Diagnosen – Inklusion – Umgang mit Behinderung

 

Nach der Sendung „Team Wallraff“ am 20.02., in der Missstände in Einrichtungen für Menschen mit Behinderung aufgedeckt wurden, geht es wieder einmal heiß her im www.

Was mich dabei so schockiert sind manche Argumente, die den Eindruck erwecken, man könne dies mit mangelndem Betreuungsschlüssel und Unterbezahlung entschuldigen, oder zumindest begründen.

Natürlich, und das weiß man, ist die Pflegesituation eine Katastrophe, egal wo. In Krankenhäusern, in Alten- und Pflegeheimen, in Werkstätten und Wohnheimen für behinderte Menschen. Das Geld reicht hinten und vorne nicht, um eine menschenwürdige Pflege zu sichern, die Mitarbeiter sind mit Umständen konfrontiert, die einem das Arbeiten äußerst schwer machen.

Aus dieser Situation heraus verselbstständigt sich ein System, vor dem Außenstehende nur zu gerne die Augen verschließen würden, weil es einfach kaum zu ertragen ist.

Nun kenne ich persönlich sowohl Krankenschwestern als auch Pflegekräfte, die ihren Job mit Herz und Verstand machen, sich einsetzen, äußerst gefühlvoll mit ihren Schützlingen umgehen, Privatsphären achten, die aber nicht nur gegen die Arbeitsbedingungen ankämpfen, sondern auch mit Kollegen und Vorgesetzten immer wieder in Konflikt kommen. Es geht immer um die nicht vorhandene Zeit – denn Zeit ist Geld. Und Geld ist zu wenig vorhanden. Somit ist für mich all das ein politisches Problem.

Aber ich muss gar nicht mal in Richtung schwer pflegebedürftige Menschen schauen. Mir reichen schon unsere persönlichen Erfahrungen:

Auf der einen Seite war ich so erleichtert, als meine Tochter damals die Diagnose „Asperger-Syndrom“ bekommen hat, weil ich wusste, dass wir endlich adäquate Hilfe beantragen und Fachkräfte mobilisieren können, auf der anderen Seite habe ich aber sehr schnell erkennen müssen, dass dies gar nicht erwünscht ist.

Einen Schulbegleiter wollte die Schule damals nicht, sie wollten meiner Tochter keine Sonderstellung geben (die hatte sie doch eh schon, was sie grausam zu spüren bekam), unterstützt in dieser Meinung wurden die Lehrer von einer Dame des MSD-A (Mobile Sonderpädagogische Dienste – Autismus), die wir eigentlich als Unterstützung dazu holten. Das muss man sich mal vorstellen! Nach ein paar Stunden Beobachtung im Unterricht, in der sich meine Tochter grandios unauffällig zeigte, war das Thema Schulbegleiter vom Tisch. All meine Hilferufe bzgl. der Schwierigkeiten im Sozialen als auch im Unterricht wurden abgewunken mit der Aussage, ich solle nicht so viel Wind um die Sache machen. Das hatte dramatische Folgen für meine Tochter.

Auch heute noch bin ich zu tiefst traurig, dass man nicht schon früher erkannt hat, dass meine Tochter Autistin ist. In der Grundschule hätten wir vermutlich noch mehr abfangen und einrichten können.

Damit nicht genug, es ging ja so weiter. Da hofft man auf Verständnis und einen professionellen Umgang in einer Einrichtung für Autisten, die eine berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme machen wollen/ können/ sollen. Schließlich gibt es ja die Inklusion, also das gemeinsame Miteinander von Behinderten und Nicht-Behinderten, Chancengleichheit und der Weg zur Selbstverständlichkeit.

Aber welch naiver und idealistischer Wunschtraum!

Inklusion – eine nette Idee, ohne Fundament.

Denn auch diese BvB dringt nicht wirklich nach außen. Die Teilnehmer werden mit Aufgaben für Grundschüler abgespeist. Die Ansage, 90% der Teilnehmer würden innerhalb von elf Monaten selbstständig genug sein, um Bewerbungsgespräche zu führen und einen Ausbidlungs- oder Arbeitsplatz bekommen klingt ja durchaus vielversprechend. Dass es aber nur 10% auf den ersten Arbeitsmarkt schaffen, wird nur nebenbei erwähnt und hat System: Nicht die Teilnehmer bestimmen, wo sie sich bewerben oder ein Praktikum machen, nein, das ist Aufgabe der Job-Coaches. Eigene Wünsche werden abgewiesen mit der Begründung, der Teilnehmer sei dafür nicht geeignet. Angebliche Anfragen an Firmen, ob ein Praktikum möglich sei, wären angeblich nicht beantwortet worden. Nichts von wegen: „Du bewirbst dich dort wo du möchtest, ich begleite dich so wie du es brauchst.“

Selbstbestimmte Eigeninitiative ist nicht erwünscht, weil man dadurch die Kontrolle verliert. Andere Meinungen werden mit Einschüchterung und Beschimpfungen beantwortet. „Tu‘ was ich dir sage, oder du fliegst raus!“ Auch hierbei geht es wieder um Geld: Um Vermittlungsprämien. Sowohl für Integrationsfirmen oder Werkstätten als auch für die Job-Coaches. Ja, wirklich!

Und auch das findet hinter verschlossenen Türen statt. Wie oft hätte ich mir jemanden dort mit versteckter Kamera gewünscht. Ich habe es dem Arbeitsamt gemeldet. Teilnehmer haben mir ihre Berichte anvertraut, ich hatte einige Telefonate, fragte, ob dafür die Gelder wirklich ausgegeben werden sollen. Die Dame der Reha-Stelle war schockiert und leitete es weiter. Ob irgendetwas passiert ist? Ganz sicher nicht.

Was also hat uns bisher die Diagnose gebracht? Ok, ein Platz für zweieinhalb Jahre auf einer Schule für Körperbehinderte, was meiner Tochter gezeigt hat, dass es noch einfühlsame Menschen auf dieser Welt gibt. Dort werden die Kids auch nicht in Watte gepackt. Aber es wird auf sie eingegangen.

Aber sonst? In wie weit hilft uns die Diagnose, der SBA, die  Anerkennung der „eingeschränkten Alltagskompetenz“?

Derzeit weder beschulbar noch ausbildungsfähig.“ Angststörungen, Depressionen, Narben auf den Armen, Vertrauensverlust in die eigenen Fähigkeiten, Isolation.

Wie möchte man das behandeln? Mit Klinikeinweisung und Antidepressiva, Verhaltenstherapie und betreutem Wohnen.

Ist das Inklusion?

Ist das ein menschenwürdiger Umgang?

Wollen wir weiterhin eine Gesellschaft sein, die Behinderte versteckt?

Reicht es denn, wenn wir uns ein paar Tage über solche Reportagen aufregen, schockiert sind, es nicht glauben wollen, weil wir es nicht ertragen können, usw.? Haben wir uns schon zu sehr daran gewöhnt, dass sich andere „darum kümmern“, nur nicht wir?

Ich bekomme richtig Angst, einmal nicht mehr für meine Tochter da sein zu können. Ich habe das Gefühl, ich muss sie schon ihr Leben lang vor dem Bösen bewahren, und je älter sie wird, desto mehr werde ich dafür bestraft, sie in ihrer Persönlichkeit zu fördern und nach ihren Möglichkeiten zu fordern. Da wundert es einen letztendlich nicht, dass Behinderte innerhalb ihrer Kreise bleiben sollen, denn sie leben dort wenigstens in einem geschützten Rahmen, zumindest was die Außenwelt angeht.

Aber das kann nicht der Weg sein! Deshalb müssen wir raus! Aufmerksam machen, aufklären, hinweisen und auch schockieren! Der Mensch ist ein ängstliches Tier – er vermeidet ihm Unbekanntes. Aber dann sollten wir uns bemühen, den Schritt nach vorne zu wagen. Alle! Noch mehr! Gemeinsam! Lauter! Schriller! Heller!

Es gibt manchmal so viel Quatsch, für den Menschen auf die Straße gehen, demonstrieren, Petitionen erstellen… Aber die Menschen in unserer Mitte, unsere Nachbarn, unsere Familien, werden dabei völlig übersehen.

Deshalb können von mir aus gerne noch mehr versteckte Kameras „herum spazieren“ und riesige Plakate aufgehängt werden:

Schaut endlich hin!

Und schließlich würde ich mir einen positiven Blick auf jeden Menschen wünschen, wo Defizite zur Selbstverständlichkeit gehören, die wir untereinander und gegenseitig ausgleichen.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Diagnosen – Inklusion – Umgang mit Behinderung

  1. joola schreibt:

    Unser Sohn ist auch Asperger Autist und auch wir haben schon so viel erlebt und durchlitten beim Thema Schule. Mit 12 Jahren wurde er – nachdem er vorher ein Jahr lang von einzelnen Lehrern drangsaliert und zuletzt richtig gemobbt wurde (Schulbegleiter wurde ihm auch hier von Seiten der Schule verweigert, alle Gespräche von unserer Seite erfolglos, MSD-A war uns überhaupt keine Hilfe, die ganze(?) Dimension hat uns unser Sohn aber auch erst viel später erzählt) – von einem Tag auf den anderen in Anwesenheit der Jugendpolizei von der Schule (Privatschule, die damit geworben hatte, sich mit dem Thema Autismus gut auszukennen) geschmissen, weil der Rektor und die Lehrer gehauptet haben, dass er einen Amoklauf plane, was sich im Nachhinein als völlig haltlos und die Unterstellung als absolut absurd, ja richtiggehend lächerlich erwiesen hat – was auch die Polizei bestätigt hat. Das Schlimmste finde ich, dass solche Vorfälle alle Kraft rauben und Angst vor der Zukunft machen. Wir haben uns vollkommen ausgeliefert und „wie im falschen Film“ gefühlt. Auch, dass diese Schule keinerlei Konsequenzen tragen muss, finde ich unerträglich. Beim Kultusministerium bekam ich die Auskunft, da es eine Privatschule sei, können wir nur privatrechtlich dagegen vorgehen. Dafür reicht weder unser Geld noch unsere Kraft.
    Auch wenn es im Moment an der neuen Schule ganz gut läuft, freue ich mich über jeden Schultag, der geschafft ist und habe gleichzeitig jeden Tag Angst, dass wieder irgendetwas ist…

    Viele Grüße
    joola

    Gefällt 1 Person

    • sinnesstille schreibt:

      Es ist doch immer wieder erschütternd, wie viele solcher Werdegänge sich ähneln.
      Die Angst kann ich sehr gut verstehen, leider hat es Spuren hinterlassen. Aber es geht nun doch deutlich bergauf, das gibt Hoffnung.
      Euch alles Gute für die Schulzeit!

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s