Muskelkater im Kopf

 

Hier und hier habe ich bereits davon erzählt, dass mich Panikattacken in meinem Leben begleiten.

Ich möchte Euch nun auf eine Reise mitnehmen. Eine Reise, die ich neu angetreten bin, und die mich hoffentlich an mein heiß ersehntes Ziel bringt:

Panikattacken und andere Angststörungen loswerden!

Zuvor muss ich ein wenig ausholen:

Nach meiner letzten Attacke bemühte ich mal wieder Tante Google, denn ich hatte die Faxen so dicke, ich wollte einfach nicht mehr. Dabei stieß ich auf Klaus Bernhardt, einem Heilpraktiker und Therapeuten in Berlin. Bevor jetzt jemand „Buh, Werbung!“ schreit – ich erwähne diesen Mann gerne namentlich, aber mein Hauptanliegen ist es, zu berichten.

Zugegebenermaßen war ich skeptisch. Eine Therapieform, neu, einzigartig, noch nicht weit verbreitet, usw. Jeder, der mich hier ein wenig verfolgt hat weiß, dass ich mich durchaus mit solchen Angeboten auseinander setze und nicht alles für wahr halte, was man so verspricht. Gerade wir Autisten müssen uns oft Empfehlungen gegenüber stellen, und ist die Not auch groß genug, werden wir auch immer wieder Lösungsvorschläge ausprobieren, so lange sie uns irgendwie plausibel erscheinen.

Die Website von Herrn Bernhardt beinhaltet u.a. einen kostenlosen Podcast, den ich mir von vorne bis hinten anhörte. Was währenddessen passierte, fand ich schon äußerst faszinierend: Ich empfand eine Art Leichtigkeit und Hoffnung. Ich bestellte das Buch, welches eine „völlig neue Art der Angsttherapie vorstellt“. Mit Übungen und Techniken, mit denen es angeblich schon mehrere Patienten geschafft habe, den Kreislauf der Angst dauerhaft zu entfliehen. Innerhalb weniger Wochen!

Naja, ich weiß ja nicht. Wenn das wirklich funktioniert, dann lauf ich meinetwegen zu Fuß nach Berlin und überreiche diesem Herrn einen Präsentkorb!

Ich wagte es sogar, ihm per E-Mail ein paar Zeilen zu schreiben, denn mich interessierte auch, ob er Erfahrungen mit Autisten habe, und ob diese Methode bei denen ebenso greift. Und er antwortete! Das fand ich schon erstaunlich und zeigte mir, dass es ihm wohl nicht ausschließlich ums Geld verdienen geht. Ich finde seine Art des Schreibens sehr angenehm.

Gestern kam sein Buch und ich las es in einem Rutsch durch. Alles ist sehr gut erklärt und logisch aufgebaut, was meinem Denken durchaus entgegen kommt, und ich spürte, wie sich mein Kopf seltsam anfühlte. Als würde sich ein Band um die Stirn immer enger ziehen. Wenige Seiten weiter las ich dann: „Zwei von zehn [Patienten] empfinden für einige Tage [beim Durchführen der Übungen, die er im Buch beschreibt] einen leichten Druck im Kopf, der aber völlig harmlos ist und auch bald wieder verschwindet.“ Und ich musste schmunzeln. Denn auch das ist nachvollziehbar erläutert, und mein steigender Puls, während ich den Druck verspürte, ließ recht schnell wieder nach. Ich bin recht empfindsam, was meine Körperfunktionen angeht, und ich merkte: Da passiert was.

Jetzt aber fange ich wirklich an.

Was macht mir Angst?

Veränderungen. Kontrollverlust, Orientierungsverlust. Angst, sich zu blamieren, dumm da zu stehen, sich lächerlich zu machen, nicht ernst genommen zu werden. Erwartungen nicht erfüllen zu können. Fehler zu machen. Überhaupt Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Nur um ein paar Beispiele zu nennen.

Bis hierher weiß ich, weil ich mich lange damit beschäftigt habe, dass es ein Teil meiner Erziehung ist, aber vermutlich auch die autistische Wahrnehmung und Verarbeitung. Damit kann ich mal besser und mal schlechter umgehen. Manchmal ärgert mich diese Einschränkung, manchmal ist sie mir nicht wichtig.

Was ist denn eingeschränkt?

Einkaufen gehen. Ich mag es nicht, Leute ansprechen zu müssen, weil ich etwas nicht finde, oder weil ich bitte mal vorbei möchte. In Geschäften ist zudem die Flut an sämtlichen Reizen enorm, welche sich auf allen Sinneskanälen austoben.

Irgendwo hin fahren, wo ich noch nie war. Finde ich überhaupt hin? Wie sieht es dort vor Ort aus? Wie werden die Leute dort sein?

Telefonieren. Kann ich das ausdrücken was ich möchte, so dass man mich richtig versteht? Lässt man mich auch aussprechen, oder verliere ich wegen Unterbrechung den Faden?

Viele Ängste beruhen auch auf negativen Erfahrungen. Dass man mir nicht wohl gesonnen ist, mich ausnutzt, mich zu Sachen zwingt, die ich nicht möchte, von mir Dinge erwartet, die ich eigentlich nur schwer zu leisten imstande bin, aber bei all dem bin ich immer allein, auch, weil ich mir einrede, ich müsse das alles schaffen. Dieses ständige Gedankenkreisen macht einen beinahe wahnsinnig.

Meine wirklichen Angstattacken sind dabei aber nicht wirklich als solche zu spüren. Ich fühle mich unwohl, ja, ich bin nervös oder unsicher, ja, aber das ist doch irgendwie was anderes. Dachte ich.

Meine erste Attacke hatte ich etwa mit 14 Jahren. Seit dem bekomme ich in unregelmäßigen Abständen Migräne-Aura, ohne Kopfschmerz, was angeblich recht selten ist. Es fängt an mit Sehstörungen, Kribbeln und Taubheitsgefühl im Gesicht, was sich über den Kopf zieht, Taubheits- und Lähmungserscheinungen in Arm und Bein, alles immer einseitig, bis hin zu Wortfindungsstörungen. Viele neurologische Untersuchungen wurden gemacht, ich war mehrmals im Kernspintomographen (glücklicherweise habe ich keine Platzangst!), „Verdacht auf“-Diagnosen wurden mir an den Kopf geknallt, bis ich eines Tages in die Klinik gefahren wurde, und mir dort ein Neurologe sagte, was das wirklich sei. Da war ich 22 und zum zweiten Mal schwanger.

Bei mir auch sehr ausgeprägt ist eine Zahnarztphobie. Nicht nur, dass man in meiner Kinderzeit nicht so feinfühlig war wir heutzutage, und ich dort auch immer wieder hörte, ich solle mich nicht so anstellen, fühle ich mich so dermaßen ausgeliefert, dass mein Adrenalin alles dafür tut, dass Betäubungsmittel maximal 10 Minuten wirken. Und irgendwann kann man halt nicht mehr nachspritzen. Außerdem fühlt sich die Betäubung so an wie das Gefühl während der Migräne-Aura, und schon bin ich in einem Kreislauf der Auslieferung, die mir von vorn herein schon so Angst macht.

Der nächste große Schritt in Angst und Panik kam mit den Symptomen meiner Autoimmunerkrankung. Ständig hoher Ruhepuls, Schweißausbrüche, Schlafstörungen, Doppelsichtigkeit, Unruhe,… Ich schob das ewig lange auf den Stress. Aber nein, bei einer OP-Vorbereitung, weil ich nun endlich meine Zähne in Angriff nehmen wollte, und das eben nur mit Vollnarkose geht, kam heraus: Überfunktion der Schilddrüse, Antikörper, die sowohl dort als auch an den Augen angreifen. Einstellung auf Medikamente, alle paar Wochen zur Blutkontrolle, Ultraschall wegen Knoten, furchtbar langwierige Augenuntersuchungen, und die Aussage: Kann man nur unterdrücken und muss lernen, damit zu leben. Alles klar. Ok, mittlerweile gelingt mir das ganz gut, inzwischen bin ich sogar medikamentenfrei, und hoffe, dass alles lange so bleibt. Die Augen frustrieren mich schon, denn wirklich stoppen kann man die fortschreitenden Einschränkungen nicht, aber die Schübe halten sich in Grenzen. Davon lasse ich mich nicht beeinflussen. Dachte ich.

Was ich völlig unterschätzt hatte war, dass ich immer feinfühliger wurde für meine Körperempfindungen. Egal, was mein Körper machte, hatte ich Sorge, dass die Antikörper wieder aktiv sind. Das führte zu Magenschmerzen und seltsamen Kloßgefühlen im Hals. Die Angst, dass etwas nicht stimmt, nahm zu. Eine Magenspiegelung brachte keinen Befund, auch sonst ist alles in Ordnung.

Aber ganz schleichend baute meine Kraft immer weiter ab, und das In-mich-hinein-fühlen wurde stärker.

Geholfen hat mir dann das Antidepressivum, welches ich von meiner Psychiaterin bekam, und mit dem wohl viele Autisten gute Erfahrungen gemacht hatten. Ich wurde ruhiger.

Und dann kam die erste wirklich heftige Panikattacke (ich hätte ja nicht gedacht, dass es da noch Steigerungen geben könnte). Und alles, was mir im Alltag bis dahin als Unruhezustand auffiel, wurde Angst. Ich war bei einer Autismustherapeutin, die sich um Angststörungen kümmert, mein Hausarzt empfahl mir mentales Training, aber ich konnte mich mit all dem nicht anfreunden. Ich wurde immer hoffnungsloser. Und die Angstattacken wurden häufiger, die Angst wurde zur Panik.

Ich habe zwei Langzeit-EKGs hinter mir, mein Herz wurde geschallt und abgehört… Alles in Ordnung.

Und nun sitze ich hier, das Buch von Herrn Bernhardt neben mir, lächle ein wenig in mich hinein und denke: Auf geht’s! Wirklich! Bereits jetzt fühle ich mich besser, und ich habe mit den Übungen noch nicht mal angefangen. (Kurz angerissen: Es geht darum, das negativ programmierte Gehirn wieder umzuprogrammieren, die Negativ-Spirale zu durchbrechen, und den Fokus auf die Angst auslösenden Dinge zu verlieren.)

Wie das Ganze funktioniert, weiß ich jetzt natürlich noch nicht. Aber ich weiß, dass viele Menschen ähnliche Probleme haben, weshalb ich mich dazu entschieden habe, meinen Weg zu dokumentieren. Vielleicht begleitet Ihr mich dabei.

Und wer weiß, vielleicht kann ich auch meiner Tochter etwas davon mitgeben. Aber das wird dann ein anderes Thema.

Fortsetzung folgt… Wenn Ihr mögt.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Muskelkater im Kopf

  1. Luise Kakadu schreibt:

    Da wünsche ich dir viele Aha-Momente, Neugierde, Freude und vor allem Hilfe mit dem Buch 🙂
    Ich bin gespannt auf deine Erfahrungen.
    Es klingt sehr anstrengend, was Du im Moment alles fühlst.
    Fühl dich gerne umarmt, wenn Du magst 🙂

    Gefällt 1 Person

  2. Saskia schreibt:

    Das liest sich nach einem guten Weg.
    Wenn ich deine Texte lese gibt es viele Momente wo ich denke, dann sind es keine Hirngespinste, anderen geht es auch so. Dadurch das so viel negatives passiert ist hat man fast verlernt das es auch viel positives gibt. Darauf sollte man sich konzentrieren.
    Für mich ist es fast so, wie für andere mit dem Rauchen aufzuhören. Ich bin es gewohnt das es nicht so funktioniert wie ich es gerne hätte. Das ich nicht so verstanden werde wie ich es gemeint habe. Ich weiß das es da etwas anderes gibt, aber wie komme ich da hin?
    Rauchen ist ungesund, aber wie komme ich davon los?
    Das mit dem Rauchen habe ich von einem Tag auf den anderen geschafft. Das mit dem positiven Denken klappt auch schon ganz gut. Ich nehme mir Sachen vor die auch zu schaffen sind, aber dann grätscht jemand von außen rein und macht alles zunichte. Dann kommt ein Sorry und das wars.
    Sind meine Erwartungen zu hoch? Darf ich überhaupt Erwartungen an andere haben?
    Sich davon zu lösen ist sehr schwer. Je weniger Erwartungen desto mehr kann man sich über Geschehnisse freuen.
    Bin wohl vom Thema abgekommen.
    Auch jeden Fall würde ich mich freuen wenn du weiter berichtest.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s