ABA

ABA – Und was es in mir auslöst

Viele Diskussionen gibt es zu diesem Thema, sowohl von Vertretern dieser Methode als auch von Gegnern. Die Stimmen werden laut, jedoch aus völlig unterschiedlichen Motivationen.

Nun ist es schwierig, über Dinge zu sprechen, die man nicht kennt.

Informationen können dürftig sein, oder aber aus einer bestimmten Richtung betrachtet ein verfälschtes Bild abgeben.

Seit langem mache ich mir die Mühe, sämtliche Informationen, die es im Internet zu finden gibt, zu sammeln, durch zu gehen, und akribisch zu durchleuchten.

Was dies in mir auslöste, daran hätte ich im Traum nicht gedacht.

Je weiter ich in diese Materie hinein schlitterte, umso mehr zerpflückte ich mein eigenes Leben.

Erschreckender Weise stellte ich dabei fest, wie sehr ich doch von bestimmten Erziehungsmethoden und Umgangsformen beeinflusst worden bin, und welche Spuren diese bei und in mir hinterlassen haben. Bei dieser Erkenntnis breche ich allerdings nicht in Jubelgeschrei aus, denn mir wurde klar, dass ich eigentlich nur geformt worden bin, um in der Gesellschaft bestenfalls positiv aufzufallen.

Als ich zudem noch erkannte, wie unselbstständig ich auch heute noch bin, fiel ich in ein tiefes Loch.

Ich bin Ende dreißig, und musste feststellen, dass ich im Grunde nie gelernt habe, ein eigenständiges Leben zu führen.

Was hat das mit ABA zu tun?

Worum geht es mir denn überhaupt?

Dazu muss und werde ich sehr weit ausholen, denn man muss begreifen, wie alles miteinander verknüpft ist. Mein Ziel ist es nicht, einzelne Bereiche hervorzuheben und schlecht zu machen, sondern aufzuzeigen was passieren kann, wenn man bestimmte Dinge nur aus einer Richtung begutachtet.

Was ist ABA?

Das wird auf einschlägigen Seiten erklärt und propagiert. Dafür wird Werbung gemacht und dazu gibt es mehr als genug Vorträge.

Ich greife nun einzelne Punkte heraus, um sie von allen Seiten zu bearbeiten.

Die Philosophie von ABA besagt (Quelle: Knospe-ABA)

Kinder mit Autismus-Spektrum-Störungen können und werden von ihrem Umfeld und von der ABA-Methode lernen. Durch die Wissenschaft der angewandten Verhaltensanalyse (Applied Behavior Analysis – ABA) und Verbal Behavior können wir ihr Umfeld auf verschiedene Art und Weise verändern, um somit zu einer deutlich verbesserten Lebensqualität beizutragen.“

Okay. Nochmal:

Kinder mit Autismus-Spektrum-Störungen können und werden von ihrem Umfeld […] lernen…“

Natürlich können und werden sie das.

Jedes Lebewesen wird u.a. von seiner Umwelt geprägt.

Dazu gehört die Familie, andere Mitmenschen im engeren und weiteren Kreis, das Lebensumfeld wie Wohnung, Umgebungsart, infrastrukturelle Gegebenheiten, usw.

Der ganz normale Alltag eben, in den man hinein geboren wird, trägt dazu bei, einen Menschen in der Entwicklung zu beeinflussen. Ganz automatisch.

Auch gesellschaftliche, religiöse und kulturelle Regeln werden ganz selbstverständlich von Generation zu Generation weiter gegeben.

Das war schon immer so, das wird sich auch nie ändern.

Der letzte Teil:

„… können wir ihr Umfeld [also das Umfeld der Autisten] auf verschiedene Art und Weise verändern, um somit zu einer deutlich verbesserten Lebensqualität beizutragen.“

Das klingt wunderbar.

So wird also auf die Andersartigkeit eines jeden Autisten Rücksicht genommen und das Umfeld so gestaltet, dass dieser sich sicher, verstanden und gut aufgehoben fühlt, sich nach seinen Möglichkeiten frei entwickeln und entfalten kann, um ein glücklicher Mensch zu werden, mit all seinen Kompetenzen.

Klingt ähnlich optimal wie die Definition der Inklusion.

Jetzt kommen wir zur Mitte:

„[…]von der ABA-Methode[…]

Durch die Wissenschaft der angewandten Verhaltensanalyse (Applied Behavior Analysis – ABA) und Verbal Behavior[…]“

Hier wird es für mich schwierig, nein, unverständlich.

„angewandte Verhaltensanalyse“.

Was schreibt Knospe-ABA?

„…ist eine Behandlungsmethode für Autismus. Dieses Verfahren basiert auf wissenschaftliche Grundregeln des Verhaltens, um sozial nützliche Repertoire (Charaktereigenschaften) aufzubauen und problematisches Repertoire zu verringern. Die ABA-Methode für Autismus konzentriert sich auf kleine messbare Einheiten des Verhaltens, die systematisch unterrichtet werden (Cooper, Heron, & Heward, 1989)“

Autismus wird behandelt? Aha…

Einheiten des Verhaltens werden systematisch unterrichtet. Hm…

Auf Wikipedia ist u.a. zu lesen:

„… Die angewandte Verhaltensanalyse versucht das Verhalten von Menschen oder Tieren zu ändern, indem sie die vorausgehenden Bedingungen und nachfolgenden Konsequenzen des Verhaltens verändert…

Moment!

Hieß es nicht in der Philosophie, das Umfeld würde verändert?

Das lass ich an dieser Stelle einfach mal so im Raum stehen, und sortiere weiter.

Jede Verhaltensfähigkeit, die ein autistisches Kind nicht aufweist, wird nach und nach in kleine Schritte unterteilt. Diese Unterteilungen können verhältnismäßig einfache Reaktionen wie der Blickkontakt sein, aber auch komplexe Handlungen, wie spontane Kommunikation oder soziale Integration. Jeder Teilabschnitt wird durch Stichworte oder Anweisungen präsentiert. Manchmal wird ein „Prompt“ (Hilfestellung) hinzugeführt. Dieser „Prompt“ kann unter anderem eine leichte körperliche Leitung sein, um dem Kind den Einstieg zu erleichtern. Im späterem Verlauf der Behandlung wird darauf geachtet, dass diese „Prompts“ so wenig wie möglich angewendet werden und durch Rücknahme der Hilfestellung schnell schwächer werden. So soll eine Abhängigkeit an die Hilfestellung vermieden werden.

Zurückspulen:

Jede Verhaltensfähigkeit, die ein autistisches Kind nicht aufweist…“

Wovon reden wir hier?

Ein Stichwort: Blickkontakt.

Gesellschaftlich wissen wir, dass man sein Gegenüber ansieht, weil „sich das der Höflichkeit halber so gehört“.

Nun wissen wir aber auch, dass Autisten Probleme damit haben, in die Augen zu schauen.

Grund hierfür könnte sein, dass man sich verletzlich fühlt, wenn eine direkte Verbindung von Aug zu Aug besteht. Oder aber Augen sagen einem schlicht nichts, die Knöpfe der Bluse sind viel interessanter, warum also sollte man in die Augen schauen.

Ein weiteres Lernelement:

Körperkontakt.

Jeder Mensch hat seine ganz persönliche Wohlfühlzone, seine Individualdistanz, die er gerne einhalten und eingehalten wissen möchte.

Jedes Mal, wenn diese Individualdistanz unterschritten wird, fühlen wir uns unwohl, der Puls steigt, wir werden unsicher, wir weichen automatisch zurück.

Berührungen von fremden Menschen werden idR als aufdringlich und unhöflich empfunden, man fühlt sich belästigt.

Ein gesundes Gefühl für nonverbale Signale zeigt dem Gegenüber, dass er Abstand halten soll. Das wird unter neurotypischen Menschen als völlig normal und selbstverständlich praktiziert.

Bei vielen Autisten wird dieses Unwohlsein der unterschrittenen Individualdistanz noch gesteigert durch eine wesentlich intensivere Wahrnehmung:

Der Geruch des Gegenübers ist unangenehm, die Optik, die einen verwirrt, der Schmerz, den eine Berührung auslösen kann, die Stimme, die einem zu laut erscheint…

ABA möchte, dass sich das Kind angemessen verhält.

Angeblich dürfte das Kind frei entscheiden.

Wie aber kommt es dann zu Trainingseinheiten (=> Ausschnitte aus einem Video), in denen das Kind nur mit seinem Spielzeug spielen darf, wenn es beim Vater (?) auf dem Boden, besser noch zwischen dessen Beinen sitzt?

Das Kind wird permanent dazu genötigt, dort wieder Platz zu nehmen, sonst wird ihm das Spielzeug weg genommen.

Es kommt überhaupt nicht dazu, sich auf das Spielzeug einzulassen, denn es kämpft eigentlich dafür, sich damit in ein ruhiges Eck zurück ziehen zu dürfen.

„Diese unterrichtenden Lernreihen werden ständig wiederholt.“ So ist es auf der Knospe-ABA-Seite zu lesen.

Wollen wir nun ernsthaft darüber diskutieren, dass man dabei nicht wütend werden soll, wenn man in seinem Tun ständig eingeschränkt wird?

„Häufig auftretendes problematisches Verhalten wie Wutanfälle, Selbstverletzung und Rückzug wird systematisch analysiert. Insbesondere Situationen, die dieses Verhalten hervorrufen, müssen erkannt und dokumentiert werden. Das Kind soll in bestimmte Bahnen geleitet werden, um angemessenes Verhalten an den Tag zu legen, welches unvereinbar mit dem Problemverhalten ist.“

Hier wird Wut also als Problemverhalten bezeichnet. Zudem soll ein angemessenes Verhalten an den Tag gelegt werden, welches sich damit nicht vereinbaren lässt.

Heißt das, das Kind soll also gegen seine aufkeimende Wut und Verzweiflung, gegen sein von der Natur mitgegebenes Gefühl handeln, und Papa kuscheln und liebkosen, damit es sein Spielzeug bekommt? Immer und immer wieder?

Und jetzt soll noch einer behaupten, das Kind darf frei wählen.

„Spontane Kommunikation“

Was bedeutet das?

„In alltäglichen Bezeichnungen wird Kommunikation als ein „Austausch von Informationen“ beschrieben. In anderen Formulierungen wird das Ziel oder das Resultat von Kommunikation in einem „Informationsfluss“ gesehen. Damit ist zusammenfassend die Bekanntmachung oder Mitteilung von Wissen, Erkenntnis oder Erfahrung gemeint. „Austausch“ kann als Gegenseitigkeit verstanden werden; „Fluss“ enthält die Vorstellung einer Richtung, die ebenfalls beidseitig sein kann…

„Unter informeller Kommunikation wird der spontane und ungeplante Austausch bezeichnet. … Informelle Kommunikation ist durch den Gebrauch von Umgangssprache und fehlende Dokumentation charakterisiert.“

Also Smalltalk.

Noch irgendwelche Fragen?

Natürlich können Autisten auch Smalltalk.

Aber wie spontan dieser ist, ist eine völlig andere Geschichte.

Trainieren kann man es bestimmt. So passt man einen Menschen Stück für Stück der Umwelt an. Immer und immer wieder.

Muss ja so sein, damit es funktioniert.

Die Bedürfnisse des Kindes werden dabei nach hinten gestellt.

Das zeigt das Trainingsmodell schon damit, dass mit positiver Bestärkung und negativer Strafe gearbeitet wird. (Zur Erklärung: Positiv = ich füge etwas hinzu, Bestärkung = Belohnung, z.B. gebe ich eine Süßigkeit, das Kind darf fernsehen, usw. – Negativ = ich nehme etwas weg, Strafe = erklärt sich von selbst, z.B. ich nehme ein Spielzeug weg, ich entziehe dem Kind Aufmerksamkeit, usw.)

Das Ergebnis ist: Um an seine Belohnung zu kommen, wird das Kind irgendwann das gewünschte Verhalten zeigen. Aber nur aus diesem Grund. Als Mittel zum Zweck sozusagen. Ebenso wird es das gewünschte Verhalten zeigen, um der Strafe zu entgehen. Das nennt man dann Meideverhalten.

Konditioniert nach allen Regeln der Kunst.

Entgegen der natürlichen Individualität. Unabhängig von der persönlichen Entscheidung.

Eine ständige Anleitung, Erwartungshaltung, Druck.

Ich weiß, wovon ich rede.

Ich arbeite als „Hundetrainer“. Und sogar hier kommt man davon ab, den Hund wie einen Roboter zu konditionieren, damit er funktioniert. Man berücksichtigt wieder mehr das Potential des Individuums, und arbeitet mit dem, was es von sich aus anbietet.

Die Folgen einer reinen Konditionierung sind nämlich verheerend:

Das Leben ist nicht zu 100% plan- und vorhersehbar.

Wenn man aber nur auf Ansagen zu agieren und reagieren lernt, ohne begriffen zu haben, um was es eigentlich geht, ist man mit einer Situation, die einem unbekannt ist, überfordert bis hin zu handlungsunfähig.

Rein Konditioniertes lässt sich nicht auf alle Situationen übertragen.

Und dann haben wir die „erlernte Hilflosigkeit“.

Und einen erwachsenen Menschen, der in der Welt nicht zurecht kommt.

Unabhängig von den psychischen Belastungen.

Wie soll ein Kind das verstehen, warum es von der Mutter ignoriert wird, obwohl es weint? Wie soll ein Kind Vertrauen fassen, wenn seine Bedürfnisse immer und immer wieder übergangen werden?

Wie soll dieses Kind selbstbewusst im Leben stehen, wenn seine Entscheidungen immer revidiert werden?

Sich anfassen lassen z.B.

Jedes Kind wird mittlerweile schon im Kindergarten darin bestärkt, „nein“ zu sagen, und ein „nein“ auch sofort zu akzeptieren.

Dies nur als ein Beispiel, was einem Autisten abtrainiert wird.

Na bravo!

Ich könnte noch viele solche Punkte zerpflücken und hier niederschreiben.

Aber ich denke, es sollte reichen.

Ich für meinen Teil distanziere mich ganz deutlich von ABA und dessen Befürwortern.

Und ich wünschte mir, Eltern mögen sich nur einen kurzen Moment hinein versetzen in eine Frau Ende dreißig, die jetzt angefangen hat, sich selbst auszuprobieren und Erfahrungen zu sammeln, wie ihr Tun nach außen hin wirkt.

Unsicher und immer überlegt, niemals spontan und frei, immer mit dem Wunsch, im Erdboden versinken zu können, sehnsüchtig wartend auf Anerkennung, immer fragend, ob alles gut und richtig so ist…

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