meine Tochter

Der Weg hört bei der Diagnose nicht auf

Meine Tochter

– geboren 1999 (fünf Jahre nach meinem ersten Sohn)

– vom ersten Tag wechselte sich Schlafen und Schreien ab, die Schlaf-Phasen dauerten maximal 20 Minuten, kein Tag-Nacht-Rhythmus

– Geburt des kleinen Bruders 2001 machten es weder schlimmer noch besser. Es gab weder Eifersucht noch Interesse aneinander. Später häufige Auseinandersetzungen zwischen den Beiden.

– Kindergarten: eine feste Freundin, sonst eher allein für sich, Wutausbrüche bei Misserfolg oder Anforderungen

– erster Kontakt zu Kinderpsychiatern, Diagnose: emotionale, soziale Verhaltensstörungen; Empfehlung: analytische Verhaltenstherapie

– Schuleintritt: Verstärkte Auffälligkeiten in o.g. Bereichen, Verweigerung der Mitarbeit, Konzentrationsstörungen, absolute Verweigerung von Hausaufgaben, Entwicklung von Tics, die sich abwechselten.

– Nächster Test- und Untersuchungsblock; Diagnose: , V.a. ADS ohne Hyperaktivität, Verhaltens- und Emotionalstörung, Begleittics, V.a. Dyskalkulie

– 3. und 4. Klasse: Nachmittagsbetreuung in einer HPT

Seit 2009: Eigenrecherche über Autismus/ Asperger-Syndrom

2010/2011: Diagnose: Asperger-Syndrom, V.a. ADS ohne Hyperaktivität, deutliche soziale Beeinträchtigung, durchschnittliche Intelligenz

So weit, so gut.

Die Diagnose, und damit die Bestätigung meines Verdachts, waren für uns alle eine Erleichterung. Schon bei den ersten Informationen über das Asperger-Syndrom fiel es mir wie Schuppen von den Augen: DAS ist es.

Mit der Diagnose bekamen wir auch Hilfen und Anlaufstellen genannt, die uns bei unserem weiteren Weg unterstützen sollten.

Das Wichtigste war für uns, einen Schulbegleiter zu bekommen, da meine Tochter es nicht mehr lange schaffen würde, all die Schwierigkeiten in der Schule auszuhalten. Angefangen von Missverständnissen über Schuldzuweisungen bis hin zu Mobbing hatten wir alles durch. Ich gab den Lehrern Informationsmaterial, ich organisierte alles Erforderliche beim Jugendamt, selbst eine Schulbegleiterin hätten wir für den Beginn der 7. Klasse schon gehabt. Es fehlte nur noch eine Stellungnahme der Lehrer.

Aber die kam nicht. Als ich nachfragte, hieß es, meine Tochter bräuchte keinen Schulbegleiter, den hätten andere Kinder nötiger. Ich war total geschockt. Also holte ich den MSD-A mit ins Boot, die sich die Situation in der Schule ansehen und die Lehrer aufklären sollten, dass ein Schulbegleiter sehr wohl nötig war. Aber es kam anders: Man wolle meiner Tochter keine Sonderstellung bieten, sie würde sonst noch mehr ins Abseits geraten. Sie sei doch völlig unauffällig und habe Anschluss an die Klasse gefunden. Ich konnte nicht glauben, was ich da hörte.

Warum war meine Tochter so fertig? Warum berichtete sie mir immer und immer wieder von grausamen Vorfällen mit ihren Klassenkameraden? Warum glaubte man ihr nicht? Wie oft war ich in der Schule und musste mir anhören, meine Tochter würde völlig übertreiben oder gar lügen?

Das Thema Schulbegleiter war also von Tisch. Nichts zu machen. Und meine Tochter flehte mich jeden Morgen an, nicht in die Schule zu müssen, fiel in Depressionen und war nach den Weihnachtsferien nicht mehr beschulbar.

Ich erfuhr von einer Schule für Körperbehinderte, die u.a. auch Autisten aufnahm. Sofort machte ich einen Termin, um mir alles anzusehen. Und ich hatte Glück: Es gäbe einen Platz. Meine Tochter durfte eine Woche dort am Unterricht teilnehmen. Danach war allerdings ihre Angst größer als die Not auf der Regelschule, zum Halbjahr allerdings ging der Wechsel sehr schnell. Nebenbei bekam ich von Ärzten und Psychologen den Rat, meine Tochter wegen der Depression unter medikamentöser Einstellung in die Tagesklinik zu geben. Ich verweigerte dies mit meiner Überzeugung, dass durch den Schulwechsel alles besser werden würde.

Und ich behielt Recht. Meine Tochter machte enorme Fortschritte und durfte endlich die Erfahrung machen, dass sie gut und richtig so ist, wie sie ist. Zur Schule ging sie zwar nach wie vor nicht gern, aber sie verweigerte sich nicht mehr. Zwischendurch gab es immer wieder ein paar Tage, an denen sie zu Hause blieb, um sich zu erholen. Das war aber mit der Schule so abgesprochen und auch völlig in Ordnung.

Sie schaffte den normalen Abschluss und behielt auch darüber hinaus Freunde.

Nur danach, als ihr gewohnter Ablauf beendet war, geriet wieder einiges ins Wanken, und sie rutschte erneut in eine depressive Episode. Dazu kam die „Beichte“ meiner Tochter, sie hätte vor einigen Monaten angefangen, sich selbst zu verletzen. Ich verstand das nur allzu gut, aber wie es nun mal so ist, gibt es ja Verpflichtungen. Schulpflicht beispielsweise. Die Anklage wegen „Verletzung der Schulpflicht“ konnte ich abwenden. Die Ansichten von Psychologen und Therapeuten weniger. Zumindest machte ich mir keine Freunde, und Alternativen wurden mir auch nicht angeboten. Ich solle mein Kind, mittlerweile 16 Jahre alt, in die Tagesklinik, bei Bedarf auch stationär, einweisen lassen, oder sie in ein betreutes Wohnheim abgeben.

Bitte?

Sie braucht doch nur Zeit!

Druck und der Versuch, ihre Probleme zu behandeln, die doch nur Symptome waren, verschlimmert doch nur alles!

Ich beharrte auf mein Gefühl und verweigerte erneut die Empfehlungen der sogenannten „Fachkräfte“.

Ich wendete mich an eine Einrichtung, die BvB (Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen) anbieten, extra für Autisten. Meine Tochter will schließlich gar nicht nur tatenlos zu Hause sein. Sie ist sehr kreativ und beschäftigt sich viel mit Naildesign, Frisuren, Make-Up und Maske, Kostümbild und vor allem Mangas und Animes. Sie hat sich selbst viel beigebracht und lässt es mittlerweile sogar zu, für ihre tollen Leistungen gelobt zu werden.

Sie war vor einigen Wochen auf einem Anime-Treffen, wo sie selbst mit öffentlichen Verkehrsmitteln hinfuhr, mit Fremden sprach, sich wohl fühlte.

Hätte das eine Tagesklinik oder eine Wohneinrichtung erreicht?

Jetzt, da wir ein sehr inniges Vertrauensverhältnis zueinander erreicht hatten?

Ich denke nicht. Zumindest nicht, ohne dass ich das Vertrauen gebrochen hätte.

Jedenfalls durfte meine Tochter an drei Tagen diese Einrichtung besuchen, um sich das mit dem BvB einmal anzusehen, das Haus kennen zu lernen, usw. Auch das hat sie prima mitgemacht.

Und wenn alles gut klappt, fängt sie im September selbst mit einer BvB an.

Sie möchte Schneiderin werden.

Sie hat ein Ziel.

Vor einem Jahr hatte sie das noch nicht, nicht mal den Mut zu einer Idee.

Wir gehen einen Schritt nach dem anderen, nehmen Tag so, wie er kommt, jeden guten und jeden schlechten, und versuchen daraus zu lernen und etwas Positives mitzunehmen.

Ich bin es leid, dass man oft nur die Probleme sieht – das wird dem Menschen nicht gerecht!

2 Antworten zu meine Tochter

  1. Hallo, sag deiner Tochter doch einen schönen ageuß- sie ist noch Chat allein in diese Situation . Vieles ist hier soooo ähnlich 🙂
    LG

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    • sinnesstille schreibt:

      Danke Dir!
      Die Erkenntnis, dass sie nicht alleine ist und dass es anderen auch so geht, hat meine Tochter etwas ruhiger werden lassen. Mittlerweile hat sie schon ein sehr feines Gespür für ihre Bedürfnisse. Sie wird ihren Weg finden. Ganz sicher. 🙂

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