Ich

Jetzt ist es also „amtlich“

16. Juli 2016

Seit zwei Tagen weiß ich nun, dass mein Eigen-Verdacht, auch ich könnte ins Autismus-Spektrum passen, keine Einbildung oder dergleichen war.

Aber ich greife vor. Denn – für diejenigen, die es interessiert – möchte ich den Ablauf meiner Diagnostik beschreiben. Aber nicht nur das, auch den Weg dorthin. Es ist lang. Deshalb sind die einzelnen Etappen farblich unterschieden. (Alle anderen können ja hier aufhören zu lesen. 😉 )

Vorbereitung

Wie hier und hier schon geschrieben, beschäftige ich mich seit einigen Jahren mit Autismus, und nach und nach ging ich gedanklich immer tiefer durch mein Leben, verglich meine damalige Wahrnehmung mit meinem Wissen von heute, grübelte und überlegte, und je mehr ich alles aufdröselte, desto mehr ergab alles einen Sinn.

Die Entscheidung, mich tatsächlich in eine Diagnostik zu begeben, ist mir nicht leicht gefallen. Es würde nichts oder nicht viel an meinem Leben ändern, ich hatte bereits angefangen, mehr auf mich zu achten, meinen Bedürfnissen und Grenzen mehr Raum zu geben, aber als Mutter von drei Kindern müssen die eigenen Befindlichkeiten oft zurück gestellt werden. Nicht wegen der Kinder an sich, sondern meist wegen der Außenwelt.

Es war Februar 2014, als ich eine Adresse von einer Psychiaterin bekam, die von Autisten als durchgehend positiv bewertet wurde. In eine Klinik, in der ebenfalls eine Abteilung zur Autismus-Diagnostik ist, wollte ich nicht gehen. Ich scheute die Größe, und ich bevorzuge den engeren Kontakt zu einer oder zwei Personen und den persönlicheren Umgang innerhalb einer Praxis.

So weit so gut.

Im Juli 2015 (ja, so lange) wagte ich dann endlich den Anruf. Sehr präsent dabei: das Gefühl, sich lächerlich zu machen. Mit aller Kraft hauchte ich ein „Ich habe Ihre Nummer vom Autismus-Verband bekommen“ ins Telefon, worauf gleich die Antwort kam „Ok, aber die Wartezeiten zur Diagnostik sind sehr lang, aber das wissen Sie vielleicht“ – „Ja, weiß ich.“

Nach kurzer Stille wurde mir im Juni 2016 ein früher Vormittagstermin angeboten, den ich sofort annahm. Wie ich das organisiert bekommen würde, war mir zu dieser Zeit absolut unwichtig.

Ob ich irgendwelche Arztberichte oder sonstige Schriftstücke von irgendwem habe, wurde ich gefragt. „Nein, nichts.“ Mein Puls fing an zu rasen, beruhigte sich aber sofort durch die Aussage „Kein Problem, sie bringen dann einfach Ihre Versichertenkarte mit, und etwa eineinhalb Stunden Zeit.“

Diese Hürde war also genommen. Termin in den Kalender eintragen. Hahaha! Ich hatte noch gar keinen für das Jahr 2016. Logisch. (Ich brauche Kalender in Papierform fürs Auge, nur über irgendwelche Geräte kann ich mein Leben nicht organisieren.) Also gut, Termin unter den 31. Dezember geschrieben, und diesen dann sofort bei Verfügbarkeit in den neuen Kalender übertragen. Da kann zumindest nichts mehr schief gehen.

Zeitsprung – der Weg zum ersten Termin

Tage vorher hatte ich mir die Verbindungen mit den öffentlichen Verkehrsmitteln rausgesucht. Die Psychologin ist außerhalb der Stadt, also musste ich zur und dann mit der S-Bahn fahren. Immer wieder überprüfte ich die Strecke nach Abweichungen, denn gerade die Stammstrecke ist von Zeit zu Zeit mal blockiert, aus welchen Gründen auch immer.

Genügend Zeitpuffer einplanen! Ganz wichtig! Es kann immer was schief gehen, und zu spät kommen ist für mich unerträglich.

Der Weg von der Ziel-Haltestelle zur Praxis sah auch sehr einfach auf Google-Maps aus, gerade mal fünf Minuten, eine gemütliche Zigarettenlänge.

So weit die Theorie.

Am Tag selbst dann alles im Vorfeld zusammen gepackt, überprüft, mit dem Hund eine große Runde gelaufen, denn der würde länger allein daheim bleiben müssen, nochmal alles überprüft, meine ausgedruckten Pläne eingesteckt, und los.

Bus früh genug erreicht – zur S-Bahn gefahren… Ich muss hier über die große Straße, aber… Shit… Baustelle… der Fußgänger-Übergang wurde verlegt… Wo… Ok, da laufen Leute lang, geh ich denen hinterher… Ah, ja… hier geht es lang… Puh!

S-Bahnsteig erreicht, erschöpft hingesetzt, mit Handy ins Internet ein bisschen lesen. Die S-Bahn kam pünktlich, ich fand einen guten Sitzplatz… leider lässt sich nicht vermeiden, dass Leute zusteigen, die sehr laut reden, telefonieren, irgendwas zum Essen raus ziehen und kauen… Geräusche werden für mich in solchen Situationen immer lauter, aber ich kann mir leider mit Ohrstöpseln oder Musik nicht helfen, da meine Ohren meine beeinträchtigten Augen ausgleichen müssen.

Ok. Ziel-Haltestelle erreicht. Ich kam so an, dass ich eine viertel Stunde für den Fünf-Minuten-Weg hatte. Für mich eigentlich sehr knapp, aber der Weg war ja nicht kompliziert, und eine S-Bahn früher wollte ich nicht fahren. Ich brauchte kurz und ein paar Schritte um zu erkennen, dass ich auf der Richtigen Seite der Bahngleise war, entdeckte die Straße, die ich lang musste, zündete mir eine Zigarette an und marschierte los… Ah, ja, genau, hier muss ich rüber, dann bin ich schon in der Straße, in die ich muss… Also weiter bis zur Nr. 36.

Und dann kam der Super-Gau: die Straße hörte bei Nr. 20 auf.

Hm, vielleicht… ja, die geht da in einem Bogen weiter… aber da werden die Nummern wieder kleiner… Hier vielleicht? Nein, das sind die ungeraden Zahlen… Da rüber?… Nein, das ist eine andere Straße… Mist! Mist! Mist!… Nochmal ein Stück zurück… Die Zeit!… Stehen – Atmen… Da kommt jemand… All meinen Mut zusammen nehmen… Fragen… Der kannte sich nicht aus… Wieder hin ein paar Meter… da kommt noch jemand… die hat keine Ahnung, ich könne ja mal… Erneut die Straße zurück… großer Wohnkomplex… Da sind Leute vor der Tür… Die wissen es auch nicht… Die Zeit! … Hilfe!…

Am Ende kam dann eine Frau des Weges, als ich gerade den Sechsten oder Siebten fragte, der diese Dame ansprach, ob sie wüsste, wo diese Hausnummer sei… Ja, was genau ich denn suche… „Psychologische Praxis“… „Ach, das dürfte in dem Ärztehaus da drüben sein – kommen Sie mit, ich muss eh in die Richtung.“ Ich dackelte ihr, mittlerweile völlig benebelt, hinterher. Und die Dame hatte Recht: In einer Art Einkaufszentrum etwas seitlich abgelegen steht das große Haus mit der Nummer 36. Ich bedankte mich und ging zum Eingang. Zu. Ich musste klingeln. Mit letzter Kraft stellte ich nochmal meine Augen scharf und fand das Klingelschild. Treppenhaus, groß, leer, 2. Stock, Tür, auf… Links Empfangstresen… Meinen Namen genannt, mich entschuldigt, dass ich zu spät kam – es waren elf Minuten!

„Kein Problem“ – „Doch, für mich schon“ – Karte einlesen lassen – ich durfte mich auf den Stuhl vor dem Zimmer setzen. Dort bin ich dann erstmal zusammen gesackt und starrte auf den Rucksack auf meinem Schoß.

Der erste Kontakt

Vorsichtig schob sich ein freundliches Gesicht in mein Sichtfeld „Frau V.?“ Ich hob den Kopf – die sieht nett aus – ich stand auf, die Psychiaterin stand mit gutem Abstand vor mir und reichte mir vorsichtig die Hand, aber nicht aufdringlich, eher abwartend, ob ich auch die Meine reichen würde, was ich auch tat. Sie bat mich in ihr Zimmer, ließ mich vorgehen und schloss hinter mir die Tür, ich setzte mich auf den angebotenen Stuhl während die Psychiaterin auf ihrem selbst Platz nahm. Kurze Stille, dann die erste positive Überraschung:

„Wie geht es Ihnen hier im Zimmer? Soll ich die Vorhänge schließen? Das Fenster für frische Luft öffnen?“ – „Nein, danke, so ist es ok.“ – Ich ließ nebenbei meinen Blick über ihr Bücherregal hinter ihr schweifen. „Kommen Sie erst einmal an, lassen Sie sich Zeit“ sagte sie, als ich auch ihr sagte, wie schlimm es für mich ist, zu spät zu kommen.

Dann erklärte sie mir den Ablauf: Sie wird mir einige Fragen stellen. Vieles hat sie sich selbst mit der Zeit so entwickelt, denn der Fragenkatalog, der so üblich sei, ist ihrer Meinung nach nicht ausreichend. Das Ganze dauert etwa eineinhalb Stunden, im Grunde aber so lange wie es eben dauert. Sie bat mich, mich nicht zu verstellen, denn das führe schließlich in die Irre, wenn ich eine Pause bräuchte oder etwas trinken wolle, oder ich irgendetwas nicht verstehe, solle ich Bescheid sagen.

Und dann folgte ein wirklich angenehmer Dialog. Die Fragen wurden in ein Gespräch eingebettet, ich bekam so viel Zeit für Antworten, wie ich benötigte, kurze Stille war nicht unangenehm, sie fragte bei manchen Dingen nochmal genauer nach, sie kleidete viel in Beispiele ein, und hörte aufmerksam zu, wenn ich ausführlicher erzählte, weil ich es für wichtig hielt. Sie sagte mir, was ihr auffiel, denn sie habe mich schon gesehen, wie ich in die Praxis rein kam und dann schließlich das Zimmer betrat, ich fühlte mich aber nicht anfixiert, sondern hatte durch und durch den Endruck, es ging wirklich nur um mich. Kein Gefühl des Zeitdrucks. Es wurden einem keine Antworten in den Mund gelegt oder irgendetwas hinein interpretiert. Ein Mal klingelte ihr Handy, sie ging sich entschuldigend ran. Schien privat gewesen zu sein, denn sie sagte was von „Ich bin hier in einem Termin, wenn der fertig ist, komm ich irgendwann…“ Aber auch hier keine Regung von wegen „Jetzt aber schnell“. Es war durchgehend entspannt. Und ich hatte eine Frau vor mir, die Ahnung hat. Wirklich. Keine Klischees, keine Vorurteile, kein Schema F…

Fast zwei Stunden war ich dort. Es war natürlich anstrengend, das sind Gespräche, die auch so in die Tiefe gehen, immer, aber positiv. Am Ende erklärte sie mir, dass sie nun alles auswerten wird, und ich sollte noch einen obligatorischen AQ-Fragebogen ausfüllen, den bräuchte sie halt zusätzlich. Dann bekam ich noch einen weiteren Termin.

Ein paar Tage später erhielt ich einen Brief mit der Bitte, Grundschulzeugnisse und meinen beruflichen Werdegang einzusenden, dann können wir uns beim zweiten Termin auf alles Wichtige konzentrieren. Dies schickte ich ihr auch gleich mit dem AQ-Fragebogen zu, kam aber nicht umhin, ihr noch ein paar Gedanken zu unserem ersten Gespräch mitzuteilen.

Der zweite Termin

Die Fahrt war erträglich, den Weg hatte ich glücklicherweise vor Ort wieder auf dem Schirm, so dass ich mich kein zweites Mal verlief. Auch die Zeit war diesmal mehr als ausreichend, nur Regen und Wind machten alles ziemlich unangenehm, meine Muskulatur verkrampft sich dann immer recht schnell.

Diesmal sollte ich im Wartezimmer Platz nehmen.

Da sich die Termine im Laufe des Tages alle etwas nach hinten verschieben, verlängern sich dadurch auch die Wartezeiten. Auf der einen Seite finde ich so etwas absolut störend, auf der anderen Seite kommt es nun mal vor, dass, wenn man sich für Patienten/ Klienten wirklich Zeit nimmt, nicht alles wie nach Stechuhr abläuft. Also nehme ich das, wenn sonst alles stimmt, gerne in Kauf. Wenn man so etwas weiß, plant man es mit ein. Für mich also ok.

Ich wurde wieder persönlich von der Psychiaterin abgeholt und ins Zimmer geleitet, wir nahmen Platz, auch hier wieder die Frage, ob so alles ok ist, ob sie was im Raum verändern solle, und ich jederzeit Bescheid geben kann, wenn was ist.

Sie ging mit mir dann einige Dinge durch, die sie näher erläutert und erklärt haben wollte, denn, so sagte sie mir, es gibt etwas, was auf den ersten Blick nicht passt. (Weiß nicht, ob ich jetzt hier auf Einzelheiten eingehen soll!?)

Wir redeten auch über meine Kindheit, auch schon beim erstem Mal, über meine aktuelle Situation, meine Familie, meine Gesundheit, meine Bedürfnisse, Stärken, Grenzen…

Ich sah sie förmlich puzzeln. Die Psychiaterin war auch diesmal wirklich bei mir, hörte zu, fragte nach…

Abschluss

Und dann kam: „Ich bin überzeugt davon, dass vor mir eine Autistin sitzt. Eine Autistin mit enormer Kompensationsfähigkeit.“

Was anfangs irritierend war, sich aber dann wohl erklärt hat, dass ich sehr gut und teils schnell antworten kann, auch die Tatsache, dass ich immer schon z.B. Streit zwischen zwei Menschen aufklären und bei der Versöhnung helfen konnte (nach „alten“ Diagnose-Kriterien spräche das gegen Autismus, denn *warum sollte ein Autist das tun*), aber es fällt auf, dass ich dies sehr überlegt und nicht intuitiv tue, Sprache und Menschen immer schon in mein Interessensgebiet fiel, und man merkt mir die Anstrengung an. Und schließlich, dass ich hingegen Kontakte zu anderen Autisten (meistens) als viel angenehmer weil unkomplizierter empfinde, was sie von Autisten immer wieder so bestätigt bekommt…

Kurzes Durchatmen meinerseits. Sollte es das jetzt tatsächlich sein? Ja! Ich bin da! Ich lebe! Oh Mann! Ich darf sein!

Auch die Psychiaterin fragte mich, wie es mir denn nun damit gehe. Darüber habe ich im Vorfeld ja schon viel nachgedacht. Ich stellte mir sehr wohl die Frage, ob ich überhaupt eine Diagnose brauche. Einen Stempel. Was habe ich davon?

Aber eines sei gewiss: „Mal einfach so auf die Schnelle“ entscheidet man sich nicht dafür, seinen Problemen auf den Grund zu gehen. Wie viele Jahre habe ich immer und immer wieder überlegt, nachgedacht, auch durchaus Einiges erreicht, weil ich mehr auf mich geachtet habe.

Wie viele Tiefen habe ich immer und immer wieder durchlebt… Mich selbst angezweifelt und infrage gestellt…

Ich bin jetzt 40! Ich bin müde!

Was also habe ich jetzt?

Eine Erklärung, ein letztes Puzzleteilchen, welches sich lange Zeit versteckt hielt, aber offensichtlich so wichtig war.

Und, vielleicht noch wichtiger: Ich kann los lassen. Los lassen, was mich so lange begleitet hat, wenn es darum ging, warum ich so Vieles nicht „einfach mal eben“ schaffe, mir so schwer fällt.

Eines habe ich mit dieser Diagnose endlich begraben können:

Den Satz „Stell dich doch nicht so an!“

Danke!

(Ich habe in gut zwei Monaten wieder einen Termin bei der Psychiaterin, denn sie hat mir für meine akute Verfassung ein Medikament aufgeschrieben, und FALLS ich es nehme – was sie mir sehr genau erklärt hat – und natürlich auch sonst, möchte sie regelmäßig sehen, wie es ihren Leuten geht.)

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