Zu Volljährig für Merkzeichen im SBA

 

Ich bin so wütend! Vor einigen Tagen kam der Bescheid vom Versorgungsamt – meine Tochter wurde wegen Volljährigkeit neu überprüft.

Schon beim Erstantrag bekam sie nicht die nötigen Merkzeichen G und B, aber das H. Trotz Widerspruch und Klage wurde lediglich der GdB auf 80% erhöht… Naja, hab ich irgendwo schon erzählt.

Nun ist es so, dass meine Tochter nach wie vor Probleme mit der Orientierung hat, und „Wegstrecken im Ortsverkehr nicht ohne erhebliche Schwierigkeiten zurückzulegen vermag“. Auch steht im Bescheid, dass „die Zuerkennung des Merkzeichens G bei seelischen Störungen voraussetzt, dass der behinderte Mensch sich im Straßenverkehr auf Wegen, die er nicht täglich benutzt, nur schwer zurechtfinden kann.“

Hallooo? Meine Tochter verlässt genau aus diesem Grund das Haus nicht, wenn sie niemanden hat, der sie begleitet. Es gibt drei Ziele, zu denen sie es mittlerweile alleine schafft. Drei! Mit 18!

Erläuterungen unsererseits, die derartige Situationen beschreiben, wurden völlig ignoriert. „Diese Voraussetzungen sind hier nicht nachgewiesen.“

Auch das Merkzeichen B, für Begleitung in Öffentlichen Verkehrsmitteln, wurde abgelehnt. Die Begründung hierfür finde ich eine Frechheit! „Nach den vorliegenden Unterlagen ist davon auszugehen, dass Sie ohne fremde Hilfe in einen Bus oder in einen Zug einsteigen, sich dort während der Fahrt nötigenfalls festhalten und anschließend selbständig wieder aussteigen können.“

Nein! Kann sie nicht! 1. Fragt sie immer noch nach der richtigen Haltestelle, weil sie sich nicht merken kann, in welcher Richtung ihr Ziel liegt, 2. braucht sie auch die Ansage, welche Linie sie nehmen muss, und sie fragt keine anderen Passanten, 3. hält sie sich, wenn das Verkehrsmittel zu voll ist, ggf. eben nicht fest, um Körperkontakt zu vermeiden, oft stell ich sie in eine Ecke, in der ich sie von anderen Leuten abschirmen kann, 4. muss sie darauf hingewiesen werden, wann sie aussteigen muss.

Ist das keine fremde Hilfe?

Das Merkzeichen H wird bei Volljährigkeit sowieso kategorisch aberkannt. Falls jemand von Euch bei Euren Kindern einen Knopf gefunden hat, auf den man nur drücken muss, damit sie schlagartig selbständig werden, sagt mir bitte Bescheid, wo ihr diesen Schalter gefunden habt!

Dazu wird u.a. argumentiert, meine Tochter habe ja einen Hauptschulabschluss geschafft und verschiedene Praktika absolviert.

Schließt Hilflosigkeit also Bildung aus? Was hat das miteinander zu tun? Sie wissen ja noch nicht einmal, unter welchen Umständen meine Tochter dies geleistet hat.

Wie machen das körperlich Behinderte, die eine Assistenz brauchen für Ernährung, An- und Auskleiden, Körperpflege, usw.? Es gibt immer wieder Berichte, dass diese Menschen studiert oder einen anerkannten Beruf haben. Bekommen die dann auch kein Merkzeichen H, weil sie nicht hilflos genug sind?

Nein, ich muss meine Tochter nicht anziehen, waschen oder füttern. Aber ich muss an sie hinreden, dass sie sich regelmäßig umzieht, muss ihr sagen, wie das Wetter ist und welche Kleidung sie dementsprechend tragen kann (sie würde sonst im Sommer mit dickem Pulli rumlaufen, was sie auch schon getan hat), ich muss sie regelmäßig ans Essen erinnern und dazu auffordern, ich muss immer wieder sagen, dass es wieder Zeit zum Duschen ist. Sie braucht mich, wenn sie innerhalb der eigenen vier Wände etwas erledigen möchte (weil sie sich einfach nicht merkt, welches Putzmittel für was geeignet ist, in welchen Wäschekorb jetzt noch gleich Handtücher kommen, welchen Topf sie für Nudeln nehmen kann, usw.). Also auch die ständige Bereitschaft zur Hilfe muss gewährleistet sein. Und wenn’s übers Handy ist, weil ich grad nicht da bin.

Nicht hilflos genug? Nach den „Versorgungsmedizinischen Grundsätzen“ anscheinend nicht.

Na gut. Oder nicht gut.

Allerdings hat das Versorgungsamt einen Fehler gemacht (meine Psychiaterin hat mich darauf hingewiesen): Sie haben sich nicht an sie, die aktuell behandelnde Ärztin gewandt, wozu sie aber verpflichtet sind. Das heißt, das Versorgungsamt hat nach Aktenlage entschieden, mit Befunden von 2016 und älter, in denen es aber um die Depression und das SVV ging, also nichts darüber aussagt, wie der Alltag aussieht.

Das allein reicht für einen Widerspruch, und ich werde das so nicht stehen lassen. Nur allein mit einem GdB ist die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben nicht gewährleistet. Meine Tochter benötigt den Nachteilsausgleich, schon allein, weil sie auch nicht immer nur von Mama und Papa begleitet werden will. Logisch.

Ich versteh’s nicht. Und ich lass das auch nicht einfach auf sich beruhen. Vor lauter Ärger hab ich einen Termin beim Anwalt gemacht, der sich auf Behinderten- und Sozialrecht spezialisiert hat. Dieser Termin ist morgen. Ich war schon einmal bei dem Herren, ich bin gespannt, was der sagt. Ist ja eigentlich so gar nicht meins, aber wenn’s um meine Kinder geht, werde ich zum Tier. Drückt mir bitte die Daumen, dass ich für meine Tochter was erreichen kann.

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15 Antworten zu Zu Volljährig für Merkzeichen im SBA

  1. autistanbord schreibt:

    Ich mag da nicht „Gefällt mir“ klicken, bei so viel Dämlichkeit von Amts wegen.
    Beim Merkzeichen „H“ ist es wohl tatsächlich so, dass es beim Erwachsenen nur eine sehr geringe Anzahl von Voraussetzungen gibt, die erfüllt sein muss damit das vergeben wird.
    Beim Rest fehlen mir ehrlich gesagt die Worte. Ich wünsche euch viel Erfolg beim Widerspruch!

    Gefällt 1 Person

  2. Luise Kakadu schreibt:

    Mein Gefällt mir soll sagen, dass ich deinen Kampfgeist liebe.
    Die Art, wie Du mit dem Scheißdreck umgehst und dich wehrst.
    Wie Du zu deinem Kind stehst; zu ihm hältst und da bist.
    Dass es mich in meiner verletzten Kinderseele berührt, dass es Mütter gibt, die so anders sind als meine eigene und es mir gut tut, daran Teil haben zu dürfen.
    Zu sehen, dass es auch anders geht.

    Ich wünsche dir alle Kraft, Geduld, Zähigkeit und die schärfsten Zähne die es gibt, damit Du dich hier fest- und durchbeißen kannst.
    Es ist gut, dass Du bist, die Du bist.
    Danke hierfür.

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  3. perfeclty me schreibt:

    Oh mann ich wünsche Euch Glück beim Widerspruch. Uns ist er nur für ein weiteres Jahr genehmigt worden was ich nicht verstehe. Bei uns wurde auch nicht bei den Ärzten Therapeuten nachgefragt

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  4. 2ndplanetleft schreibt:

    Ja das ist schon eine Unverschämtheit wie die mit einem umgehen. Eigentlich sind sie ja dazu da den Leuten zu helfen.
    Ich schlag mich auch gerade mit denen rum. Erst habe ich es alleine versucht, dann war ich ziemlich sauer auf welche Weise mit mir umgegangen wurde. Und da ich selbst total überfordert war, habe ich den vdk eingeschaltet. Danach haben die Damen und Herren vom Amt wenigstens mal angefangen, alle Befunde bei den angegebenen Ärzten einzufordern. Eine Endergebnis habe ich nach etlichen Monaten immer noch nicht. Da kann man nur mit dem Kopf schütteln.

    Gefällt 1 Person

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