Ängste verschwinden nicht – sie werden nur anders

 

Eigentlich möchte ich nicht nur immer jammern und schimpfen. Das bin ich nicht. Ich bin ein positiv denkender und naiv optimistischer Mensch. Ich mag mein Leben, ich bin dankbar, dass es uns an nichts mangelt, wir keine Existenzängste haben brauchen…

Und dennoch: So richtig rund läuft es nicht.

Meine Tochter ist nun volljährig, womit wieder Einiges zu erledigen ist: Kindergeldkasse, Krankenkasse, Versorgungsamt… Formulare ausfüllen, Nachweise beibringen, neue Arztberichte organisieren – und daran hapert es gerade ordentlich.

Termine ausmachen. Termine wahrnehmen. Wieder meinen Text aufsagen, den ich so schön einstudiert habe, in der Hoffnung, dass man versteht was ich möchte bzw. brauche. Bei meiner Psychiaterin mache ich mir keine Sorgen, und die wird wohl das „Zünglein an der Waage“, wenn es darum geht, für meine Tochter die sinnvollen Merkzeichen im SBA zu bekommen. Die schreibt schon gut, wenn ich ihr alles vorarbeite.

Leider haben wir aber die Erfahrung gemacht, dass selbst das oft nichts nützt. So ging es uns damals mit den Merkzeichen G (was so viel heißt wie „kann ortsübliche Wege nicht allein zu Fuß zurücklegen“) und das B („benötigt bei der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel Begleitung“).

Meine Tochter ist weder geh- noch geistig behindert. Das war das Argument damals, weshalb sie nur ein H (hilflos) bekam, sonst aber nichts weiter. Nein, versucht nicht logisch zu denken („wer hilflos ist braucht doch auch Begleitung“), wir haben es bis zur Klage versucht zu erklären, aber der damalige Gutachter (der gegen uns argumentierte) und die mangelnde Unterstützung des VdK-Beauftragten, schmetterten alles ab.

Dass meine Tochter immer noch die Orientierung verliert, wenn sie in einen Overload gerät, dadurch sprach- und handlungsunfähig wird, an Ort und Stelle Angstattacken bekommt und sich deshalb überhaupt kaum alleine raus traut, ist den Herrschaften nicht begreiflich zu machen gewesen.

Und diese Angst rauscht derzeit durch meinen Körper, dass es auch mir immer schlechter geht. Ich entwickle mich selbst immer mehr zum Hypochonder. Das ist inakzeptabel! Das will ich nicht!

Angefangen hat es dramatischerweise mit den Tabletten, die ich von meiner Psychiaterin bekommen habe. Sie sollten ja mein Gedankendurcheinander etwas sortieren, mich innerlich etwas zur Ruhe bringen, und den Schlaf verbessern. Und das Tolle war: Sie haben gewirkt. Gut gewirkt. Zu gut!

Ich spürte, dass ich zwar immer noch permanent vor mich hin dachte (ich kann halt nicht nicht denken), aber die Gedankenthemen waren strukturierter. Ich sprang nicht hin und her, sondern konnte bei einer Sache bleiben. Auch fühlte sich der Schlaf erholsamer an, ich wurde wieder fitter. Aber dann bekam ich plötzlich Panikattacken in einer Form, die ich so nicht kannte. Die Zweite davon so heftig, dass mein Mann schon mit dem Autoschlüssel bereit stand, mich in eine Klinik zu fahren. Ich telefonierte dann mit meiner Psychiaterin, die mir sehr genau erklärte, was da passiert: Wenn man ständig auf Hochtouren fährt, hat sich der Adrenalinpegel dementsprechend angepasst. Fährt man dann die Energie runter, gibt es einen Adrenalin-Überschuss, der sich mit hohem Blutdruck, Herzrasen, Schweißausbrüchen… Todesangst bemerkbar macht. Sie versicherte mir, und gab mir dazu einen wirklich sehr gut geschriebenen Artikel zu lesen, dass man bei einer Panikattacke nicht stirbt!

Dennoch bestand mein Mann nach der zweiten Attacke darauf, mich zum Arzt zu fahren. Mein Blutdruck war normal, was mich überraschte, denn der ist bei mir eigentlich immer zu niedrig. Die Ärztin (mein Arzt war leider nicht da) überwies mich aber vorsichtshalber zum Kardiologen. Zu der Zeit war mir alles egal, so dass ich auch dort einen Termin machte. EKG, 24-Stunden-EKG, Ultraschall des Herzens… alles unauffällig. Ok. Aber diese Information half nichts.

Ich nehme die Tabletten nicht mehr, die Panikattacken kommen auch nur noch ansatzweise hoch, weil ich weiß, wie ich damit umgehen kann, aber jedes noch so kleine In-mir-Gefühl macht mir Angst: Oh Gott, was ist das denn jetzt? Irgendwas stimmt nicht! Aufgrund meiner Schilddrüse muss ich regelmäßig zur Blutkontrolle. Alle Werte sind top! Aber auch hier: Hoher Blutdruck! Ich!

Ich spüre, wie das Blut durch meine Hauptarterien pumpt. Es rauscht in meinen Ohren. Ich bekomme kalt-schweißige Hände. Mir ist schwindlig, ich hab richtige Gedächtnis- und Konzentrationsprobleme, fühle mich wie in Watte… Ich hab Angst.

Ich möchte zu meinem Hausarzt gehen, der ist für solche Sachen sehr offen, kümmert sich um Psychosomatik, usw. Aber ich schaffe es nicht, einen Termin auszumachen. Ich hab Angst. Angst, dass ich ihn an einem Tag erwische, an dem er keinen Nerv für so was hat. Angst, dass ich nicht sagen und ausdrücken kann, was ich meine. Angst, dass ich diese Angst nicht los bekomme. Und nein, ich möchte keine Medikamente nehmen. Ich will das selbst schaffen. Aber ein Mal möchte ich doch von oben bis unten durchgecheckt werden, damit ich weiß, dass wirklich alles in Ordnung ist. Als Raucherin mit 40 ist das ja auch immer so ’ne Sache. Ich würde ja gerne aufhören, weil ich weiß, dass es Schaden anrichtet. Aber ich weigere mich aufzuhören. Klingt paradox, ich weiß. Aber zur Zeit bin ich so drauf, dass ich weiß: Wenn ich jetzt das Rauchen aufhöre, fang‘ ich an zu Saufen.

All diese Dinge gehen mir durch den Kopf, und ich kann nichts tun. Bin gefangen in mir selbst.

Ach ja, noch was zu den Tabletten: Sie haben ja wirklich gut gewirkt, was dieses Durcheinander angeht. Dann konnte ich was beobachten, was ich irgendwie amüsant fand: Die Wahrnehmung war ebenfalls so sortiert, dass ich manches nicht mitbekam. Ich schaute erst so vor mich hin, dann lauschte ich so vor mich hin, dann fühlte ich so vor mich hin… Und erschrak, wenn sich am Bahnhof plötzlich jemand neben mich setzte. Ich hab ihn nicht heran kommen gemerkt. Oder wenn ich beim Abspülen mit dem Rücken zur Küchentür plötzlich meinen Sohn neben mir stehen sehe. Normalerweise weiß ich bei uns in der Wohnung immer, wo sich wer aufhält. Das brauch‘ ich nicht zu sehen. Ich höre und spüre.

Das heißt, MIT diesen Tabletten habe ich mich das erste Mal wirklich behindert gefühlt. 😀 Und ich für mich (!) muss feststellen, dass mir meine ursprüngliche Wahrnehmung, mag sie auch oft in einen Overload drängen, lieber ist.

Und die anderen Dinge bekomme ich auch wieder hin. Wie immer…

(Ihr seht: optimistisch durch und durch. 😉 )

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