Ich? Gedanken und Ängste

Das Gefühl, nirgends wirklich dazu zu gehören

Nachdem meine Tochter die Diagnose „Asperger-Syndrom“ erhalten hatte, durchforstete ich alle möglichen und mir zugänglichen Informationsquellen zum Thema Autismus.

Auch der Austausch in einem Forum für Eltern bereichert mich immer wieder aufs Neue, schon allein deshalb, weil man das Gefühl hat, nicht allein zu sein.

Ich bin kein Symptom-Bekämpfer, sondern war schon immer ein Analytiker und Ursachen-Forscher. Ich wollte immer alles verstehen. Die klassische „Warum“-Phase, die zur Entwicklung eines Kindes gehört, dauert bei mir bis heute an, und hat mir leider oft genervte und wenig hilfreiche Kommentare entgegen gebracht wie „Weil halt“ oder „Ist halt einfach so“.

Wenn ich mich mit einem Thema beschäftige, gibt es phasenweise nichts anderes mehr um mich herum, und ich brauche wenigstens Teilerfolge bei meiner Ansammlung an Wissen, bis ich eine Pause machen und mich mit anderen Dingen beschäftigen kann.

Mein Kampf für und mit meiner Tochter hat uns weit gebracht. Ich nehme viele Angelegenheiten meine Kinder betreffend ziemlich locker, zum Missverständnis meiner Mitmenschen, die meinen „Da müsste man doch was tun!“

Getan habe ich weiß Gott jede Menge. Wie oft habe ich mich mit sogenannten Fachkräften auseinander gesetzt, und nicht immer war ich mit ihnen einer Meinung. Unser bisheriger Erfolg aber zeigt mir, dass ich mit meinem Gefühl richtig lag.

Gleichzeitig wurde mir immer bewusster, dass ich selbst Hilfe brauche. Was für eine niederschmetternde Erkenntnis!

Ganz beiläufig wurde ich von einer Psychologin meiner Tochter und der Therapeutin meines Sohnes (er ist ADHSler mit depressiven Episoden) gefragt, ob ich selbst eine Diagnose hätte, oder ob ich eine anstreben würde. Ihnen sei „da so manches aufgefallen“.

Ich? Quatsch!

… Wirklich?

Allerdings ergab es sich, dass ich aus der eigenen Not heraus schließlich doch therapeutisch betreut wurde, da ich immer öfter Angst- und Panik-Attacken bekam, was ich darauf schob, dass mir die Jahre mit meinen Kindern meine Kraftreserven völlig aufgebraucht hatten.

Ohje, das klingt so vorwurfsvoll. Nein, die Schuld liegt keinesfalls bei meinen Kindern, sondern am System, in das sie nicht passen.

Leider arbeitet die Therapeutin nicht mehr in der von mir auserwählten Praxis, aber in den paar Stunden, in denen ich bei ihr war, hat sie ziemlich viel aufgewühlt und in mir in Gang gesetzt.

Wieder analysierte ich. Diesmal mich selbst.

Ganz unterschwellig hatte mir die Therapeutin Fragen gestellt und mir aufgeführt, was sie sieht:

Sie vermeiden Blickkontakt. Wohin schauen Sie denn, wenn Sie mich ansehen?

– Ich schaue auf den Mund, der das Gehörte optisch unterstützt…

Sie überlegen manchmal bewusst, bevor Sie antworten. Währenddessen wirken Sie abwesend.

– Aha!?

Ihre Symptome sind oft Reaktionen auf äußere Reize. Besonders scheinen Ihnen unbekannte Situationen, Menschen und Umgebungen Schwierigkeiten zu bereiten, ihnen wird schwindelig und Sie bekommen Wahrnehmungsstörungen.

– Hm, stimmt schon.

Ich habe beispielsweise einen extrem sensiblen Geruchssinn. Ich mag keine Blumen- oder Parfum-Läden, mit Räucherstäbchen kann ich auch so gar nichts anfangen. Bei manchen Speisen wird mir schlecht. Ich mag den Geruch von frisch geschnittenem Holz oder auch Farben und Lacke. (Ich arbeite ja auch sehr gerne damit.) Aber das finde ich jetzt nicht ungewöhnlich.

Auch gibt es Geräusche, die mich völlig aus dem Konzept bringen können. Je nach Verfassung. Das Brummen von Leuchtsoffröhren oder Geräten, oder ein Pfeifton, den ich nicht einordnen kann. Verkehr, Kindergeschrei, Vogelgezwitscher, Musik aus der Nachbarwohnung… Aber wer mag das schon!? Das Summen von Insekten lässt mich erschaudern, wobei dabei noch die Optik hinzu kommt, die ich ekelig finde.

Kaufhäuser und Supermärkte meide ich ganz. Geburtstagseinladungen verursachen mir schon im Vorfeld Übelkeit. Besuch, der sich spontan ankündigt lösen Herzrasen und Schweißausbrüche aus. Aber ich gehe doch gerne hin und wieder in unseren Rock-Club und genieße die laute Musik, stehe dort mit meinem Drink an der Seite und beobachte gerne Menschen.

Ich bereite mich auf bevorstehende Gespräche akribisch vor und versuche, an alle Eventualitäten zu denken. Fremde Menschen anrufen ist eine meiner größten Hürden. Mein Orientierungssinn war schon immer schlecht. Ich bereite mich auf unbekannte Wege sehr genau vor; ein Hoch auf das Internet mit Fahrplanauskunft und Google-Maps. Es kam aber auch schon vor, dass ich Termine abgesagt habe, weil ich Angst hatte, das Haus zu verlassen.

Bereiche, die mich interessieren und die zu meinem Leben gehören, decke ich mit einem großen Wissen ab und kann auch viel und frei darüber sprechen. Ich habe bereits Vorträge über Autismus gehalten, vor Leuten, die eine Ausbildung zum Fachberater für Tiergestützte Interaktion machten, und selbst mehr „vom Fach“ waren als ich. Auch organisierte ich Seminare und leitete diese im Zusammenhang mit meiner Arbeit als „Hundetrainer“ (ich mag diesen Begriff nicht, aber er ist nun mal geläufig).

Körperkontakt… Auf bestimmte Art und Weise ja, aber was ich ganz furchtbar finde: Wenn ich im Fernsehen ein Bett voller Rosenblätter sehe, in das sich ein Paar liebevoll umarmt, oder eine Frau mit einer Feder genussvoll über den Körper gestreichelt wird… Uaaahhh! Schon allein bei der Vorstellung würde ich mich am liebsten unter der Dusche mit meinem Massageschwamm abschrubben.

Und schon ist es wieder passiert. Ich schreibe und schreibe vor mich hin, es sprudelt einfach aus mir heraus…

Worauf wollte ich eigentlich hinaus?

Ach ja, Diagnostik.

Irgendwann schrieb ich dem hiesigen Autismusverband eine E-Mail mit der Bitte, mir eine Anlaufstelle zu nennen, die sich mit der Diagnostik von Erwachsenen auskennt. Ich bekam auch relativ schnell die Adresse und Telefonnummer einer Praxis, die sehr gute Kritiken bekommen hat.

So sitze ich nun hier, und bin wieder einmal nicht in der Lage, den nächsten Schritt zu gehen. Ich will gar nicht verraten, seit wann ich diese Telefonnummer habe. Peinlich ist das. Es gibt keine E-Mail-Adresse und keine Website. Ich müsste anrufen.

Jemanden um Hilfe bitten? Wen denn? Meinen Mann vielleicht. Oder meinen ältesten Sohn. Mal sehen, vielleicht.

Trotzdem habe ich Angst. Aus gutem Grund:

Ich erzählte einer langjährigen Freundin davon. Ihre Reaktion war ernüchternd und gab mir das Gefühl, mich lächerlich zu machen. „DU? Sollen jetzt alle Menschen autistisch sein? Ist das von Psychologen jetzt grad so Mode?“ Von ihr hätte ich eine solche Reaktion nicht erwartet. Wohlgemerkt: Sie kennt meine Tochter und unser Leben, mit allen Höhen und Tiefen. Auch mich seit über 21 Jahren. „Du kommst doch gut zurecht. Was soll denn an dir autistisch sein!?“

Hat sie Recht?

Bestimmt mach ich mir was vor. Jeder Mensch hat doch hier und da so seine Probleme.

Ich bin ganz sicher nicht scharf drauf, mir einen Stempel aufdrücken zu lassen.

Jedoch kommen mir so viele Berichte von Autisten so vertraut vor. Wie oft saß ich am PC und konnte beim Lesen von ganzen Blogs zustimmend nicken.

Das Ding mit der „Selbstdiagnose“ ist für mich, dass ich vielleicht nicht an- und ernst genommen werde. Es also einfach so zu belassen wie es ist, scheint auch keine Lösung zu sein. Ich hätte auch mit Diagnose nicht vor, durch die Welt zu wandern und allen davon zu berichten. Ich versuche nur, meinen Platz zu finden.

Andererseits habe ich mich wirklich so gut angepasst, dass eine Diagnose vielleicht gar nicht mehr möglich ist. Zumindest dachte ich das immer.

Und gibt es einen Vorteil? Was bringt einem die Diagnose?

Wirklich dazugehörig in der Welt fühle ich mich auch nicht.

Ich stehe also „zwischen den Stühlen“, wie man so sagt.

Ein Satz, den mir meine Therapeutin bei der letzten Verabschiedung mitgegeben hat, begleitet mich aber dann doch:

„Egal, was Sie bisher geschafft und erreicht haben, mit all Ihrem Engagement und mit der Kraft und Energie, die Sie dafür benötigt haben: Vielleicht ist eine Diagnose für Sie der erste Schritt, sich so annehmen zu können, wie Sie sind. Um endlich anzukommen.“

2 Antworten zu Ich? Gedanken und Ängste

  1. Johannes Lewke schreibt:

    Ich kann nur zu einer Diagnostik raten. Bei mir war es die Antwort auf viele quälende Fragen und alles hatte endlich einen Namen, ich wusste nun auch, dass ich nicht etwa alles falsch mache.
    Deine Erfahrungen über die du schreibst klingen schon sehr nach Autismus. Es gab schon einige Fälle, bei denen Mütter/ Väter durch die Autismusdiagnose ihrer Kinder selbst gemerkt haben, dass dies bei ihnen auch sehr gut passt.

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    • sinnesstille schreibt:

      Lieben Dank für Deine Antwort!
      Es ist schon so, dass mich dieser Gedanke nicht mehr los lässt, die Angst, dass ich belächelt werde, begleitet mich dennoch.
      Kommende Woche habe ich ein Erstgespräch in einer Beratungsstelle, vordergründig weil mich diverse Ängste im Alltag einschränken, und ich habe es gewagt, in der empfohlenen Praxis einen Termin zur Diagnostik auszumachen: Juni 2016. Naja.
      Mal sehen, was bis dahin passiert.

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