Selbstverletzendes Verhalten – die Gründe nicht ersichtlich

Meine Tochter erzählte mir vorgestern so beiläufig, dass sie sich vor knapp zwei Wochen wieder geritzt hat. Unterarm und Oberschenkel.

Jetzt war es so lange nicht mehr vorgekommen, und derzeit ist sie ja durchgehend zu Hause, sie konnte sich richtig gut erholen. Sie hat sich wirklich gut stabilisiert, geht wieder mehr unter Leute, traut sich wieder mehr zu, hat enorme Fortschritte im Selbstwertgefühl gemacht.

Ich erschrak schon etwas, denn ich hatte in der momentanen Verfassung meiner Tochter nicht damit gerechnet. Also fragte ich sie, ob sie das mit dem BVJ, welches sie ab September nochmal versuchen möchte, so beunruhigt. Oder was ihr sonst durch den Kopf geht. Aber sie weiß es selbst nicht. Nö, eigentlich sei ja gar nix. Und mehr will sie dann auch nicht darüber reden, bittet mich, sie damit in Ruhe zu lassen. Selbstverständlich.

Ich verstehe es nicht. Ich selbst hatte nie das Bedürfnis, mich auf diese Art selbst zu verletzen. Bei mir waren es die anfangs bewusst gesteuerten Essstörungen, die sich dann verselbstständigt hatten. Auch blöde, aber war halt damals so. Aber ich wusste auch immer, warum ich das tat. Ich hatte meine Gründe und rechtfertigte vor mir selbst mein Verhalten.

Ich weiß nicht, wie ich das einschätzen soll. Ob sie doch so an den Zukunftsgedanken zu knabbern hat, und es ist ihr gar nicht richtig bewusst?

Aufgeregt hatte ich mich über ihr SVV nie. Ich war einfach nur immer da, als sie deshalb doch mal zu einem Psychologen wollte, brachte ich sie hin, das war’s dann aber auch. Sie schneidet sich auch, Gott sei Dank, nicht sehr tief. Bei zwei drei Schnitten denke ich mir, die hätten ärztlich versorgt werden sollen, aber ok.

Viele fragen mich entsetzt, wie ich dabei so ruhig bleiben kann. Naja, was soll ich sagen? 1.) was nützt es, zu toben, zu schimpfen, auszuflippen oder sonst was? Das macht doch die Sache nicht besser. 2.) wie es in mir dabei aussieht, merkt keiner. Ich muss in diesen Momenten stark für meine Tochter sein. Es kam auch nicht oft vor, dass ich die Schnitte unmittelbar nach Entstehung zu sehen bekam, weil das Versorgen der Wunden zu ihrem Ablauf gehört. Sie sagt, sie fühle sich dabei in einem Trance ähnlichen Zustand, bekäme es gar nicht richtig mit. Nur zwei Mal stand sie heulend mitten im Wohnzimmer und rief mich, mit einer Stimme, die ich mein Leben lang nicht vergessen werde, während ihr das Blut am Arm herunter lief.

Natürlich mache ich mir Gedanken, wie ich ihr helfen kann. Sie findet es selbst auch völlig bescheuert, regt sich auch danach darüber auf, weil es juckt und die Kleidung darüber unangenehm ist, wenn es heilt, aber ganz lassen kann sie es anscheinend doch nicht.

Und ich verstehe es immer noch nicht, wieso jetzt. Oder sie will sich damit nicht wirklich auseinander setzen, wie sie sich wirklich fühlt, was ihr wirklich durch den Kopf geht, was sie wirklich belastet.

Ich muss ihr da wohl vertrauen. Ich bin ja schon stolz auf sie, dass sie damit überhaupt zu mir kam, als das akut war. Ich kann ihr auch nur Hilfe anbieten, annehmen muss sie es selbst. Das Einzige, was ich ihr eindringlich klar gemacht habe, ist, dass ich sie bei wirklicher Gefahr nicht mehr fragen werde, sondern handeln muss. Aber so weit kam es noch nie. Sie hat auch wortlos genickt.

Mir gehen die Ideen aus. Skills helfen nicht in letzter Instanz. Ich werde wohl wieder abwarten und beobachten, und eben darauf vertrauen, dass sie mich weiterhin mit einbezieht.

Vielleicht hat einer von Euch noch Ideen, die uns noch nicht kamen?

 

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7 Antworten zu Selbstverletzendes Verhalten – die Gründe nicht ersichtlich

  1. Luise Kakadu schreibt:

    Ich hab´s gelesen – gefallen kann es mir nicht.
    Mein Kopf gibt dir absolut Recht – alles aufregen würde vermutlich alles nur schlimmer machen. Als ich mich damals schnitt, wäre es jedenfalls so gewesen.
    Einen Rat habe ich dir leider aber auch keinen… ich glaube, da hat jeder Mensch seine eigenen Gründe und Ursachen, bzgl. des „Weshalb“. Vermutlich ist es das Beste, einfach da zu sein und zu lieben.

    Gefällt 3 Personen

  2. perfeclty me schreibt:

    Ach Mensch das tut mir leid. Die Nachbars Tochter ritzt sich auch, Einen Grund kann Sie auch nicht benennen. Sie wartet momentan auf einen freien Platz in der Psychiatrie…freiwillig. Sie ist 15 Jahre alt, wird 16 in August.

    Gefällt 1 Person

  3. generationabschuss schreibt:

    Ich kann dir natürlich auch keine Antwort geben die auf deine Tochter abgestimmt ist, aber ich habe mich selbst jahrelang Selbstverletzt.
    Heute bin ich 22, das ganze spielte sich mit 13-17 ab, wobei es natürlich auch später noch das ein oder andere mal einen Rückfall gab, seit zwei Jahren jedoch nichts mehr.

    Wenn deine Tochter sagt es gäbe keinen Grund, dann kann das durchaus sein. Es ging mir oft so und ich wusste beim besten Willen nicht wie das passieren konnte, ich verstand es nicht.
    Was ich dir damit sagen will, gerade wenn man versucht das ganze zu stoppen, kommt es oft vor, das da eine Art Geistesblitz kommt, eigentlich ist alles gut, doch dann kommt dieser Gedanke und ohne zu denken macht man es.
    Ich versuch das ganze immer ein wenig mit dem Beispiel Autofahren zu erklären, wenn ein Kind vor dein Auto rennt, stoppst du. Ganz automatisch , noch bevor dir bewusst wird was da passiert.

    Natürlich kann ich nicht für die Allgemeinheit sprechen, nur für meine eigenen Erfahrungen.
    Doch so ging es mir damals, als ich dachte, ich hätte den ganzen Mist hinter mir gelassen..

    Und das du so ruhig bleibst, ist meiner Meinung nach das beste was du tun kannst. Sie hat ein wahnsinniges Vertrauen, dass sie dir das erzählt hat, das würdest du nur kaputt machen.
    Zeig ihr das du da bist, frage zart nach, aber bohre nicht.

    Ich wünsche euch alles Gute!

    Gefällt 1 Person

    • sinnesstille schreibt:

      Vielen Dank für Dein Feedback!
      Wenn meine Tochter sagt, sie wisse keinen Grund, glaube ich ihr das natürlich. Ums Grübeln komme ich halt nicht herum, weil ich mich frage, ob ich es ihr noch irgendwie erleichtern kann. Mama halt. 😉
      Trotz allem bin ich dankbar, dass sie mit mir reden kann, und so bin ich einfach da so gut ich kann.

      Gefällt mir

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