Was da passiert, gefällt mir gar nicht

 

Hier hatte ich vor kurzem erst dazu geschrieben – jetzt spitzt sich das alles richtig zu.

Am Montag gegen halb neun bekam ich eine Panikattacke, die sich gewaschen hatte (RW). Ich war zuvor noch mit dem Hund draußen, und nach meinem zweiten Kaffee legte ich mich wieder auf die Couch, weil ich nicht gut geschlafen hatte. Während ich mich ein bisschen vom TV berieseln ließ, ging es los. Aus dem Nichts heraus schlug mein Herz, als würde es durch die Rippen brechen wollen, meine Hals- und sonstigen Hauptarterien drohten zu platzen und fühlten sich heiß an, mir wurde ganz anders. Die Atmung wurde flach, alles fing an zu kribbeln. Ich stand auf und ging meine Runden durch die Wohnung, Adrenalin ablaufen. Ich spulte mein Programm ab. Aber es half nichts. Nicht diesmal.

Ich schrieb eine kurze WhatsApp an meinen Mann „Anrufen!“, was er zehn Minuten später auch tat. Inzwischen hatte sich pure Todesangst in meinen Kopf gesetzt. Das Telefonat dauerte nicht lange. Mein Mann machte sich sofort auf den Weg. Und es wurde schlimmer. Und schlimmer.

Ich rief bei meinem Hausarzt an, der war nicht da und ist auch noch nächste Woche im Urlaub, ich rief bei meiner Psychiaterin an, ein Termin wäre erst Mitte März verfügbar, mit Beiden machte ich einen Termin aus. Seltsam, dass ich in einem solchen Zustand telefonieren konnte, was mir sonst so gut wie unmöglich ist. Vielleicht treibt einen diese Angst dazu, denken ist da eh nicht mehr.

Ich setzte sogar noch Einen drauf: Ich wählte den Notruf. Dort wurde ich alles Mögliche gefragt, auch, wie hoch mein Blutdruck denn sei, der sich so extrem anfühlte, doch ich besitze kein Blutdruckmessgerät. Ich bekam eine Telefonnummer des ärztlichen Notdienstes. Aha. Auch dort rief ich an. Und schimpfte mit der Bandansage „Wenn… dann drücken Sie die …“ – Leck mich!

Eine WhatsApp meines Mannes mit der Angabe, er sei in fünf Minuten da, holte mich wieder etwas in die Realität zurück, ich zog mich an und ging runter. Falls es mich dort umwirft, wird er mich schon finden. Oder ein Nachbar.

So fuhr mich mein Mann zu der Kardiologin, die mich bei meinem ersten Besuch bat, das nächste Mal im Akutfall gleich zu kommen, damit man mich direkt ans EKG hängt. Als ich in die Praxis kam (ich hatte auch dort schnell angerufen) und kurz am Tresen warten musste, führte man mich gleich in den Behandlungsraum, legte mich auf die Liege, während ich mich oben rum auszog… Mir war alles völlig egal. Ich zitterte nur noch, mir war eiskalt.

Anschließend nahm ich im Wartezimmer Platz bis mich die Ärztin holte. Dort schaute sie abwechselnd mich und die Auswertung des EKGs an. Nichts. Sie sah, dass es mir schlecht ging, mir liefen die Tränen runter. Zwar war ich wohl nicht mehr ganz so blass wie zu Anfang, aber offensichtlich war die Ärztin weit weg von der Meinung, ich würde simulieren.

Sie sagte, dass sie mir vorsichtshalber ein Langzeit-EKG für drei Tage anbringen möchte, dazu muss ich alles dokumentieren, aber so wie das aussieht bleibt sie bei ihrer ersten Meinung, dass das psychosomatisch sei. Dachte ich mir schon. Der Verstand weiß es besser. Und wir hatten beim letzten Mal auch schon darüber gesprochen.

Aber sie gab mir den Rat mit auf den Weg: Sollte es schlimmer bzw. nicht besser werden, und mich weiterhin so sehr belasten, müsste ich mit meiner Psychiaterin über weitere Schritte oder gar eine Einweisung sprechen, da bei solchen Panik-Patienten früher oder später das Suizidrisiko steigt.

Das haute mich dann schon ziemlich um.

Ich? Niemals.

Aber ja, doch, so wie es mir die letzten Tage ging, ich die Nachwirkungen und die Verzweiflung realisierte, kann ich mir vorstellen wie es dazu kommt, dass manche Menschen nicht mehr können.

Nein, keine Angst, ich spring nicht gleich von der Brücke. (Hab ich schon mal erwähnt, dass ich ein feiger Mensch bin!?)

Und ich frage mich in Dauerschleife: Warum?

Nur, weil ich es geschafft habe, meine Kraftreserven einzuteilen? Oder weil ich jetzt das Bisschen Behördenkram für meine Tochter erledigen muss? Oder mir mein Jüngster derzeit etwas Sorgen macht? Hm, ja da mag was dran sein. Ich hab ein Problem mit Kontrollverlust. Das wird mir gerade sehr bewusst. Was ja schon mal hilft.

Ich bekam von meiner besten Freundin noch eine Adresse von ihrer Therapeutin von früher, die arbeitet auf unterschiedlichen Ebenen, auch über Hypnose, usw. Natürlich keine Kassenleistung, aber mein Mann meinte „Völlig egal.“ Hingehen kann ich ja mal.

Eigentlich wollte ich eine andere Augenarzt-Praxis bzw. Klinik testen, da ich mit meiner jetzigen nicht glücklich bin. Mein letzter Entzündungsschub (bei dieser Autoimmunerkrankung üblich) habe ich wieder ordentlich Sehfähigkeit eingebüßt. Aber ich merke, dass ich keine Kraft habe, mich auf Neues einzulassen. Zumindest in meinem momentanen Zustand nicht. So muss ich wieder abwägen, was ich zuerst in Angriff nehme, was das kleinste Übel mit dem größten Nutzen ist. Und das sind dann so Momente, in denen ich mich richtig allein fühle. Mag nicht mehr. Kann nicht mehr. Kann aber auf der anderen Seite auf die Frage meines Mannes „Soll ich mit dem Hund gehen“ auch nicht jedes Mal „Ja“ sagen. Ich schäme mich so. Ist das nicht völlig bescheuert? Wie gelingt anderen das bloß!? 😦

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6 Antworten zu Was da passiert, gefällt mir gar nicht

  1. autistanbord schreibt:

    Ich sehe in deinem Artikel eine ganze Menge – was ich nicht sehen kann, ist die Feigheit von der du sprichst. Du stellst dich einer wahnsinnig belastenden Situation und gehst damit um, sogut es eben geht. Das ist doch nicht das Verhalten eines feigen Menschen!
    Ich wünsche dir alles, alles Gute, hoffe, dass du die Situation zu deiner Zufriedenheit lösen kannst. Und, auch wenn dir das vermutlich nicht viel bringt, möchte dir hier noch mitgeben: Ich habe ganz großen Respekt vor dir und bewundere, wie klar du offenbar in der Situation und danach denken kannst.

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    • sinnesstille schreibt:

      Die Feigheit sei mit einem Augenzwinkern zu verstehen, bezogen auf einen evtl. befürchteten „Sprung von der Brücke“. Dafür hätte ich den Mut nicht.
      Natürlich kann man das auch umdrehen und sagen, ich bin nicht so feige, das Leben zu verlassen.
      Ich danke Dir sehr für Deine Worte. Doch, sie bringen mir durchaus etwas.

      Gefällt 1 Person

  2. perfeclty me schreibt:

    Das tut mir leid…Panik Attacken sind schrecklich. Ich hoffe jemand kann dir helfen und nimmt dich ernst…hast du mal schauen lassen wegen Mitral Klappen Prolaps?

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