Mutter-Tochter-Gespann

 

oder

mit Hilfe auf neuen Wegen

Wie zum letzten Mal hier angedeutet, war die BvB ein „Schuss in den Ofen“, meine Tochter hätte sich das Ganze sparen können. Seit der letzten Krankmeldung haben wir von denen auch nichts mehr gehört. Absolut durchgefallen.

In den Sommerferien hat sich meine Tochter dann in einer Förder-Berufsschule angemeldet für ein BerufsVorbereitungsJahr im Bereich Textiltechtnik, mit dem Plan, danach eine Ausbildung zur Maßschneiderin zu machen.

Die Ferien selbst waren richtig angenehm, ruhig, kein Stress… Dennoch bemerkte man die innere Anspannung, die meine Tochter beschäftigte, über das BVJ wollte sie nicht sprechen.

12. September, erster Tag:

Anziehen, alles zusammen packen, und los.

Wir waren eine gute halbe Stunde mit U-Bahnen unterwegs, der letzte Fußweg ist dann nur noch etwa fünf Minuten. Viele Jugendliche gingen in die selbe Richtung, manche in Gruppen, laut und gut drauf, manche schauten blöd und ließen sich zu *ich bin wichtig*-Sprüchen hinreißen, manche gingen allein. Da kam das erste Mal von meiner Tochter „Ich möchte wieder heim“. Innerlich schnaufte ich nur tief durch, und hoffte, das würde sich geben, allerdings hatten wir von Anfang an ausgemacht: Es ist ein Versuch. Wenn es geht, ist es gut, wenn es nicht geht, ist es genauso in Ordnung. Wir werden sehen.

Das Schulgebäude ist riesig. Es gibt viele Angebote, sei es als Ausbildung oder als BVJ in unterschiedlichen Berufsrichtungen. Dementsprechend war das Aufkommen ganzer Schüler-Fluten. Unbeirrt aber marschierte meine Tochter mit mir durch, wir suchten ihre Räume, die wir vor den Ferien bereits besuchen durften, fanden diese auch ganz gut… Aber ab da war vorbei. Meine Tochter wollte wieder gehen. Sofort. Die ersten Tränen liefen ihr über die Wangen. Ich bat sie, wenigstens auf die Lehrerinnen zu warten (es sind für diese Klasse drei), damit ich mit ihnen darüber sprechen konnte. Die Klassenlehrerin kam auch bald, eine Kollegin hinterher, und ich erklärte ihnen den Zustand meiner Tochter. Sie kamen mit zu ihr vor die Tür, sagten, wir sollen doch ums Eck zu den Stühlen gehen, was sicher angenehmer sei als mitten im Flur, wo andere Schüler vorbei kämen. Dort beruhigte sich meine Tochter etwas, und irgendwie schaffte ich es, sie dazu zu motivieren, wenigstens für eine Stunde mit rein zu kommen, denn ich wollte mir gerne den Ablauf anhören, und alles, was Lehrer halt so an einem ersten Schultag erzählen.

Außer meiner Tochter waren an diesem ersten Tag nur zwei Mitschülerinnen anwesend, insgesamt sollten es in der Klasse sechs sein. Meine Tochter saß an einem leeren Tisch hinter uns, abgewandt, schweigend. Die Lehrerinnen stellten sich und ihren Unterricht vor, füllten uns mit Informationen, ließen meine Tochter völlig in Ruhe. Die Zeit verging doch recht schnell, plötzlich waren zweieinhalb Schulstunden vorbei, als ich es hinter mir vibrieren spürte. Ich brachte meine Tochter zu den Stühlen vor die Tür, und erklärte dann, was los war. Ich bekam absolutes Verständnis, fast schon Mitleid, die Damen fragten nach, auf was sie sonst bei meiner Tochter zu beachten hatten, und wir wollten sehen, wie und ob es weiter gehen könnte. So verabschiedete ich mich, nicht wissend, ob wir überhaupt je wieder kommen würden.

Am zweiten und dritten Tag stand meine Tochter morgens nicht mehr auf. Von der Klassenlehrerin hatte ich extra die Handynummer bekommen und wir tauschten uns aus. Am vierten Tag zog sich meine Tochter an, und als ich vom Rauchen wieder rein kam, stand sie in ihrer Tür und dotzte mit ihrem Kopf immer wieder gegen den Türrahmen, die Tränen liefen… Und da sagte ich: „Schluss. Hier ist Ende“, brachte sie zu ihrem Bett und wir setzten uns.

Sie heult richtig los, machte sich wieder völlig fertig, dass sie wieder mal als Versagerin da stehe, was ich ihr sofort ausredete, denn wir hatten eine Abmachung: Wenn es nicht geht, überlegen wir uns einen anderen Weg. Ich lass nie wieder zu, dass sie sich irgendwie quält. Schei* auf die Schulpflicht oder sonst was, wir kriegen das schon hin.

Ich bat die Klassenlehrerin per WhatsApp um Rückruf, und wir hatten ein wunderbares Gespräch. Sie werden die Anmeldung erst einmal bestehen lassen, falls meine Tochter nochmal kommen kann und möchte, auch, um einfach für eine Stunde anwesend zu sein, wir lassen es mal offen, und ich solle mich melden, wenn irgendwas ist, und wenn meine Tochter den Termin bei meiner Psychiaterin hinter sich hat.

Letzte Woche war dann der Termin. Ich war aufgeregt, ob meine Tochter mit ihr reden würde, denn sie hat schon einige unbefriedigende Termine mit „Fachleuten“ hinter sich, Vertrauen war gleich Null. Zuerst sprach ich fünf Minuten mit meiner Psych, dann ging ich raus und meine Tochter rein. Allein. Am Ende wurde ich nochmal dazu geholt, und… Was soll ich sagen!?

Diese Frau ist so fantastisch, ich könnte heulen. Sie sagte ganz klar, dass diese PTBS bzgl. Schule, Mobbing, usw. ein Langzeitprojekt wird. Es fing so früh an, und im Verhältnis zu ihrem jungen Alter ging es so lange, das ist nicht mal eben in drei vier Monaten rum. Wir sollen alles andere aus dem Kopf streichen, selbst das äußerst nett gemeinte Angebot der Berufsschule, denn unterbewusst macht man sich doch ein bisschen Druck, wenn es ein bisschen besser geht, möchte man vielleicht doch versuchen… Nein. Meine Tochter muss erst einmal heilen. Nichts anderes. Sie soll schlafen, wenn sie kann, das machen, was ihr gut tut, sich Ruhe gönnen, wenn sie es braucht, aber sich auch mal erlauben, sich schlecht zu fühlen, denn das gehört genauso dazu.

Und überhaupt: Was sollte von der KJP die Empfehlung oder besser gesagt das Drängen auf eine Verhaltenstherapie? Wenn sie mal so was wie ein Autisten-Coaching möchte, dann ok. Aber wegen des Traumas? Auch schüttelte sie äußerst betroffen den Kopf, als ich ihr ein bisschen was von den früheren Lehrern erzählte, die meiner Tochter zeigten, dass selbst ich als Mutter nicht helfen kann, ich doch „nicht so viel Wind um die Sache“ machen sollte…

Sie hatte mit ihr über das selbe Medikament gesprochen, wie ich es nehme, und zum ersten Mal lehnte meine Tochter nicht gleich alles ab. Überhaupt, dass sie mit ihr geredet hat, gleicht schon beinahe einem Ritterschlag. In einem Monat haben wir beide wieder einen Termin, den wir uns teilen, denn vieles, was meine Tochter und mich betrifft, greift ineinander, und so können wir jedes Mal entscheiden, wie lange wir einzeln oder vielleicht auch mal gemeinsam mit der Psych sprechen wollen.

Sie macht dann auch für den Behördenkram was fertig, denn die Schulpflicht kann aufgrund eines solchen Härtefalls ausgesetzt werden. (Hatten wir ja direkt nach der Schule schon mal.)

Und wieder einmal bekomme ich von meiner Tochter gezeigt, wie sehr sie mir vertraut. Sie ist entspannter, offener, und sie plant wieder Freizeitprojekte, schimpft nur hin und wieder über ihre Antriebslosigkeit, nur um dann wieder stundenlang an der Nähmaschine zu sitzen. Sie kämpft noch wegen ihres verdrehten Tag-Nacht-Rhythmus, aber das hatten wir immer wieder mal. Sie fragt mich, wie es mir geht (ich hatte vorletzte Woche eine ordentliche Panikattacke), und ob sie mir was Gutes tun kann. Mit dem Medikament geht es ihr wie mir: Es liegt vor ihr, aber so ganz traut sie sich noch nicht. Bei mir hat das einen Monat gedauert, wie sie das handhabt, überlasse ich ihr. Wir reden viel. Und das Beste: Ja, zu dieser Psychiaterin wird sie wieder gehen.

Ich bin sehr erleichtert, dass wir eine solch starke Person hinter uns haben, die Verständnis zeigt, und uns unterstützen wird.

Andererseits falle ich immer wieder in tiefste Trauer, wenn ich mir ansehe, wie vielen Kindern und Jugendlichen es ähnlich geht und ging, wie kaputt sie schon in so jungen Jahren sind, und welch tolle Persönlichkeiten uns verloren gehen.

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4 Antworten zu Mutter-Tochter-Gespann

  1. JanJan schreibt:

    Wow du bist echt Klasse! Wie du hinter deiner Tochter stehst, sie unterstützt und vor allem zu nichts zwingen willst… Super. So eine Mutter hätte ich auch gerne gehabt.

    Gefällt 2 Personen

  2. perfeclty me schreibt:

    Oh super das ihr jetzt eine gute Psychiaterin habt. Es geht voran. ❤

    Gefällt 1 Person

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