Wie ABA uns hätte helfen können

 

Vermutlich halten jetzt viele von Euch, die über diese Überschrift stolpern, die Luft an. Dies ist beabsichtigt. Denn leider gewinne ich immer mehr den Eindruck, dass es „brüllende“ Titel braucht, um Aufmerksamkeit zu bekommen.

Ich habe aufgrund des gestrigen Blogs von dasfotobus äußerst unruhig geschlafen. Wenn ich nachts mal anfange zu schwitzen, muss es in der Tat ziemlich heftig gewesen sein. Morgens bin ich kurz vor dem Wecker mit recht hohem Puls aufgewacht, und in meinem Kopf war bereits das Grundgerüst des Textes, den ich hier nun schreibe, fertig. Mal sehen, was meine Finger so in die Tastatur hacken.

Ich beginne nochmal ganz am Anfang, als das Leben meiner Tochter begann. Ich entschuldige mich schon jetzt dafür, dass es sicher sehr lang wird, aber ich muss es ausführlich machen. Weil ich nichts beschönigen will.

Also, meine Tochter am ersten Lebenstag: Ein Mal tief Luft holen und schreien. Gesundes Mädchen, alles dran, fit… Ab an die „Milchbar“. Klappt. Super. Nach ein paar Stunden Schlaf meinerseits, während meine Tochter im Säuglingszimmer untergebracht war, kam wieder dieses schreiende Bündel ins Zimmer geschoben. Die Schwester kommentierte nur: „Wir haben alles versucht. Hat nichts gebracht. Mit der werden Sie noch Ihre Freude haben.“ Sprach’s und verschwand wieder so schnell wie sie gekommen war. Ich legte meine Tochter wieder an, sie war damit zufrieden, wir dösten beide dabei ein. Kurze Zeit später wachte ich von ihrem Schreien wieder auf, sie ließ sich nicht wirklich beruhigen, ich wickelte sie, machte sie frisch, trug sie ein wenig umher, wobei sie sich hier schon mit ihrem Ärmchen wegdrückte. Auch beim Stillen im Arm konnte sie sich nicht entspannen. Also legten wir uns zusammen ins Bett, so dass ich sie seitlich nur stützen musste, damit sie nicht nach hinten weg kugelte beim Trinken. So schliefen wir wieder ein. Ich wachte wieder auf, sie schrie. Ich konnte machen was ich wollte, sie schrie. Sie ins Babybettchen legen, um mal auf Toilette zu gehen, löste Schreien aus. Schlief sie an meiner Brust ein, wachte sie auf, sobald ich mich von ihr weg bewegte, oder es gar wagte, sie ins Bettchen zu legen. Und sie schrie wieder. Am dritten Tag verließ ich die Klinik. Ich konnte ja nicht mal duschen gehen, die Schwestern wollten meine Tochter nicht betreuen.

Zu Hause erwartete mich mein Alltag mit meinem damals fast fünfjährigen Sohn und meinem jetzigen Mann. Körperlich ging es mir so weit ganz gut, nur machte sich der Schlafmangel bemerkbar. Denn was sich auch weiterhin nicht änderte, waren die kurzen Schlafphasen meiner Tochter, welche sich nur beim Stillen einleiten ließen, und bei jeder noch so kleinen Bewegung endeten. Hin und wieder gelang es mir, für etwa 20 Minuten meinen Bedürfnissen nachzugehen. Was wenigstens einigermaßen machbar war, waren die Wege zum Kindergarten. Zumindest anfangs. Eine völlige Hysterie stellte sich ein, wenn ich meine Tochter zum Baden komplett entkleidete. Sie riss ihre Ärmchen weit auseinander und stemmte sich ins Hohlkreuz. Auch das Baden selbst konnte sie nicht genießen. Nichts von wegen „Im Wasser fühlen sich Babys wohl“. Ich lernte, mein Kind während des Stillens auszuziehen. Ich lernte, während des Stillens mit ihr an meiner Brust in die große Wanne zu steigen, uns beide zu waschen, zu trocknen, anzuziehen, wieder hinzulegen. Ich lernte, während des Stillens meine Hausarbeit zu machen. Ich lernte, während des Stillens mit meinem Sohn zu spielen. Alternativen gab es nur eine: Meine Tochter abzulegen und brüllen zu lassen. Nur kurze Momente in den ersten Monaten war sie ruhig und betrachtete die Umgebung. Dabei fiel auf, dass sie sehr auf Farben, hauptsächlich gelb, reagierte. Gesichter, Lächeln, Ansprache lösten entweder gar nichts, oder wieder Schreien aus.

Wochen und Monate vergingen. Meine Tochter lernte alles sehr schnell: Drehen, Krabbeln, Hinsetzen, Aufstehen… Aber auch hier nicht ohne Schreien, so lange ihr etwas nicht gelingen wollte. Schaffte sie ihr Vorhaben, war sie zufrieden. Beschäftigen konnte sie sich mit allem Möglichen, was ihr gerade gelegen kam. Offen gestanden hatte ich selbst gar nicht das Bedürfnis, mich oft zu ihr zu setzen um etwas mit ihr gemeinsam zu tun. Sie schien mit sich selbst glücklich und versank in ihrer Tätigkeit. Jede Minute, die sie mir damit Ruhe gönnte, saugte ich in mich auf. Aber wehe wenn etwas nicht so war wie sie es wollte! Das Schreien hörte weiterhin nicht auf, obwohl sie schon recht früh Worte plapperte, und alles verstand, was man sagte, nutzte sie die Sprache nicht. Und ihre permanente Unzufriedenheit konnte ich nicht verstehen. Sie hatte doch alles, was ein Kinderherz begehrt!? Sie konnte sich aussuchen, mit was sie spielt, wir hatten von allem ein wenig Auswahl, aber nicht zu viel. Sie durfte essen, was ihr schmeckte, auch hier von allem ein bisschen, aber nie außergewöhnlich viel, sie durfte auch mal den ganzen Tag im Schlafanzug rum laufen, ich war immer bemüht, sie zufrieden zu stellen. Aber es schien mir nie wirklich zu gelingen. Zu ihrem Schreien kam Werfen von Gegenständen dazu, alles in unmittelbarer Nähe war gefährdet, sie rannte mit dem Kopf gegen das Gitterbett oder die Schranktür, sie schrie bis sie sich übergab, oder Nasenbluten bekam… Schlafen? Naja, ihre typischen 20 – 30 Minuten. Wenn sie ausnahmsweise mal länger schlief, wachte ich von der nächtlichen Ruhe auf. Ihr Angebote machen? Mit ihr etwas unternehmen? Schwer. Zumindest musste man jeder Zeit mit der nächsten Schreiattacke rechnen.

Zeitraffer:

Nach zweieinhalb Jahren hatte ich meinen ersten Nervenzusammenbruch. Inzwischen war auch unser jüngster Sohn auf der Welt, wodurch sich aber nichts änderte. Mit dreieinhalb Jahren kam sie in den Kindergarten. Ähnliches Bild: Durfte sie sich mit dem beschäftigen, was sie wollte, war alles gut. Hin und wieder lief sie auch mit der Gruppe mit, versuchte sich anzuschließen, war allerdings sehr ungeschickt in der Kontaktaufnahme. Man schlägt einem anderen Kind halt nicht auf den Rücken und lacht dabei laut. Aufforderungen nachkommen gelang ihr schwer. Was überraschend gut funktionierte waren feste Zeiten für morgendliche Brotzeit, Mittagessen, Mittagsschlaf. Dazwischen, egal ob angeleitete Aktionen oder Freispiel, konnte alles und immer passieren. Als sie vier war, hatte ich meinen zweiten Nervenzusammenbruch. Zu dieser Zeit kam es mit der Erzieherin dann auch zu einem Gespräch. Ich habe heute noch Kontakt zu ihr. Sie machte mir Mut, dieses eigentlich doch so liebe und vor allem intelligente Mädchen untersuchen zu lassen. Meine Tochter war in allem, was sie tat, in einem Extrem: Ich habe auch noch nie gesehen, dass sich ein Mädchen so aus tiefster Seele freuen kann, nur weil es das Wetter zulässt, ein Kleid anzuziehen, das sie gern hatte. Wenn sie einen dabei mit ihren großen, tiefen graublauen Augen ansah, ging einem das durch und durch. Wenn sie Lebensfreude verspürte, dann in einer solch puren Form, dass einem die Tränen kommen konnten. Wenn sie mit Eifer bei einer Sache war, die ihr viel bedeutete, konnte sie bereits in frühester Kindheit völlig für sich über eine sehr lange Zeit beschäftigt sein. Überall wo sie mit ihrem Leuchten hin kam, wurde es ein Stückchen heller. Wenn man sie beobachtete, war man einfach nur gefesselt. Genauso extrem war aber auch die andere Seite: Pure Verzweiflung. Ich hatte damals schon gesagt, sie erinnere mich an die Klageweiber, wie sie mit all dem Schmerz der Welt nichts anderes mehr zu spüren in der Lage sind. Völlig aufgelöst und außerstande, sich irgendwie trösten zu lassen. Keine Hilfe annehmen oder erfragen können, keine Entscheidungen oder Wahl treffen können, all die Leuchtkraft versank augenblicklich in einem tiefen schwarzen Meer.

Wir lebten damit.

Vom Kinderarzt kam eine Aussage, die mich traurig stimmte: „Die hat schon ihren Kopf und weiß, wie sie Sie in der Hand hat.“ Habe ich ein böses Kind? Möchte es „die Weltherrschaft an sich reißen“? Was für ein Bullshit! Es ist ein Kind!

Mit vier Jahren die ersten Tests. Daraufhin die analytische Spieltherapie. Wie es der Name schon sagt, wurde analysiert, welche Zusammenhänge es in welchen Situationen gibt, es wurde dazu auch mal provoziert in Form von „jetzt möchte ich mal bestimmen, wer welche Figur zum Spielen benutzt“. Die Therapeutin sah, dass das so nicht funktionierte und begann weiter zu analysieren. „Erst du soundsolange, dann ich“, ging besser, vor allem, als meine Tochter merkte, dass sich beide(!) Seiten an diese Absprachen hielten. Wenn ich sie abholte, gab es oft Geschrei, weil meine Tochter noch nicht bereit war zu gehen. Also gestaltete man das um, in dem ihr eine Zeit vorgegeben wurde, und ihr wurde erklärt, dass das nächste Kind gleich kommen würde. Ich lernte viel. Denn eines wollte ich auf gar keinen Fall: Meinen Kindern die selbe Erziehung angedeihen zu lassen, wie ich sie erfahren musste. Bis zum Schuleintritt wurde es wesentlich ruhiger. Aber ab da ging alles wieder von vorne los: Verweigerung, kaum Kooperation, kaum soziale Kontaktbereitschaft, jede Kleinigkeit trieb sie förmlich in den Wahnsinn. Also ließen wir die Therapie weiter laufen und der zweite Testblock fand statt. Weil die Hausaufgaben eine für uns alle unerträgliche Situation war, beantragten wir einen Platz in einer Heilpädagogischen Tagesstätte. Diesen Platz bekamen wir ab der 3. Klasse für zwei Jahre. Hier gelang es, durch feste Strukturen und kleinen Gruppen erneut, Verbesserungen zu erzielen. Meine Tochter lernte, dass sie ihre Bedürfnisse verbal äußern durfte, andere Menschen aber auch das Recht dazu hatten. Sie lernte, dass sie sich gerne beteiligen durfte, aber nicht musste. Durch diese Freiwilligkeit wurde sie motiviert, mehr dabei zu sein. Und sie wurde gern gehabt. Sie wurde für ihre Stärken bewundert und lernte mit Lob umzugehen. Sie durfte auch mal frustriert oder wütend sein. Zu Hause lernte sie, ihr Zimmer als sicheren Rückzugsort zu nutzen. Sie durfte dort toben und wüten, wenn es nicht anders ging. Ich achtete nur darauf, dass keine Gefahren drohten, und ja, dafür musste ich sie auch mal kurz packen und fest halten, ließ aber gleich wieder von ihr ab, und es gab die Regel, dass sie den Rest der Wohnung heil ließ. Ja, es gingen viele Sachen zu Bruch. Ihre Zimmertür ist der Länge nach leicht gespalten vom dagegen treten. Sie musste lernen, dass der eigene Ärger über die zerstörten Dinge anschließend noch viel schlimmer ist, als die Verzweiflung davor, die die Zerstörungswut überhaupt veranlasst hat. Auch hier dauerte es noch lange, dass sie Sprache nutzte. Bis sie eines Tages, als ich ihr Zimmer betrat (ich weiß nicht mehr warum) tief Luft holte und mich anschrie: „Raus aus meinem Zimmer!“ Ich war so verdutzt, dass ich kurz inne hielt, dann aber mit einem „Oh, ok“ die Tür wieder schloss. Wenig später kam sie zu mir und fragte, was ich denn wollte. Ich musste weinen. Wie gerne hätte ich sie da in den Arm genommen. Das erste Mal nach wirklich langer Zeit verspürte ich innigste Liebe für dieses Kind. Diese war über all die Jahre völlig verschüttet, weil ich sie einfach nicht verstand. Weil ich bei ihr nicht weiter kam mit „So etwas tut man nicht!“ Weil sie nicht so war wie ich, die, die Erwachsene nie infrage stellte, stellen durfte. Weil sie rebellierte und keine Zweifel daran ließ, dass irgendwas so was von schief läuft! Ansonsten bemerkte ich, dass ich sie meistens besser verstehen konnte als sonst irgendjemand. Sie war mir ähnlicher als zuerst vermutet.

Es wurde besser. Doch mit Beginn der 4. Klasse traten ganz andere Probleme auf: Mitschüler ließen sie immer deutlicher spüren, dass sie nicht dazu gehörte, nicht erwünscht und auch so anders war. Hier begann meiner Tochter bewusst zu werden, dass sie ihre gleichaltrigen Mitmenschen nicht verstand. Erwachsenen gegenüber benahm sie sich aufgeschlossen, interessiert, fühlte sich sicher. Das fiel auch in der Schule auf, weil sie sich eher an Lehrer hängte als mit ihren Klassenkameraden etwas zu unternehmen. Sie wurde übel beschimpft, geärgert, verspottet, geschlagen, geschubst. Sie hingegen wurde immer stiller. Der Schulwechsel in die Mittelschule stand bevor. Sie hatte Angst, man würde sie auch dort ausschließen. Und sie sollte recht behalten. Mit ihrer besonnenen und äußerst reflektierten Art kam sie nicht gut an. Und dort, wo sich Hänseleien entwickeln, entsteht eine Eigendynamik, die außer Kontrolle gerät. Meine Tochter konnte machen was sie wollte, sie konnte es niemandem recht machen. Wie oft war ich in der Schule und versuchte zu vermitteln, zu klären… Ich bekam nur zur Antwort, dass meine Tochter sich alles so hin drehte, um in einem guten Licht dazustehen, dass sie diejenige war, die die anderen provozierte, und ich solle nicht „so viel Wind um die Sache machen“, meine Tochter bräuchte sich ja nur mal mehr bemühen, Anschluss zu finden und sich anzupassen.

In dieser Zeit entdeckte ich durch Zufall einen Artikel zum Thema „Asperger-Syndrom“. Meine Tochter war bereits in der 6. Klasse, als sie getestet wurde. Als die Diagnose gestellt wurde, war sie fast zwölf.

Zwölf!

12!

Nun endlich dachten wir, würde es mithilfe geeigneter Unterstützungsmaßnahmen bergauf gehen. Als erstes beantragten wir einen Schulbegleiter. Aber alles scheiterte daran, dass die Schule nicht wollte. Sie sahen die Notwendigkeit nicht, ganz im Gegenteil, sie wollten meiner Tochter keine Sonderstellung geben. Die Schulsozialarbeiterin meinte noch, wenn überhaupt, dann hätte meine Tochter nur geringe autistische Züge. Sie kenne ja schließlich drei oder vier Autisten. Und das sei meine Tochter ja gar nicht.

Ab da ging nichts mehr. Es folgten Depressionen, keine Beschulung mehr möglich, die Empfehlung zur Klinikeinweisung unter Antidepressiva, welche ich allerdings verweigerte, meine Tochter aus der Schule nahm und sie in einer Schule für Körperbehinderte anmeldete, was auch nochmal bis Mitte der 7. Klasse dauerte.

An dieser Stelle beende ich die Ausführlichkeit, die mir aber wichtig war.

Denn mit all diesen Bildern im Kopf gehe ich, natürlich rein hypothetisch, diese 13 Jahre mit ABA durch:

Ein Schreibaby mit Abwehrspannung. Hätte ich sie nur fest eingewickelt – hier wäre vermutlich KIT ganz gut gewesen. Bestimmt hätte es meiner Tochter geholfen, das grelle Licht, die lauten Geräusche, verwirrenden Stimmen, das planlose Durcheinander, was auf sie einströmt, zu ertragen. Sie hätte gelernt, dass feste Umarmungen gut tun, helfen zu beruhigen. Als positiven Verstärker hätte ich ihr dann die Brust nur gegeben, wenn sie nicht mehr brüllt.

Ööööhm… Ja – nee – klar.

Kurzer Schlafrhythmus: Es gibt schon sehr lange ein Buch mit dem Titel „Jedes Kind kann schlafen lernen“, welches scharf kritisiert wird. Aber hätte das nicht doch unser Weg sein können? Zumindest nachts? Was habe ich nur für Chancen vertan, mehr als zwei Jahre lang! Hach ja!

Hach nee! Glaubt mir, ich habe alles versucht: Leichte Decke, schwere Decke. Mit Licht, ohne Licht. Auf meinem Arm, im Stubenwagen, sogar den Kinderwagen hatte ich in der Wohnung, in meinem Bett, auf einer niedrigen Matratze, Tür offen, Tür geschlossen, Fenster auf, Fenster zu, dabei bleiben, weg gehen, Schnuller, Flasche, Schnabelbecher, Kuscheltiere, Musik, vorgelesen, gesungen, Hand gehalten, gestreichelt, unterschiedlich bekleidet, getröstet, schreien lassen… Tag und Nacht. Irgendwann war ja die Stillzeit zu Ende.

Wenn man also mit ABA im zweiten Lebensjahr beginnt, was hätte ich denn bis dahin machen sollen? Aber ok. ABA kriegt das hin: Morgens friedlich aufstehen, frühstücken, anziehen, den Bruder in die Schule schicken, vormittags Programm und Lernen, Mittagessen und -schlaf, währenddessen kann ich meinen Haushalt machen… Darf ich das überhaupt? Dann erneut Programm und Lernen, natürlich mit den Co-Therapeuten in der Wohnung, die ich zuvor zu strahlender Schönheit gebracht habe, die Spielsachen meiner Tochter sind alle ordentlich und unerreichbar verstaut, meinem Sohn erkläre ich, dass seine Schwester bei ihm nicht mehr mitspielen darf, weil sie sich das erst verdienen muss, ich verbiete mir das lustige und gemeinsame Malen mit Wasserfarben auf nackigen Beinen oder das Kneten verrücktester Figuren, weil das schließlich zeitlich in den Therapieplan passen muss, mein Mann darf nach der Arbeit nicht in Ruhe kochen sondern muss uns helfen, wie man sich adäquat begrüßt und umarmt, bitte so lange, bis es klappt, meine Freundin kann uns leider nicht mehr besuchen um einfach frei Schnauze zu ratschen oder etwas zu unternehmen, es sei denn, es wird vorher von den Therapeuten mit aufgenommen, vorgegeben und abgesegnet. Dass meine Tochter zusammen mit ihrem großen Bruder übers Wochenende zur Oma fahren kann, fällt wohl flach, oder bekommt man eine Schritt-für-Schritt-Anleitung mitgeliefert? Während einer Geburtstagsfeier bei der Kindergartenfreundin darf man natürlich auch nichts dem Zufall überlassen, denn was Erfolg haben will, darf nicht vom Plan abweichen.

Oh, da habe ich ganz vergessen, dass der Große Hilfe bei den Hausaufgaben braucht, der Kleine seine Kuscheleinheiten verlangt, und… Ach, meine Tochter lernt ja schließlich, sich selbst zu beschäftigen… Glaube ich… Tut sie das? Wie denn eigentlich? So ganz ohne Anleitung?

Ihr merkt vermutlich, dass ich nicht ernst bleiben kann. Nicht umsonst habe ich so ausführlich geschrieben. Ich bekomme es beim besten Willen nicht hin, ABA in den Alltag zu integrieren. Und da bin ich noch nicht mal bei der Schulzeit angelangt.

Verdammt, ja, wir hatten eine brutale Zeit. Welche Auswirkungen diese auf jeden Einzelnen von uns hatte, möchte ich hier gar nicht ausführen. Und ja, ich hätte mir so manches Mal einen „Aus“-Knopf gewünscht. Ich hatte Jahre lang nach Hilfe gesucht. Wir hatten mit der Spieltherapie und der HPT auch wirklich gute Unterstützung! Laut ABA wäre das aber sicher umsonst gewesen. Irgendwann mag man auch nicht mehr. Möchte nur seine Ruhe.

Man mag mir jetzt vorwerfen, dass ich meiner Tochter die Möglichkeit für ein selbstständiges Leben genommen habe. Wobei: Bei ihr wäre es ja eh zu spät gewesen, weil sie die Diagnose ja erst mit zwölf bekommen hat. Unabhängig davon, dass wir uns ABA gar nicht hätten leisten können.

Aber im Ernst:

Sie hätte die Schwierigkeiten mit Mobbing nie erlebt?

Sie wäre jetzt in einer gut bezahlten Ausbildung?

Vielleicht.

Aber sie hätte keine Hobbies, in der sie ihre Talente entdecken durfte und ausleben kann.

Sie hätte ihre beste Freundin und andere liebe Menschen niemals kennen gelernt.

Dass sie jetzt in ihrem Selbstverständnis und ihrer Selbstbestimmung weit über dem ist, was ich in meinen 40 Jahren erreicht habe, ist natürlich pures Glück. Schließlich ist meine Tochter ja nur leicht betroffen. Ähm…

Egal. Wie ich es drehe und wende, es kommt immer aufs Selbe hinaus:

Ich danke Gott dafür, dass ich meiner Tochter und auch uns trotz all unserer Probleme, Sorgen und Nöte das nie angetan habe, und werde sie, so lange ich auf dieser Erde verweile, alles dafür tun, dass ihr niemals irgendetwas in dieser Form geschieht…

Korrektur: Nie wieder! Denn bedauerlicherweise musste sie bereits erfahren, was Autismus-Spezialisten von Autisten halten, und zu welchen Maßnahmen sie greifen, wenn sie nicht so sind, wie sie es für richtig halten. Dennoch hat sie die Stärke, bei sich geblieben zu sein. Andere Menschen hatten nicht so viel Glück. Ich liebe meine Tochter, nur deshalb konnte ich bei ihr bleiben. Weil ich Unrecht erlebt und gesehen habe. Und weil ich genau das nicht ertragen kann.

Doch genau das ist ABA: Unrecht! Ihr seid nicht im Recht, wenn Ihr behauptet, dass ständige Wiederholungen nötig sind! Oder dass Autisten kein Interesse am Lernen haben. Beispiele wie meine Tochter, die ohne ABA bald 18 Jahre überlebt hat, gibt es mehr als genug. Wollen wir jetzt daraus wissenschaftliche Beweise machen? Gab es die Frage schon jemals, wie viele Autisten es ohne ABA im Leben zu etwas gebracht haben? Wollen wir das mal gegenüber stellen? So richtig wissenschaftlich? Wer traut sich?

 

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8 Antworten zu Wie ABA uns hätte helfen können

  1. Luise Kakadu schreibt:

    Sehr, sehr traurig immer wieder in den unterschiedlichsten „Schwierigkeitsbereichen“ das selbe zu lesen.
    Wie immer „über“ anstatt „mit“ den Menschen geredet wird.
    Immer „von oben herab“.
    Immer „besser wissend“
    Überheblich und „garantiert geschult“.
    Alles graue Theorie; im Sitzen erworben von solchen, die gehört haben von anderen, die ebenfalls gehört haben.
    Und jene, die ERLEBT haben, sind keine Fachleute; nicht wissend; nicht geschult.
    Was die zu sagen haben, ist uninteressant; zu persönlich; zu emotional; zu vorbelastet; nicht bedacht genug.

    Gut, wenn man fähig ist, sich nicht einfangen, nicht ködern und fressen zu lassen.
    Ich wünsche euch weiterhin viel Kraft, Liebe und Freude euren ganz eigenen Weg zu gehen.

    Gefällt 3 Personen

  2. Pingback: Das Totschlagargument – Autismus – Keep calm and carry on

  3. aspiemom schreibt:

    Hat dies auf Aspie Mom rebloggt.

    Gefällt mir

  4. autistanbord schreibt:

    Einen schönen guten Morgen!
    Ich stellem ich mal gerne mit gegenüber.

    Gefällt 1 Person

  5. his_mum schreibt:

    Danke!

    Gefällt 1 Person

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