Gedanken zu Weihnachten 2016 – Gastbeitrag

 

 

Die Weihnachtszeit soll traditionell die Möglichkeit zur Besinnung bieten. Und

schließlich ist Weihnachten – gemäß einem johanneischen Gedanken – das Fest

des Lichtes, das über die Dunkelheit siegt. Das Fest der Hoffnung wohl auch, die

über die Verzagtheit und Verbitterung, dem geistig-emotionalen Absterben siegt

bzw. siegen will. Wir blicken auf ein schwieriges, zum Teil regelrecht absurdes Jahr

zurück. Uns erreichen ernüchternde Informationen, zum Teil weiß man nicht

recht, wem man glauben soll. Der Glaube an den Menschen als Vernunftwesen

und als Wesen der Liebe ist auf die Probe gestellt. Ich verstehe, dass der Blick oft

trüb wird, auch mein eigener, aber gut ist das nicht. Da ist dieser Strohkopf

Trump, da ist der unübersichtliche Krieg in Syrien, da sind die Attentate und ihre

therapiebedürftigen Täter. Da sind die Strohköpfe der Populisten, die

Flüchtlingsdebatten, Frustbürger, die ihre Sündenböcke brauchen,

ideologieverseuchte Meinungsgeneratoren auf facebook, neben der Information,

dass Söder eine Wurstsemmel ist, Verzeihung, Tippfehler: isst, neben Pokemons

und Panikclowns. Da ist die Notwendigkeit des mühevollen Ordnens und

Abwägens. Oder auch einfach Ignorierens. Da ist übrigens auch das zweifelhafte

C“ im Namen zweier deutscher Parteien. Mehr denn je ist es, denke ich, an der

Zeit, über das Wort „christlich“ und „religiös“ nachzudenken – und zwar ideologie-

und ressentimentfrei, offen und ehrlich.

Es ist eine Zeit, in der wir – bewusst oder unbewusst und vielleicht mehr denn je –

nach einer geistig-emotionalen Heimat, einer inneren Identität suchen. Mir

jedenfalls geht es so. Da ist kein Fußballclub, kein Nationalitätsgefühl und auch

kein Pokemon, das mir das geben kann, was ich eigentlich brauche. Zwar

vermisse ich manchmal ein Wirgefühl, doch zum Glück war mir jedes FC-Bayern-

Fahnen schwenken, jedes plumpe „Mia san mia“ fremd seitdem ich denken kann.

Wir – das sind doch „wir Menschen, das Ich-und-Du, meinetwegen auch: „wir

Lebewesen“. Vielleicht mag es stimmen, dass wir in einer Zeit leben, in der wie

noch nie in der Geschichte zuvor unglaubliche Chancen wie unglaubliche Risiken

so nahe beieinanderliegen.

Nun ist wieder Weihnachten – auch genannt das Fest der Freude. Neben das

gaudete“ gesellt sich aber mitunter gerne ein zynisches „Na dann Prost!“.

Haben wir verlernt, uns wirklich zu freuen? Was macht eine Feier zur Feier? Und:

Können wir noch Staunen? Der Kabarettist Dieter Nuhr stellte diese Frage in

seinem Jahresrückblick 2016. Sie trifft mitten ins Mark.

Schon Anfang Advent stelle ich mir wieder mit gemischten Gefühlen die Frage, ob

ich meine Wohnung etwas schmücken soll oder nicht. Die frühen Schokonikolaus-

Regale bei REWE haben mich eher wütend gemacht. Ebenso die touristischen

Weihnachtsbuden in der Innenstadt. Wie dem eigenen Inneren noch Ausdruck

verleihen? Und für wen sollte ich überhaupt dekorieren? Nur „weil man das so

macht“ ist mir zuwenig. Es ganz lassen? Da würde doch auch wieder was fehlen.

Irgendwie doch dabeisein. Nach einiger Zeit dann ein paar Zweige, zwei drei

Kerzen. Ein schaler Kompromiss? Das aufgesetzte Santa-Claus-Gebimmel in den

Städten jedenfalls stimmt mich bestenfalls melancholisch, und wenn im Radio

das immerwährende „Last Christmas“ läuft, kommt mir der Brechreiz.

Durchhalten, auf die eigene Wahrnehmung achten. Humor wäre heilsam. Ein

Strohstern löst Sentimentalität aus, besonders, wenn er geschenkt ist. Wie schön

und unbefangen war es in der Kindheit! Durchatmen.

 

Draußen läuten Kirchenglocken. Ich mag das. Auch wenn sie mich an eine innere

Verwundung erinnern. Soll ich mal wieder in einen Gottesdienst gehen? Ich bin

weder ein frommer Kirchgänger, der motorisch ein beige-graues Halleluja

mitvollzieht, noch Atheist. Auf dem Papier jedenfalls steht „römisch-katholisch“…

Katholos, dem genauen, gereinigten Wortsinne nach, oder gar nichts! So entfährt

es mir. Eine Universalität leben, die der Alterität und Individualität gerecht wird.

Die der Freiheit des Glaubens (im zweifachen Sinne) gerecht wird, ohne

gleichgültig zu werden, Hand in Hand mit Vernunftgründen und Mitgefühl.

Religiosität muss authentisch sein, in der persönlichen Erfahrung wurzeln, oder

sie wird absterben. Sie muss das sein, was sie ursprünglich ist: Garant der

Menschlichkeit, Christbaumkugel hin oder her. Einfach ist das alles nicht, weder

theoretisch noch praktisch, aber es ist der einzig sinnvolle Weg.

Wir müssen lernen, besser auf uns selbst zu hören. Wo sonst zeigt sich die

Stimme Gottes, wenn nicht im eigenen Selbstsein? Doch sind wir, paradoxal

ausgedrückt, selbst oft zu laut, um auf unser Inneres zu hören. Wir müssen auch

lernen, zwischen den Geistern zu unterscheiden: Was kommt wahrhaft von Innen,

was kommt nur „von Außen“? Nur wenn ich lerne, gut bei mir zu sein, kann ich

auch gut beim Anderen sein. Freilich erleben wir auf diesem Weg erst einmal das

Wegbrechen herkömmlicher Identifikationsmuster. Das kann sehr hart sein. Ich

bin… ich bin… – Deutscher? Europäer? Syrer? Muslim? Hindu?

Modelleisenbahnliebhaber? Brötchenverkäufer? Wir Bayern, Sachsen, Hipster und

Hells Angels. Alles schön und gut und ernst zu nehmen. Vielleicht gilt auch: Wir,

die wir vielleicht irgendwie ein bisschen was von allem sind. Aber erst einmal:

Wir, die wir eben sind, unterwegs zu uns selbst.

Wir sind, jeder in unverwechselbarer Weise. Und das ist gut so.

Nun muss ich noch ein paar Weihnachtsgrüße versenden – möglichst nicht aus

der Retorte. Und ich habe vor wenigstens der freundlichen Apothekerin von

gegenüber noch eine meiner selbstgemachten Karten zu bringen. „Gaudete“…

Klar, es ist nicht leicht. Denken wir an die Menschen aus Aleppo, an die, die von

schlimmen Leid betroffen sind. Nicht nur, um bloß so unsere Schuldigkeit zu tun,

nicht aus einer schizophrenen Pseudomoral heraus, um dann gut dazustehen.

Vielleicht zünden wir, zwar hilflos, aber ehrlich und echt, nicht aus falschem,

äußerlichem Pflichtbewusstsein heraus für jemanden eine Kerze an.

In diesem Sinne und trotz allem: Ich wünsche mir und allen – bekannt oder

unbekannt – Besinnlichkeit, die Fähigkeit zu mehr Demut und Dankbarkeit und

nicht zuletzt etwas mehr (echte) Freude. Lassen wir uns ein gutes Essen

schmecken, ohne Rücksicht auf den kursierenden Gesundheitswahn! Vielleicht

sind wir dabei ja auch gastlich, denn auch das ist wahr: Gastlichkeit und

Menschlichkeit – das gehört untrennbar zusammen.

Frohe Weihnachten!

Alexander Förster

___________________________

Der Autor studierte Philosophie an der jesuitischen Hochschule in München, lebt

und arbeitet eben da als bildender Künstler und freier Lektor.

 

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Eine Antwort zu Gedanken zu Weihnachten 2016 – Gastbeitrag

  1. Zarinka schreibt:

    „das Fest des Lichtes, das über die Dunkelheit siegt.“

    http://www.information-manufaktur.de/was-ist-der-ursprung-von-weihnachten-warum-feiern-wir-weihnachten/

    „Der Ursprung von Weihnachten reicht bis in die frühe Zeit zurück und hat seine Wurzeln in Babylon. Der 25. Dezember war schon in vorchristlicher Zeit in vielen Kulturen ein wichtiges Datum, da an diesem Tag, das Fest der Wintersonnenwende (25. Dezember nach dem Julianischen Kalender, 6. Januar nach dem ägyptischen Kalender) gefeiert wurde.“

    „Es ganz lassen? Da würde doch auch wieder was fehlen.“

    Und was genau würde einem da nun fehlen?

    Wir feiern schon seit sehr vielen Jahren keine Weihnachten mehr, und uns fehlt überhaupt nichts.

    Geschenke haben wir uns und unseren Kindern dennoch hin und wieder gemacht, dafür braucht es bei uns keine Weihnachten.

    Die Menschen wünschen sich zwar stets in vielen Dingen und Angelegenheiten frei zu sein…aber sich von Weihnachten zu befreien schaffen anscheinend nur sehr wenige.

    Da mein Mann zur Zeit (wegen eines Unfalls) ein Pflegefall ist,
    ist mir das Zusammensein und die unterstützende Hilfe meiner Familie kostbarer und wertvoller, als ein Fest dessen eigentlicher Ursprung ein ganz anderer ist als man uns heute immer weismachen will…mit Christi Geburt hat es auf jeden Fall nichts zu tun, denn darüber sagt die Bibel mit keinem Wort etwas.

    So jetzt meine persönliche Meinung zum Weihnachtsfest, darüber zu urteilen steht mir nicht zu…letztendlich muss natürlich jeder Mensch selbst wissen wie er diese Zeit verbringen möchte.

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