswochen, -monaten, oder auch -jahren liebevoll umsorgt werden. Wenn ein Baby weint oder schreit, wird nach der Ursache geforscht, den Eltern ist automatisch klar, dass sie sich darum kümmern müssen: Windel voll? Durst/ Hunger? Müde? Bauchschmerzen? Man ist um das kleine Menschlein bemüht und möchte dessen Gefühlswelt wieder ins Gleichgewicht bringen.

Aber ab wann hört das auf?

Und warum?

Was antworten Erwachsene auf Dinge wie

Ich habe Angst!“

– „Brauchst doch keine Angst haben!“

Das tut mir weh!“

– „Das kann doch gar nicht weh tun!“

Ich will das nicht!“

– „Stell dich nicht so an!“

Ich kann das nicht!“

– „Gib dir halt mehr Mühe!“

Ich bin sauer!“

– „Gibt keinen Grund, sauer zu sein!“

usw.

Was lernen wir daraus?

Unsere Gefühle entsprechen nicht der Wahrheit?

Wessen Wahrheit?

Sie sind falsch, nicht echt, übertrieben, unangebracht,…

Wir werden verunsichert, und letztendlich verdrängen wir unsere (!) Wahrheit.

Unser persönliches Innen scheint nicht ernst genommen, nicht für wichtig erachtet zu werden. Und irgendwann, bei dem Einen früher, beim Anderen später, kommt der große Knall. Wir werden krank. Physisch und psychisch.

Und selbst dann reden wir uns ein: „Ist nicht so schlimm – das wird schon wieder“.

Ich will das nicht mehr.

Ich hab’s satt.

Wieder so ein Wort: „Satt“.

Übersättigt von Heucheleien und Unterdrückung meines eigenen Ichs.

Ich „gewähre meinem Verstand Zugang zu meinen Empfindungen“.

Und so entsteht ein Dialog. Viel zu lange aufgeschoben komme ich mit meinem Fühlen ins Gespräch:

Herzrasen, Zittern, Schwindel…

Hallo, schön, dass ihr da seid! Was wollt ihr mir sagen?“

– „Angst! Angst, da raus zu gehen und etwas falsch zu machen, oder vor einem Problem zu stehen, welches nicht lösbar erscheint!“

Und so sprach ich mit meinem Mann. Er hörte mir zu. Er nahm mich wahr und er nahm mich ernst. Und ich hatte keine Angst, mich lächerlich zu machen oder wieder einmal nicht gehört zu werden. Er stimmte mir sogar zu, dass ihm das schon aufgefallen sei. Eigentlich aus einem unfreiwilligen Experiment heraus. Ich nahm zwei Tage meine Tabletten nicht, weil ich seltsame Kopfschmerzen hatte. Sie waren dann weg, alles war ok, und so wollte ich das Medikament wieder weiter nehmen, aber ich hatte es vergessen. Und am Tag danach lief ich beinahe Amok. Ich vibrierte, war gereizt, völlig überdreht, gleichzeitig verzweifelt… Und auch diese Gefühle fasste ich in Worte zusammen und knallte sie meinem Mann um die Ohren. Wie habe ich das nur all die Jahre ausgehalten? Auch hier hörte mein Mann wieder geduldig zu. Er war ganz bei mir.

Und was ist passiert? Er bot mir Hilfe an: „Dann gib mir Bescheid, ich werde dich begleiten. Wenn es dir hilft, dich an mir festzuhalten!?“

Festhalten.

Oh ja, bitte!

Festhalten – um schließlich und endlich los-zu-lassen.

zu-lassen.

zulassen.

 

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Zulassen

  1. JanJan schreibt:

    Es ist immer wieder so ein wundervolles Gefühl einen solchen Menschen an der Seite haben zu dürfen. Ich bin auch sehr dankbar dafür einen solchen Mann zu haben, der zuhört, mich ernst nimmt in jeder Situation, da ist und nachdenkt ❤

    Gefällt 1 Person

  2. perfeclty me schreibt:

    Schönen Gruß an deinem Mann…Er ist toll, dass gibt es selten

    Gefällt 1 Person

  3. Mind Comedy schreibt:

    Das passt so schön, dankesehr.
    Schön das ich grade auf diesen Beitrag gestoßen bin, liebe Grüße Dir!!!

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s