ABA – Kommentare zu Aktion Mensch

 

Seit vorgestern verfolge ich die Seite von Aktion Mensch bzw. die Äußerungen dazu.

So schnaufe und lese ich vor mich hin, und mir fällt so manches ein und auf.

Diese gedanklichen Ergüsse meinerseits möchte ich hier mit Euch teilen.

Dazu habe ich mir erlaubt, ein paar Zitat-Stücke mitzunehmen, die in den Kommentaren zu finden sind. Ich hoffe, das ist in Ordnung so, sie dienen mir als Aussagen-Beispiele, auf die ich im Allgemeinen, also nicht personenbezogen, reagiere.

… Kritiker von ABA, die sicherlich ihre eigenen Erfahrungen gemacht haben und deshalb auch für sich selber Entscheidungen treffen können. Diese gibt ihnen m.E. jedoch nicht das Recht, von sich auf andere zu schließen.

Ich unterstelle jetzt mal allen Kritikern von ABA, dass sie aufgrund ihrer Erfahrungen Autisten, vor allem Kinder, vor Gefahren schützen wollen.

Wenn ich die Erfahrung gemacht habe, dass man sich erkältet, wenn man im Winter mit nassen Haaren raus geht, sollte ich das nicht als Warnung weiter geben? Oder muss ich unbedingt meinem kleinen Kind diese Erfahrung selbst machen lassen, auf die Gefahr hin, dass es schwer krank wird? Vielleicht nicht beim ersten Mal, auch nicht beim fünften Mal, aber irgendwann erwischt es einen doch, und dann darf ich mir Vorwürfe machen, dass ich nicht davor gewarnt habe?

Menschen, die eine positive Förderung und Entwicklung durch die Anwendung von ABA erfahren haben, werden weder gehört noch in die Diskussion mit einbezogen

Dann will ich dies hier einmal mit weiteren Zitaten tun:

ist viel fröhlicher geworden, weil er lernen konnte zu kommunizieren. und weil er so viele Dinge gelernt hat“

extreme Zunahme von Lebensqualität“

ist nach drei Jahren ABA -VB aufgeblüht. Er spricht, er ist sauber, er verhält sich weitestgehend wie ein gesundes Kind. Er nimmt am Leben teil.“

hat einen super entwicklung Dank Aba .“

hat gelernt zu kommunizieren und kann uns seine Wünsche mitteilen.“

Es war und ist uns eine große Unterstützung im Alltag“

durch die Therapie ins Kommunizieren kommen“

Dies sind nach Wahrnehmung Außenstehender die Beweise, dass ABA hilfreich ist. Das ist das, was man nach jahrelanger Therapie zu sehen bekommt. Das Kind wirkt glücklich und gesund.

Ja, ich glaube Euch das. Wirklich! Wenn man als Eltern Probleme lösen und den Alltag stressfreier gestalten kann, freut mich das.

Aber bitte vergesst Eines nicht: So ist es jetzt!

Eure Kinder sind noch mitten in der Therapie? Oder haben sie sie bereits abgeschlossen? Wie sieht die weitere Begleitung nach Abschluss aus? Oder braucht es keine Unterstützung mehr? Sind Eure Kinder schon erwachsen und können nun auf eigenen Beinen stehen? Geld verdienen, ihren Alltag in einer eigenen Wohnung meistern, mit allem, was dazu gehört?

Dazu hätte ich gerne Berichte, bitte!

Was mich dabei erschüttert und total traurig stimmt, sind Aussagen wie:

Dinge gelernt hat, die er ohne ABA nicht gelernt hätte. Ich könnte mir gar nicht vorstellen, was ich ohne ABA machen würde“

Leider konnte ich solche Erfolge mit anderen Methoden nicht sehen.“

Ohne ABA-VB wäre mein Sohn noch immer in einer parallelen Welt und würde in einigen Jahren, wenn ich nicht mehr könnte in einer Therapieeinrichtung ruhiggespritzt.“

ohne ABA wahrscheinlich als Familie gescheitert wären.“

aber dafür dass mein Sohn in keine Einrichtung musste, keine Medikamente nehmen musste … hätte jede Art der „Umerziehung“ gerne in Kauf genommen.“

Ein Leben ohne ABA zu Hause undenkbar. Es hat die Basis geschaffen, dass ein Mensch mit Autismus zu Hause aufwachsen kann.“

Das ist ja furchtbar! Autisten ohne ABA landen im Heim, lassen Familien scheitern, vegetieren in einem Eck vor sich hin, werden mit Medikamenten vollgestopft und werden niemals lernen?

Wie schaffen das Eltern von anders behinderten Kindern, körperlich, geistig, angeboren oder durch einen Unfall oder Krankheit?

Keine Frage, die Versorgung und Pflege ist z.T. hart, und man geht oft an oder sogar über seine Grenzen. Dass hier deutliche Verbesserungen in Unterstützungs- und Entlastungsmodellen nötig sind, steht außer Diskussion. Aber dennoch landen nicht alle behinderten Kinder in Heimen und werden ruhig gestellt, nicht alle Familien sind zerrüttet, und haben trotz aller Schwierigkeiten ein lebenswertes, positives und glückliches Leben. Gemeinsam. Ja, ich weiß auch, dass bei manchen Menschen die Zeit kommt, in der sich eine Fremdbetreuung in einer Einrichtung nicht (mehr) vermeiden lässt. Aber selbst hochfunktionale Autisten schaffen manchmal kein völlig eigenständiges Leben, finden einen passenden Job, können Behördenkram selbstständig bewältigen… Ach, was rede ich… Es gibt auch genügend Menschen ganz ohne Behinderung oder Einschränkung, die damit Probleme haben.

Aber ich schweife ab.

Wer mal ein schwer betroffenes Kind erlebt hat, der weiß, dass diese Kinder meist nicht sprechen/sich nicht verständigen können. Da kann man einfach nicht von Selbstbestimmung sprechen. Denn niemand weiß was das Kind mag/ nicht mag, usw. Es ist dem deuten der Erwachsenen ausgeliefert. Was soll daran Selbstbestimmung sein?

Diese Frage habe ich schon öfter gestellt: Wie lief das denn, als die Kinder noch Babys waren, und aus diesem Grund nicht sprechen konnten? Lernt man als Eltern nicht automatisch, das Verhalten (und auch das ist Kommunikation) zu deuten, wenn es schreit? Versuchen wir nicht ganz selbstverständlich herauszubekommen, was dem Kleinen Unbehagen schafft? Und finden dann letztendlich heraus, wie wir die kleine Welt wieder in Ordnung bringen können?

Wann, bitte schön, hört diese Selbstverständlichkeit im Umgang mit einem Menschen auf? Und warum?

Und mMn sind solche Aussagen Glaskugelraten:

Fakt ist aber, dass er nicht alleine lernt, dafür braucht er Unterstützung. Ohne diese Unterstützung und Motivation zum lernen würde er nur die Ecken unserer Wohnung kennen…“

So befindet er sich auf dem besten Weg, ein selbstständiges und selbstbestimmtes Leben zu führen.“

Woher wisst Ihr das?

Ihr seid doch nur den Weg MIT ABA gegangen, könnt die Zeit nicht zurück drehen, um zu sehen, wie es ohne gelaufen wäre?

Sicher hätte es sich anders gestaltet. Wahrscheinlich hätten diese Kinder anders, langsamer, versteckter gelernt. Aber IHR habt für die Kinder entschieden, diesen Weg zu gehen. Nun lasst Euch aber auch Zeit zu sehen, wie es die nächsten Jahre weiter gehen wird.

Ich finde es richtig und wichtig, auch von ihnen Meinungen und Rückmeldungen zu erhalten. Es bedeutet jedoch, dass es in der Wahrnehmung bzw. Verarbeitung von ihnen ggü. neurotypischen Menschen Abweichungen gibt. Da ist doch eine Diskussion und Konsensfindung von vornherein ausgeschlossen. Warum belassen Sie die Entscheidungen nicht den Betroffenen bzw. Familien selber, welche Therapie sie anwenden wollen und verbauen denen, die ABA für sich förderlich finden, einen Weg?

und

Die Herausforderung in der Diskussion ist jedoch, gegenseitig Verständnis zu entwickeln, Empathie und Einfühlungsvermögen. Und damit gibt nach meiner Erfahrung einfach Schwierigkeiten auf beiden Seiten.

und

Vielleicht wäre es ja ein Projekt gemeinsam zu erarbeiten, wie Menschen mit Autismus und ihre Familien mit dem Ereignis Autismus über den Lebensweg umgehen. Mich würden dabei gerade die Lösungen der „Anderen“ interessieren?

Ok, Meinungen und Rückmeldungen sind erwünscht, und als wichtig erachtet. Es gibt auch genügend Erfahrungsberichte von mittlerweile erwachsenen Autisten, die ABA druchgemacht haben. Es gibt auch Erzählungen von Eltern, deren Kinder sich enorm weiter entwickelt haben ohne ABA!

Gegenseitiges Verständnis, Empathie und Einfühlungsvermögen… Sorry, daran wird es immer wieder scheitern, wenn solche Aussagen wie oben unterstrichen kommen.

Man möchte zwar die Meinungen der Autisten hören, aber die Entscheidungen soll man den Betroffenen bzw. Familien selber überlassen. Natürlich, entscheiden muss jeder selbst, wir fesseln und knebeln ja niemanden. Aber wer hier ganz sicher nicht entscheiden darf sind die Autisten selbst. Den Kindern muss man dies abnehmen, ja, das ist normal, weil Kinder unter dem Schutz und der Verantwortung der Erwachsenen stehen. Also bestimmen Erwachsene Nicht-Autisten über autistische Kinder. Aus diesen autistischen Kindern werden autistische Jugendliche, autistische Erwachsene … Die wieder und wieder erfahren müssen, dass Nicht-Autisten über ihr Leben bestimmen. In Fördermaßnahmen, Schule, Ausbildung, Arbeit, Wohnen. Sie lernen es nicht anders. Sie können es auch nicht mehr anders. Was soll daran Selbstbestimmung sein?

Und nun kenne ich einige Autisten im Jugend- und Erwachsenen-Alter, die genau daran zerbrochen sind und Komorbiditäten auftauchten wie Depressionen, Angst- und Zwangsstörungen, Selbstverletzendes Verhalten, Suchterkrankungen…

Warum?

Weil ihnen nie jemand zugehört hat. Weil sie nie ernst genommen wurden. Weil sie lernen mussten, ausschließlich sich anzupassen und vergebens auf Entgegenkommen gehofft haben. Weil sie immer von außen beurteilt werden, und kaum oder gar kein eigenes Gefühl (mehr) haben, was sie selbst bei Erfolg und Misserfolg empfinden. Sie sind abhängig von außen. Sie haben gelernt, wie andere zu sein, und sich dabei vergessen. Sie haben gelernt, anderen gerecht zu werden, ohne auf die eigenen Bedürfnisse zu achten.

Dabei geht es nicht darum, welche Teile nun genau wie umgesetzt werden in solch intensiven Therapien, kleinschrittig, wiederholt, vorgegeben.

ABA ist Einstellungssache!

Eltern wird Angst gemacht, mit Argumentationen und Horrorszenarien, was aus dem Kind ohne ABA werden wird.

Autisten, die vor ABA warnen, indem sie erzählen, was intensive Therapien mit ihnen gemacht haben, machen Euch keine Angst?

Dann ist es überflüssig, weiter zu diskutieren, und von wegen „Meinungen von Autisten sind wichtig“ – nichts weiter als Heuchelei.

Zum Abschluss noch zu Aussagen von Frau Klemm:

Angesichts der neurobiologischen Grundlage von Autismus sind sämtliche tiefenpsychologischen und analytischen Therapien nicht wirksam: wenn eine Erkrankung nicht, wie im Störungsmodell der Psychoanalyse vorausgesetzt, durch (früh-)kindliche Entbehrungen, widrige Lebenserfahrungen und elterliche Fehlverhaltensweisen ausgelöst ist, geht auch ein auf diese Annahmen gestützter Interventionsversuch fehl.“

Sekundärfolge der fehlenden autismusspezifischen pädagogisch-therapeutischen Förderung ist, dass viele Autisten nicht die Möglichkeit erhalten, Kommunikationsprobleme und Auffälligkeiten im Sozialverhalten zu kompensieren und die gegebenen kognitiven und interaktionellen Potentiale zu nutzen.“

Das ist schlicht nicht wahr!

Die Frage des Zeitpunktes der Intervention ist von entscheidender Bedeutung, weil ein entwicklungspsychologisches „Fenster der Gelegenheit“ existiert, in denen bestimmte Fähigkeiten besser aufgebaut werden können als in anderen. Generell ist ein früher Interventionsbeginn sinnvoll, weil dann die Plastizität des sich entwickelnden Gehirnes ausgenutzt werden kann. Gerade im Bereich der Sprachanbahnung ist eine frühe Intervention mit einem Beginn vor dem 4. Lebensjahr erfolgversprechend.“

Das klingt ziemlich nach Schablone, in das jeder Mensch passen würde.

Aber:

Um Menschen mit ASS gerecht zu werden ist es erforderlich die kognitiven Besonderheiten und die sich daraus ergebenden typischen Herausforderungen für das Lernen und Handeln zu kennen.“

und

Fertige Übungsprogramme und standardisierte Anwendungen bestimmter Methoden und Techniken widersprechen dem Prinzip der Individualisierung.“

Wenn Menschen im AS (das zweite S lasse ich bewusst weg) kognitive Besonderheiten aufweist und das Prinzip der Individualisierung gewahrt werden soll, widerspricht das dann nicht dem „Fenster der Gelegenheit“?

Die Förderung stellt eine partnerschaftliches Bemühen von Eltern und Fachleuten dar. Eltern sind Spezialisten für ihr Kind. Sie bringen Wissen und eine Beziehung zu dem Kind und spezielle Fähigkeiten ein, die kein Außenstehender erwerben kann.“

Schön. Aber:

Den Eltern als Laien ist es häufig nicht möglich, Therapiemethoden auf ihre Wirksamkeit hin zu beurteilen.“

Außenstehende Fachleute aber können voraussehen, wie eine Therapiemethode auf mein Kind wirkt?

Das Tragische dabei ist, und diese Erfahrung musste ich selbst machen, dass man als Eltern letztendlich als verantwortungslos hingestellt, ja sogar beschimpft wird, wenn man nicht nach dem Rat, dem Drängen, der „Experten“ handelt. Vor Jahren wurde mir prophezeit, dass sich mein Kind das Leben nehmen wird, sollte ich sie nicht unter Antidepressiva in eine Klinik einweisen lassen. Man glaubte mir nicht, dass es ihr besser gehen würde, sobald die Ursache ihres desolaten Zustandes behoben sein wird. Man hatte sich nur auf das Symptom konzentriert. Somit wurde mir abgesprochen, der Spezialist für mein Kind zu sein.

Und, oh Schreck: Mein Kind lebt immer noch, es geht ihm besser denn je, seit wir endlich von Fremdbestimmung weg sind.

Dabei möchte ich es für heute belassen. Das sind so im Groben meine Gedanken.

Wie immer: Ich spreche nicht für alle, ich hätte noch viele andere Punkte ansprechen können…

Aber zuhören wird mir eh keiner, dafür bin ich viel zu klein und unwichtig.

Euch allen wünsche ich immer offene Augen, um in die Seele zu sehen, offene Ohren, um in der Stille zu hören, einen offenen Geist, für alles Fremde, welches eines Tages zum Vertrauten werden wird.

 

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6 Antworten zu ABA – Kommentare zu Aktion Mensch

  1. autistanbord schreibt:

    Für alle sprichst du sicher nicht, aber doch für viele. Es gibt oben nur einen Satz, den ich lieber nicht gelesen hätte… Es ist der zweite von unten. Du schreibst einen wahnsinnig tollen Beitrag (finde ich) und machst dich dann selbst runter? Warum? Sorry, aber das hat dieser Beitrag, das hast DU als Autor nicht verdient.
    Ich finde, du bringst den Inhalt sehr gut auf den Punkt.

    Gefällt 2 Personen

  2. Mind Comedy schreibt:

    ICD-10 ist nicht für Menschen, sondern für Roboter mit technischen Problemen entwickelt worden, vermute ich.
    Wir können allerdings wirklich nicht an die Anbieter von ABA appellieren, sondern höchstens an die Sorgeberechtigten…

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